Hexen müssen nicht immer fliegen, manche fahren elektrisch.

Womöglich gibt es Menschen, die von Anfang an etwas feiner auf ihre Umgebung reagieren. Menschen, die eine Stimmung wahrnehmen, bevor jemand ein Wort darüber verliert, die kleine Veränderungen in einem Gesicht bemerken oder spüren, dass mit einem Menschen etwas nicht stimmt, obwohl dieser lächelt und sagt, alles sei in Ordnung.

Früher hätte man solche Menschen vielleicht Hexen genannt.
Nicht, weil sie zaubern konnten, sondern weil sie Dinge bemerkten, für die andere keine Erklärung hatten.

Ich habe mich in diesem Gedanken immer ein wenig wiedererkannt.

Schon früh wurde mir gesagt, dass ich Menschen schnell einschätzen könne.
Dass ich Dinge bemerke, die anderen entgehen und manchmal etwas ausspreche, das jemand anderes erst viel später selbst erkennt.

Ich habe nie behauptet, Menschen durchschauen zu können.
Es war eher dieses leise Gefühl, das manchmal da war, bevor mein Kopf überhaupt wusste, wonach er eigentlich suchte.

Ein Blick, eine Veränderung in der Stimme, eine merkwürdige Spannung in einem Gespräch.

Nichts davon ist für sich genommen ein Beweis für irgendetwas. Trotzdem fügt sich manchmal aus vielen kleinen Eindrücken ein Gesamtbild zusammen, lange bevor man es bewusst erklären kann.

Lange habe ich diesem Gefühl vertraut.
Heute sehe ich das etwas anders.

Nicht, weil ich plötzlich glaube, dass meine Wahrnehmung wertlos ist, sondern weil ich gelernt habe, dass Wahrnehmung und Gewissheit zwei verschiedene Dinge sind.
Man kann etwas spüren und sich trotzdem irren.
Man kann einen Menschen aufmerksam beobachten und ihn dennoch nicht vollständig kennen.

Diese Erkenntnis war für mich nicht besonders angenehm.

Denn wenn man sich einmal darin geirrt hat, einen Menschen richtig eingeschätzt zu haben, beginnt man irgendwann auch die eigenen Fähigkeiten infrage zu stellen.
Genau dort schließt sich für mich der Kreis zu meinen vergangenen Freundschaften.

Ich habe mich lange gefragt, warum ich manche Dinge nicht früher bemerkt habe?

Vielleicht hatte ich die Signale gesehen und anders interpretiert?
Vielleicht habe ich etwas gespürt, aber meinem Wunsch vertraut, dass alles gut sein würde.
Vielleicht waren manche Warnzeichen auch überhaupt keine Warnzeichen, sondern wurden erst im Nachhinein zu solchen, weil ich wusste, wie die Geschichte ausgegangen war.

Ich werde darauf wahrscheinlich nie eine eindeutige Antwort bekommen.
Und inzwischen muss ich das auch nicht mehr.

Denn meine Intuition muss keine übernatürliche Fähigkeit sein, damit sie etwas bedeutet.
Vielleicht ist sie nichts anderes als die Summe aus Erfahrungen, Beobachtungen und kleinen Informationen, die mein Kopf schneller verarbeitet, als ich sie bewusst benennen kann.

Ob man das Intuition nennt oder Psychologie, ist dabei fast nebensächlich.

Wichtig ist, dass ich wieder lernen möchte, auf mich selbst zu hören, ohne jedes Gefühl sofort zur Wahrheit zu erklären.

Das ist für mich ein großer Unterschied.

Ich möchte meiner Wahrnehmung vertrauen können, ohne ihr blind zu folgen.

Vielleicht ist genau das erwachsenes Vertrauen in sich selbst:
nicht davon auszugehen, immer recht zu haben, sondern sich auch dann ernst zu nehmen, wenn man einmal falschgelegen hat.

Und dann gibt es noch eine andere Seite dieser Sensibilität, die mit Menschenkenntnis eigentlich gar nichts zu tun hat.

Ich nehme die Welt häufig sehr intensiv wahr.
Musik kann mich tief berühren, bestimmte Orte können Erinnerungen auslösen und manchmal reicht ein kleiner Moment, um mich länger zu beschäftigen, als ich erwartet hätte. Gleichzeitig kann zu viel Lärm, zu viel Nähe oder zu viel emotionale Spannung anstrengend werden.

Früher dachte ich, ich müsste irgendwann lernen, weniger zu fühlen.
Heute sehe ich das anders.

Es gibt Seiten an mir, die ich nicht loswerden möchte, nur weil sie manchmal anstrengend sind.

Meine Sensibilität hat mir nicht nur Unsicherheit gegeben, sondern auch Aufmerksamkeit, Empathie und die Fähigkeit, Schönheit in Dingen zu entdecken, an denen ich sonst vielleicht vorbeigegangen wäre.

Vielleicht liegt darin meine ganz persönliche Art von Magie.
Nicht darin, die Zukunft zu kennen oder Menschen zu durchschauen, sondern darin, aufmerksam zu sein.

Und dann ist da dieser eine Satz, der mir bis heute geblieben ist:

„Hexen müssen nicht immer fliegen, manche Hexen fahren elektrisch.“

Eigentlich war es nur ein scherzhafter Satz.
Für mich war er trotzdem mehr.

Denn lange hatte ich Angst davor, dass Menschen zuerst meinen Rollstuhl sehen und erst später mich. Dass mein Körper bestimmt, welches Bild andere von mir haben. Dass etwas, das ich mir nicht ausgesucht habe, irgendwann stärker wahrgenommen wird als alles, was mich als Menschen ausmacht.

Dieser Satz hat das für einen Moment verändert.

Er machte aus etwas, das ich lange als Einschränkung betrachtet hatte, etwas Eigenes.
Etwas, über das ich selbst lachen konnte.
Nicht auf Kosten meiner Behinderung, sondern gemeinsam mit ihr.

Mein Rollstuhl nimmt mir nichts von meiner Persönlichkeit,
meiner Sensibilität oder meiner Art, die Welt wahrzunehmen.
Er ist ein Teil meines Lebens, aber nicht die Erklärung für alles, was ich bin.

Vielleicht ist das auch eine Form von Stärke.

Nicht darin, unverwundbar zu werden, sondern darin, die eigenen empfindlichen Stellen zu kennen und sie trotzdem nicht verstecken zu müssen.

Ich glaube heute nicht mehr daran, dass Menschen wie offene Bücher vor mir liegen. Dafür habe ich zu oft erlebt, wie kompliziert Menschen sein können und wie leicht man sich täuschen kann – manchmal durch andere, manchmal durch die eigenen Hoffnungen und manchmal durch die Geschichten, die man sich im Nachhinein selbst erzählt.

Aber ich möchte deswegen auch nicht abstumpfen.

Ich möchte weiterhin aufmerksam sein. Ich möchte weiterhin viel fühlen dürfen und Dinge hinterfragen. Ich möchte meiner Intuition zuhören, ohne aus jedem Gefühl eine Wahrheit zu machen.

Und vor allem möchte ich wieder lernen, mir selbst zu vertrauen.

Nicht, weil ich immer richtig liege.
Sondern weil ich auch mit meinen Irrtümern leben kann.

Vielleicht ist das die eigentliche Lektion, die hinter all diesen Gedanken steckt:
Menschen zu erkennen ist nicht dasselbe wie Menschen zu kennen. Und sich selbst zu vertrauen bedeutet nicht, immer die richtige Antwort zu haben.

Es bedeutet, auch dann bei sich zu bleiben, wenn man keine Antwort hat.
Womöglich ist das meine Art von Magie.
Keine Zauberei, keine Vorhersagen und keine Fähigkeit, hinter jede Fassade zu blicken.
Einfach nur die Bereitschaft, genau hinzusehen, tief zu fühlen und trotzdem offen zu bleiben.
Und manchmal, wenn ich nachts darüber nachdenke, muss ich über diesen einen Satz lächeln.

Hexen müssen nicht immer fliegen, manche fahren elektrisch.

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