Jedes Ende ist ein neuer Anfang, auch wenn man das meistens erst viel später versteht. Und jeder Anfang trägt gleichzeitig schon die Möglichkeit eines Endes in sich.
Das klingt vielleicht traurig, aber eigentlich gehört beides zusammen.
Tag und Nacht, Nähe und Distanz, Vertrauen und Zweifel – vieles in unserem Leben existiert nicht unabhängig voneinander, sondern bekommt seine Bedeutung gerade durch sein Gegenstück.
Auch Beziehungen funktionieren so.
Menschen begegnen sich, lernen sich kennen, werden ein Teil des Lebens des anderen und hinterlassen dabei etwas, das manchmal noch lange bleibt, nachdem die gemeinsame Zeit längst vorbei ist.
Manche Menschen bleiben für viele Jahre, andere nur für einen bestimmten Abschnitt. Manche Wege trennen sich leise, andere nach Streit und Enttäuschungen.
Und manchmal weiß man selbst lange nicht, warum eine Freundschaft überhaupt so wichtig geworden ist.
Ich habe im Internet Menschen kennengelernt, denen ich mit der Zeit vertraut habe.
Aus Gesprächen wurden gemeinsame Abende, aus gemeinsamen Abenden wurden Freundschaften und aus Fremden wurden Menschen, denen ich Dinge erzählt habe, die ich nicht jedem erzählt hätte.
Dabei habe ich ganz unterschiedliche Charaktere kennengelernt, häufig Menschen mit starken Meinungen und Persönlichkeiten, an denen ich mich gerieben, von denen ich gelernt und durch die ich mich selbst besser kennengelernt habe.
Viele dieser Menschen gehören heute nicht mehr zu meinem Leben.
Nicht jede Freundschaft ist aus demselben Grund zu Ende
gegangen.
Manche haben sich einfach auseinanderentwickelt.
Manche sind nach Konflikten zerbrochen und bei anderen haben sich die Wege irgendwann so weit voneinander entfernt, dass kaum noch etwas von der früheren Nähe übrig war.
Ich möchte dabei niemandem die Schuld geben, denn eine Freundschaft und auch ein Streit entstehen nie nur durch einen einzigen Menschen.
Es gibt immer mehrere Sichtweisen, mehrere Gefühle und Dinge, die von außen oft ganz anders aussehen, als sie sich für die Beteiligten angefühlt haben.
Was mich daran bis heute beschäftigt, ist weniger die Frage, wer damals recht hatte, sondern was diese Erfahrungen mit mir gemacht haben.
Denn irgendwann habe ich nicht mehr nur anderen Menschen misstraut, sondern angefangen, an meinem eigenen Urteilsvermögen zu zweifeln. Ich habe mich gefragt, warum ich manche Menschen so anders eingeschätzt habe, ob ich Dinge übersehen habe und ob ich überhaupt noch darauf vertrauen kann, mein Gegenüber richtig einzuschätzen.
Das ist ein seltsames Gefühl, weil man sich selbst dabei ein Stück weit den Boden unter den Füßen nimmt.
Ich merke das inzwischen sogar bei Dingen, die früher vollkommen selbstverständlich waren. Ich kann mich nicht einfach an den PC setzen und so zocken wie früher, ohne dass bestimmte Erinnerungen wieder hochkommen. Spiele, Orte oder Situationen können plötzlich mit Menschen verbunden sein, die längst nicht mehr Teil meines Lebens sind. Es ist eigentlich nur ein Computer, nur ein Spiel und nur eine alte Erinnerung – und trotzdem kann daran erstaunlich viel hängen.
Deshalb vermeide ich es manchmal.
Nicht weil ich vergessen möchte, was einmal war, sondern weil ich noch nicht gelernt habe, mich daran zu erinnern, ohne gleichzeitig das Gefühl dieser vergangenen Zeit zurückzubekommen.
Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Vergessen und Loslassen.
Vergessen bedeutet, dass etwas irgendwann keine Bedeutung mehr hat.
Die Erinnerung mit der Zeit völlig aus dem Gedächtnis verschwindet.
Irgendwann ist es so als wäre es nie geschehen, aber leider bin ich nicht der Typ Mensch, der einfach vergisst.
Loslassen bedeutet für mich inzwischen etwas anderes :
anzuerkennen, dass etwas vorbei sein darf, egal ob es Bedeutung hatte, dass es schön war, oder dass es wehgetan hat und dass es trotzdem vorbei sein darf.
Ich glaube nicht, dass jede Begegnung vorherbestimmt sein muss, damit sie etwas bedeutet. Manche Menschen kommen durch Zufall in unser Leben und werden erst durch die gemeinsame Zeit wichtig.
Und wenn man später zurückblickt, bekommt dieser Zufall plötzlich etwas Schicksalhaftes.
Hinterher sieht Zufall immer wie Schicksal aus.
Vielleicht werde ich manche Menschen nie vollständig verstehen und manche vergangenen Dinge werden für mich wahrscheinlich auch nie eine eindeutige Antwort bekommen. Aber ich muss nicht auf jede Frage eine Antwort finden, um weitergehen zu können.
Die Menschen, die einmal Teil meines Lebens waren, gehören zu meiner Geschichte. Ich kann die gemeinsamen Erinnerungen behalten, ohne an der Vergangenheit festhalten zu müssen. Ich kann anerkennen, dass mir manche Freundschaften viel bedeutet haben, auch wenn sie heute nicht mehr existieren.
Und ich kann traurig darüber sein, ohne jemanden dafür verantwortlich machen zu müssen.
Ich bin noch nicht an dem Punkt, an dem ich sagen könnte, dass ich alles verarbeitet habe. Dafür sind manche Erinnerungen noch zu nah und manche Zweifel noch zu tief. Aber vielleicht muss man auch nicht sofort vollständig loslassen. Manchmal reicht es erst einmal, aufzuhören, sich selbst für das zu verurteilen, was man damals nicht wissen konnte.
Denn ich möchte nicht, dass vergangene Enttäuschungen darüber entscheiden, wem ich in Zukunft vertraue.
Und irgendwann möchte ich wieder an meinem PC sitzen, ein Spiel starten und dabei nicht mehr darüber nachdenken, wer einmal neben mir saß.
Nicht weil ich vergessen habe.
Sondern weil die Erinnerung dann ihren Platz gefunden hat.
2 Antworten zu “Eine Freundschaft hat keinen Abspann”
❤️ ich kann gut nachvollziehen, was du meinst… manche Erinnerungen fühlen sich nach wie vor so an, als würde es gerade in dem Moment passieren und die Gefühle von einst kommen wieder hoch. Und ja, manche Beziehungen enden…und das ist ok, dafür gibts auch andere, die bleiben- immer! 🫶🏻
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❤️🫂
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