Die Geschichte vom nächsten Mal

Und ich dachte tatsächlich, dieses Jahr komme ich um den Ärzte-Marathon herum.

Nach dem leeren Kalender aus meinem letzten Beitrag hatte ich für einen kurzen Moment dieses beinahe kindliche Gefühl, dass es vielleicht wirklich einmal anders werden könnte.
Vielleicht dürfte ich die letzten Monate des Jahres erleben, ohne ständig im Hinterkopf mitzuzählen, welcher Termin noch kommt, welche Untersuchung ansteht oder welche medizinische Überraschung sich als Nächstes in meinen Alltag schiebt.
Kein MRT kurz vor Weihnachten, kein Adventskalender, bei dem sich hinter jedem Türchen gefühlt ein neuer Arzttermin versteckt, keine Rennerei durch Praxen genau dann, wenn andere anfangen, sich Gedanken über Plätzchen, Weihnachtsgeschenke und die Feiertage zu machen.

Ich hatte mich tatsächlich dabei ertappt, wie ich dachte:

Vielleicht habe ich dieses Jahr einfach mal Ruhe.

Tja….. und dann liegt da plötzlich wieder ein Befund vor mir und ich merke, wie mir innerhalb von Sekunden dieses vertraute Gefühl in den Körper fährt.

Angst.

Nicht die große, dramatische Angst, die laut schreit und alles überdeckt, sondern diese andere, viel heimtückischere, die sich irgendwo unter den Rippen festsetzt und plötzlich dafür sorgt, dass man nicht mehr richtig weiß, wohin mit seinen Gedanken.
Mein Kopf wird schneller, während ich gleichzeitig das Gefühl habe, innerlich stehen zu bleiben.

Ich lese den Befund.
Noch einmal und noch einmal.
Und obwohl ich die Wörter vor mir sehe, verstehe ich sie nicht wirklich.

Was zur Hölle bedeutet das?

Sofort ist sie wieder da, diese alte Unsicherheit, die ich eigentlich gerade erst für ein paar Wochen aus meinem Kopf verbannen wollte.

Ich war beim Hautarzt und wie das bei Arztterminen manchmal so ist, bekommt man innerhalb kürzester Zeit unglaublich viele Informationen, während man gleichzeitig versucht, alles aufzunehmen und sich möglichst nichts Wichtiges entgehen zu lassen. Man hört zu, stellt Fragen, nickt vielleicht noch an den richtigen Stellen und merkt erst später zu Hause, wie viel davon eigentlich noch im Kopf herumliegt.

Die Aussage war ziemlich eindeutig:

Wir brauchen eine Biopsie.

Eine Gewebeprobe, die anschließend genauer untersucht wird.
Der Termin dafür ist allerdings erst im November.
Und genau da wird es für mich schwierig.

Denn November bedeutet in diesem Moment nicht einfach nur einen Termin in meinem Kalender. November bedeutet Warten.
November bedeutet eine offene Frage, die noch mehrere Wochen Zeit hat, in meinem Kopf immer größer zu werden, wenn ich nicht aufpasse.

Und ich kenne mich, ich kenne mich gut.
Ich weiß, wie mein Kopf funktioniert, wenn er keine Antworten bekommt.

Er sucht, verbindet, spielt Möglichkeiten durch.
Er nimmt einen Satz auseinander und baut daraus zehn neue Fragen.

Was, wenn …?
Was, wenn nicht?
Warum braucht es eine Biopsie?
Was genau hat der Arzt gesagt?
Was genau hat der Arzt gesehen?
Warum reicht der bisherige Befund nicht aus?

Und irgendwann merke ich, dass ich schon wieder viel weiter bin als die Realität.

Die Realität ist im Moment nämlich nur:

Es soll eine Gewebeprobe gemacht werden.

Mehr weiß ich noch nicht.

Dazu kommt inzwischen auch der Befund des Abstrichs von meinem Abszess. Im Labor wurden zwei Bakterien gefunden, deren Namen mir vorher überhaupt nichts gesagt haben und die jetzt plötzlich auf einem Stück Papier stehen und damit irgendwie Teil meiner Geschichte geworden sind.

Natürlich habe ich nachgelesen.

Natürlich.

Was soll man auch sonst machen, wenn man Angst hat und gleichzeitig versucht, vernünftig zu bleiben?

Ich habe verstanden, dass die beiden Bakterien im Zusammenhang mit bestimmten Infektionen beziehungsweise Abszessen vorkommen können. Aber aus diesen Namen allein lässt sich nicht sagen, was sie in meinem konkreten Fall bedeuten oder wie es weitergeht.

Das weiß ich.
Mein Verstand weiß das.
Aber Angst ist leider nicht besonders beeindruckt von Vernunft.

Und genau deshalb sitze ich gerade zwischen zwei Welten.

Auf der einen Seite weiß ich, dass ein Befund kein fertiges Urteil ist und dass weitere Untersuchungen notwendig sind, bevor man überhaupt sagen kann, was wirklich los ist.

Auf der anderen Seite gibt es diesen Teil in mir, der einfach nur wissen möchte, dass alles gut wird.

Nicht irgendwann.
Nicht nach der Biopsie.
Nicht nach weiteren Gesprächen.

Jetzt.

Ich möchte diese verdammte Sicherheit zurück, die ich vor ein paar Tagen noch hatte, als ich in meinen Kalender geschaut und mich über einen freien Zeitraum gefreut habe.

Und wahrscheinlich tut genau das gerade so weh.

Ich hatte mich gerade erst entspannt.
Ich hatte angefangen, daran zu glauben, dass dieses Jahr vielleicht einmal nicht von medizinischen Terminen bestimmt wird.
Und jetzt sitze ich wieder hier und merke, wie schnell dieses Gefühl verschwinden kann.

Es ist erstaunlich, wie wenig es manchmal braucht, damit ein Mensch wieder in diesen alten inneren Alarmzustand rutscht.

Ein Befund, ein Wort, ein Termin und plötzlich ist da wieder dieses Gefühl, dass man dem eigenen Leben nicht ganz trauen darf.

Dabei weiß ich doch, dass ich noch keine Antwort habe.

Wahrscheinlich ist alles viel unspektakulärer, als es sich gerade in meinem Kopf anfühlt. Vielleicht lässt sich der Befund gut erklären, eventuell braucht es eine Behandlung oder weitere Untersuchungen, vielleicht sitze ich später hier und frage mich, warum ich mir so viele Gedanken gemacht habe.

Vielleicht.

Aber dieses „Vielleicht“ ist eben genau das Problem.

Denn ich weiß es nicht.

Und genau das ist im Moment die ehrlichste Antwort:

Ich weiß es noch nicht.

Nicht „es ist schlimm“.
Nicht „es ist harmlos“.

Einfach:

Ich weiß es noch nicht.

Und ich merke, dass ich diesen Satz gerade aushalten muss – mal wieder.

Ich muss nicht heute schon wissen, was im November herauskommt.
Ich muss nicht jeden medizinischen Begriff googeln, bis ich irgendwann bei den schlimmsten Möglichkeiten angekommen bin.
Ich muss nicht aus einem auffälligen Befund eine fertige Geschichte machen, bevor überhaupt alle Informationen da sind.

Vielleicht ist das auch wieder so eine Sache mit den Ausschnitten.

Man sieht ein paar Worte auf einem Befund und versucht sofort, daraus die ganze Geschichte zu lesen.

Aber eventuell ist das gar nicht möglich.

Wahrschinlich ist dieser Befund im Moment einfach nur ein Kapitel, dessen Ende ich noch nicht kenne und ich sollte aufpassen, aus ein paar Seiten nicht schon das ganze Buch zu machen.

Aber Angst lässt sich solche Gedanken natürlich nicht einfach sagen.

Ich darf Angst haben, verunsichert sein.
Ich darf zugeben, dass mich das gerade trifft.
Denn natürlich trifft es mich.

Ich hatte mich gerade erst darüber gefreut, dass mein Kalender einmal nicht von medizinischen Terminen beherrscht wird.
Ich hatte geglaubt, vielleicht würde dieses Jahr am Ende einfach ein bisschen ruhiger werden, vielleicht könnte der Dezember einmal nur Dezember sein und nicht gleichzeitig eine Ansammlung von Untersuchungen, Befunden und Warten.

Stattdessen habe ich jetzt eine Biopsie im November, einen auffälligen Abstrich und zwei Bakteriennamen wahrscheinlich im Körper, die ich vorher nicht einmal kannte und nicht eingeladen hatte.

Das Leben hat offenbar einen ziemlich eigenwilligen Sinn für Timing & Humor.

Während andere langsam überlegen, welche Plätzchen sie backen, überlege ich, wie der Termin im November ablaufen wird.

Während irgendwo Adventskalender gekauft werden, habe ich meinen ganz eigenen medizinischen Countdown, auch wenn ich mir dafür wirklich ein anderes Thema ausgesucht hätte.

Und trotzdem möchte ich mir dieses Jahr nicht komplett nehmen lassen.

Vielleicht ist das gerade meine Aufgabe:
die Angst nicht wegzudrücken, aber ihr auch nicht den gesamten Raum zu überlassen.

Den Befund ernst zu nehmen, ohne ihn schon als Antwort zu betrachten.
Die Biopsie abzuwarten, ohne jeden möglichen Ausgang vorher hundertmal durchzuspielen und mich daran zu erinnern, dass mein Leben nicht ausschließlich aus dem besteht, was medizinisch gerade ungeklärt ist.

Ich darf weiterhin lachen, darf mich auf Weihnachten freuen.
Ich darf Pläne machen, darf mich über völlig belanglose Dinge aufregen und über genauso belanglose Dinge lachen.
Ich darf zwischendurch vergessen, dass im November ein Termin auf mich wartet.

Vielleicht sogar genau das.

Denn ich weiß heute nicht, was die Biopsie zeigen wird.
Ich weiß nicht, was der Abstrich am Ende bedeutet.
Ich weiß nicht, welche Antworten noch kommen werden.

Aber ich weiß, dass heute noch keine Antwort auf dem Tisch liegt.

Nur ein Befund.
Ein Termin.
Ein paar Fragezeichen.

Und eine ziemlich verunsicherte Frau, die gerade versucht, nicht wieder Monate im Voraus Angst vor etwas zu haben, das noch gar nicht passiert ist.

Also lege ich den Befund für heute zur Seite, atme einmal tief durch und versuche, nicht weiter vorauszulaufen.
November kommt früh genug.
Und bis dahin darf ich trotzdem leben.

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