Manchmal sagen wir: „Ich kenne ihn.“
Oder: „Ich kenne sie schon ewig.“
Wir waren zusammen in der Schule, sind miteinander aufgewachsen, haben unzählige Stunden miteinander verbracht und glauben deshalb irgendwann, ziemlich genau zu wissen, wer dieser Mensch ist. Vielleicht sagen wir sogar: „Ich kenne sie besser als jeder andere.“
Je älter ich werde, desto vorsichtiger bin ich mit solchen Sätzen, denn einen Menschen zu kennen bedeutet meiner Meinung nach längst nicht, alles von ihm zu kennen.
Wir sehen immer nur einen Teil, selbst dann, wenn wir glauben, besonders nah an einem Menschen zu sein.
Manche Menschen waren mit mir in der Schule.
Sie kennen die Version von mir, die morgens mit dem Rollstuhl durch die Flure gefahren ist, sie kennen vielleicht meine Art zu reden und zu lachen, meine Freundschaften, meine Unsicherheiten und die Rolle, die ich damals eingenommen habe.
Vielleicht glauben sie deshalb, mich ziemlich gut zu kennen.
Aber sie wissen nicht, wie ich zuhause war.
Sie wissen nicht, was passiert ist, wenn die Tür hinter mir ins Schloss fiel und niemand mehr zugesehen hat.
Sie kennen nicht jede Angst, nicht jede Träne und nicht jeden Kampf, den ich mit mir allein ausgetragen habe.
Sie kennen nicht die Gedanken, die ich niemandem erzählt habe, und auch nicht die Seiten von mir, die damals vielleicht noch gar niemand zu Gesicht bekommen konnte.
Und genau darin liegt für mich etwas Faszinierendes am Menschen:
Wir können jahrelang nebeneinander existieren und trotzdem vollkommen unterschiedliche Versionen voneinander kennen.
Geschwister kennen uns oft seit den ersten Tagen unseres Lebens.
Sie haben uns wachsen sehen, kennen Geschichten, an die wir uns selbst kaum noch erinnern, und haben mit uns dieselben Räume, vielleicht sogar dieselben schweren Zeiten geteilt.
Trotzdem kennen auch sie nicht jeden Gedanken, den wir jemals gedacht haben und nicht jede Bedeutung, die wir einer gemeinsamen Erinnerung gegeben haben.
Denn selbst wenn zwei Menschen dasselbe Zuhause teilen, erleben sie nicht dasselbe Leben.
Sie sehen dieselben Ereignisse aus unterschiedlichen Augen, nehmen andere Dinge wahr und tragen andere Erfahrungen mit sich herum. Was für den einen ein völlig gewöhnlicher Nachmittag war, kann für den anderen ein Moment gewesen sein, der sich tief eingebrannt hat. Beide können sich später daran erinnern und etwas völlig anderes darüber erzählen, ohne dass einer von ihnen deshalb zwangsläufig lügt.
Vielleicht haben beide etwas anderes gefühlt.
Vielleicht haben beide etwas anderes gebraucht.
Vielleicht hat jeder aus demselben Moment seine eigene Wahrheit mitgenommen.
Das bedeutet nicht, dass jede Erinnerung automatisch richtig ist oder jede Wahrnehmung der objektiven Realität entspricht.
Es bedeutet nur, dass wir Menschen nicht aus einer einzigen Perspektive bestehen und unsere eigene Sicht auf jemanden niemals das vollständige Bild dieses Menschen sein kann.
Auch Freunde, die uns über viele Jahre begleiten, kennen nur Ausschnitte.
Sie kennen die Geschichten, die wir erzählen, die Erinnerungen, die wir mit ihnen teilen und die Version von uns, die in ihrer Gegenwart entsteht. Sie kennen vielleicht unsere Lieblingslieder, unsere Macken, unsere Art zu streiten und unsere Art zu lachen, wissen vielleicht sogar Dinge über uns, die sonst kaum jemand weiß.
Und trotzdem gibt es diese stillen Räume in uns, die kein anderer Mensch vollständig betreten kann.
Selbst die Menschen, die uns am nächsten stehen, sehen uns immer auch durch ihre eigenen Augen.
Vielleicht kennt mich jemand als ruhig, während jemand anderes mich als emotional erlebt hat.
Für den einen bin ich stark, für den anderen kompliziert.
Jemand hat vielleicht vor allem meine liebevolle Seite kennengelernt, während ein anderer meine Wut erlebt hat.
Einer kennt meine Stärke, ein anderer mein Zerbrechen.
Wahrscheinlich sind all diese Bilder von mir wahr, nur eben nicht vollständig.
Denn ich bin nicht nur eine dieser Versionen.
Ich bin alles davon, manchmal gleichzeitig.
Meine Stärke und meine Schwäche, meine Liebe und meine Wut, mein Mut und meine Angst, die Frau, die andere sehen und die Frau, die manchmal erst dann zum Vorschein kommt, wenn niemand mehr zuschaut.
Deshalb sage ich nur selten, dass ich jemanden wirklich kenne.
Ich sage lieber, dass ich einen Teil von ihm kenne, eine Facette, eine Geschichte oder ein Kapitel. Vielleicht kenne ich einige seiner hellen Seiten und vielleicht auch ein paar seiner dunklen, aber das ganze Buch kenne ich deshalb noch lange nicht.
Vielleicht kennt das ganze Buch überhaupt niemand.
Und vielleicht ist das auch gut so.
Denn selbst wir selbst brauchen manchmal Jahre, um zu verstehen, warum wir geworden sind, wer wir sind.
Manche Seiten entdecken wir erst, wenn das Leben uns in Situationen bringt, in denen wir uns selbst nicht wiedererkennen. Manche Ängste verstehen wir erst, wenn wir älter sind und manche Wunden bekommen erst Jahre später einen Namen.
Und mich?
Mich kennt nur ein Mensch wirklich.
Nicht, weil er jede einzelne Facette von mir kennt, sondern weil er mich auch in den Momenten erlebt hat, in denen ich selbst kaum wusste, wer ich gerade bin.
Er kennt meine Ängste, meine Alpträume, meine Unsicherheiten, meine Wut und meine Verletzlichkeit, aber ebenso meine schönsten Seiten, meine Liebe, meine Wärme und mein Lachen.
Er hat mich in Momenten gesehen, in denen ich mich selbst am liebsten versteckt hätte. Er kennt Seiten von mir, die nicht besonders schön sind, Seiten, die widersprüchlich sein können, manchmal schwierig und manchmal sogar schwer auszuhalten.
Und trotzdem ist er geblieben.
Vielleicht bedeutet jemanden wirklich zu sehen deshalb gar nicht, jede einzelne Facette von ihm zu kennen. Vielleicht bedeutet es vielmehr, die Facetten, die man kennt, nicht gegen diesen Menschen zu verwenden und sich immer bewusst zu machen, dass hinter einer Reaktion eine Geschichte liegen kann, die man selbst nicht kennt.
Ein schlechter Tag macht keinen schlechten Menschen. Eine heftige Reaktion erzählt nicht automatisch etwas über den gesamten Charakter eines Menschen. Rückzug bedeutet nicht zwangsläufig Kälte und wer funktioniert, muss deshalb noch lange nicht gesund sein. Und ein Lächeln ist nicht immer ein Zeichen dafür, dass es jemandem gut geht.
Wir sehen einen Moment, eine Situation, eine Reaktion und manchmal vielleicht eine Wunde, deren Geschichte wir nicht kennen. Trotzdem bilden wir uns daraus erstaunlich schnell ein Urteil über einen ganzen Menschen.
Vielleicht sollten wir damit vorsichtiger sein.
Nicht, weil wir niemanden mehr beurteilen dürfen oder jede Wahrnehmung falsch wäre, sondern weil ein Mensch immer größer ist als der Ausschnitt, den wir gerade von ihm sehen.
Ich glaube, genau darin liegt auch etwas sehr Schönes an echter Nähe. Wenn ein Mensch nicht nur die einfachen Seiten von uns kennt, sondern irgendwann auch die widersprüchlichen, die verletzten, die wütenden und die ängstlichen und trotzdem nicht vergisst, dass wir mehr sind als unsere schwierigsten Momente.
Womöglich kennt dieser eine Mensch nicht jede Seite von mir. Vielleicht wird es immer Teile geben, die nur mir gehören. Aber er kennt genug von meinem Innersten, um zu wissen, dass hinter all diesen Facetten ein Herz schlägt.
Mein Herz.
Und vielleicht ist das am Ende viel wertvoller, als von allen Menschen vollständig verstanden zu werden.
Denn vielleicht müssen wir nicht von jedem gesehen werden. Wir müssen nicht jedem erlauben, jede Seite von uns kennenzulernen, und wir müssen auch nicht jedem erklären, warum wir manchmal so sind, wie wir sind.
Vielleicht reicht es, wenn es einen Menschen gibt, der irgendwann hinter die Fassade schaut und nicht erschrickt über das, was er dort findet.
Einen Menschen, der das Licht kennt, aber auch die Schatten. Der unsere Stärke gesehen hat und unser Zerbrechen. Der weiß, wie schön wir sein können, aber auch, wie schwierig.
Einen Menschen, der das ganze Chaos sieht und trotzdem bleibt.
Denn vielleicht ist das die seltenste Form von Nähe überhaupt:
Nicht, dass jemand jede Seite von uns kennt.
Sondern dass jemand genug von uns gesehen hat, um zu wissen, dass wir niemals nur eine einzige Seite sind.
Vielleicht muss uns nicht jeder verstehen.
Vielleicht reicht es, wenn es einen Menschen gibt, der uns wirklich sieht.
Und trozdem bleibt
Eine Antwort zu “Das ganze Buch”
🍀❤️❤️♥️🍀🍀❤️❤️🍀
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