Ich will mein Leben zurück, verdammt

Es gibt so viele Texte, die ich noch mit euch teilen möchte. Gedanken, die ich aufgeschrieben habe, Geschichten, die erzählt werden wollen und Worte, für die irgendwann der richtige Moment kommen sollte.
Doch manchmal kommt das Leben dazwischen und plötzlich ist ein anderer Text wichtiger als all die, die schon darauf warten, veröffentlicht zu werden.

Dieser hier gehört dazu.
Er ist nicht bis ins Letzte durchdacht und hat auch keine fertige Antwort auf all das, was mich gerade beschäftigt.
Aber wer hat die schon?
Ich möchte ihn schreiben, weil ich merke, wie viel sich in mir angestaut hat und wie schwer es mir fällt, mit manchen Dingen allein zurechtzukommen.

Ich bin verdammt erschöpft.
Nicht nur körperlich, sondern auch von diesem ständigen Kampf mit mir selbst, von dem Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen, weil ich Dinge nicht mehr schaffe, die früher selbstverständlich waren und von einer inneren Stimme, die mir genau das auch noch zum Vorwurf macht.

Seit März kämpfe ich mit Symptomen, seit fünf Tagen nehme deswegen Antibiotika – wir haben Mitte Oktober und mein Körper braucht Ruhe, doch mein Kopf lässt mich kaum zur Ruhe kommen.
Während ich versuche, mit meiner Situation klarzukommen, mache ich mir Vorwürfe, weil mein Leben immer kleiner wird.
Manchmal habe ich einfach nur noch die Schnauze voll davon.

Wenn selbst eine einfache Entscheidung zum Kampf wird.

Heute Abend wollte ich meinen Ehemann begleiten.
Ein paar Stunden raus, andere Menschen sehen und für einen Moment nicht nur mit meiner Krankheit beschäftigt sein.
Doch ich weiß, dass ich noch nicht wieder fit bin und meine Kräfte einteilen muss.
Also stehe ich erneut vor dieser Entscheidung:
zu Hause bleiben und vernünftig sein oder etwas erleben, das mir guttut, obwohl ich die Folgen noch nicht abschätzen kann.

Was für andere eine einfache Entscheidung ist, wird für mich zu einem inneren Kampf.
Denn während mein Verstand versucht, mich zu schützen, macht mir eine andere Stimme in mir Vorwürfe.

„Na klar, wir bleiben wieder zu Hause.
Du faules Stück.“

Ich weiß, wie ungerecht dieser Gedanke ist.
Schließlich würde ich einer anderen kranken Person niemals vorwerfen, sie sei faul, weil sie sich ausruhen muss.
Bei mir selbst gelingt mir diese Nachsicht jedoch längst nicht so gut.
Ich weiß, dass ich meine Grenzen respektieren sollte, und trotzdem fühlt es sich manchmal an, als würde ich versagen, wenn ich ihnen nachgebe.

Dabei geht es längst nicht mehr nur um einen Abend, den ich zu Hause verbringe.

Ich verpasse mein Leben nicht freiwillig

Ich war nicht beim 40. Geburtstag einer lieben Freundin, konnte an einer wichtigen Feier einer anderen Freundin nicht teilnehmen und habe auch Geburtstage verpasst.
Das waren keine unwichtigen Termine, die man einfach irgendwann nachholen kann.
Es waren Momente mit Menschen, die ich liebe, und Erinnerungen, bei denen ich gerne dabei gewesen wäre.

Wenn ich darüber nachdenke, tut es weh.
Nicht, weil ich glaube, dass das Leben mir etwas schuldet, sondern weil ich so gerne daran teilnehmen möchte.
Ich möchte meine Freunde sehen, gemeinsam lachen, feiern und Erinnerungen sammeln, ohne vorher überlegen zu müssen, ob ich mir diese Stunden gesundheitlich leisten kann.

Doch genau das ist mein Alltag geworden.
Ich treffe meine Freunde seit Monaten kaum noch, und selbst zur Physiotherapie gehe ich nicht, weil mir vieles zu anstrengend ist und die Angst vor einer weiteren Infektion immer mitläuft.
Mein Leben ist dadurch deutlich kleiner geworden, obwohl meine Sehnsucht danach, etwas zu erleben, kein bisschen kleiner ist.

Ich mache nicht so wenig, weil ich nicht will.
Ich mache so wenig, weil schon so wenig so viel kostet.

Von außen lässt sich das leicht missverstehen.
Wer häufig zu Hause bleibt, Termine absagt und sich zurückzieht, wirkt schnell desinteressiert oder antriebslos.
Dann steht auch die Frage im Raum, ob man depressiv ist.
Natürlich macht eine solche Situation etwas mit der Psyche, und ich kann nicht immer genau erklären, was in mir vorgeht.
Aber ich möchte nicht, dass meine Gefühle vorschnell eingeordnet werden, nur weil ich seit Monaten kaum noch am Leben teilnehmen kann, wie ich es gerne würde.

Ich bin traurig, weil ich mein Leben vermisse, und wütend darüber, wie viel ich aufgeben muss, obwohl ich mir nichts sehnlicher wünsche, als wieder mehr davon zurückzubekommen.
Dazu kommen die Unsicherheit, die körperliche Erschöpfung und der Druck, den ich mir selbst mache, wenn ich wieder einmal etwas absagen muss.

Manchmal glaube ich mir selbst kaum noch, wenn ich sage, dass ich nicht kann.
Weil ich so oft zu Hause bin und von außen betrachtet doch genug Zeit habe, mich auszuruhen.
Dabei bedeutet Ruhe nicht automatisch Erholung, und zu Hause zu sein heißt nicht, dass es einem gut geht.

Trotzdem schleicht sich die Scham ein.
Ich ertappe mich dabei, wie ich meine Grenzen rechtfertige, als müsste ich erst beweisen, dass ich mich genug angestrengt habe.
Als wäre meine Erschöpfung nur dann berechtigt, wenn ich vorher alles versucht und mich bis zur völligen Kraftlosigkeit verausgabt hätte.

Und genau das macht mich wütend, denn dieses Denken kommt nicht aus dem Nichts.

Wann haben wir angefangen, Menschen an ihrer Leistung zu messen?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Leistung einen enormen Stellenwert hat.
Wir sollen funktionieren, produktiv sein, unsere Aufgaben erledigen, Ziele erreichen und auch dann weitermachen, wenn uns längst die Kraft ausgeht.
Wer viel schafft, wird bewundert, wer durchhält, gilt als stark, und wer nicht mithalten kann, muss erklären, warum.

Aber seit wann entscheidet unsere Leistungsfähigkeit darüber, was wir als Menschen wert sind?

Warum fällt es uns so schwer, jemandem einfach zu glauben, wenn er sagt, dass er nicht mehr kann?
Warum müssen Menschen ihre Erschöpfung begründen und ihre Ruhe rechtfertigen, während wir so selten hinterfragen, weshalb wir überhaupt erwarten, dass jeder unter allen Umständen weiterfunktioniert?

Nicht jede Krankheit ist sichtbar und nicht jeder Mensch hat die Kraft, seine Situation ausführlich zu erklären.
Manchmal kostet es schon genug Energie, den Tag überhaupt zu überstehen.
Wer dann auch noch beweisen soll, dass seine Grenzen berechtigt sind, muss zusätzlich gegen Erwartungen kämpfen, die mit seiner tatsächlichen Lebensrealität wenig zu tun haben.

Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der Menschen erst zusammenbrechen müssen, bevor man ihnen glaubt.
Ein abgesagter Termin sollte nicht automatisch als mangelnde Wertschätzung gelten, genauso wenig wie eine Pause ein Zeichen von Faulheit ist.
Hinter einem Nein kann ein Mensch stehen, der nichts lieber täte, als Ja zu sagen.

Wir brauchen wieder mehr Menschlichkeit

Mitgefühl bedeutet für mich nicht, dass wir alle dieselben Erfahrungen machen oder immer genau verstehen müssen, wie es einem anderen Menschen geht.
Es bedeutet, dass wir nicht vorschnell urteilen, nur weil wir seine Situation nicht nachvollziehen können.Dass wir Grenzen akzeptieren, zuhören und nicht jedes Gefühl sofort mit einem Ratschlag oder einer Erklärung beantworten müssen.

Manchmal braucht ein Mensch keine Lösung, sondern jemanden, der ihm glaubt und ihm vermittelt, dass er sich nicht auch noch für sein Leid rechtfertigen muss.

Im November steht meine Biopsie an, und ich hoffe sehr, dass sie endlich Klarheit bringt.
Ich möchte verstehen, was in meinem Körper passiert, und nicht länger zwischen Hoffen, Befürchten und unbeantworteten Fragen leben müssen.
Diese Ungewissheit ist anstrengend genug, ohne dass ich mir zusätzlich Vorwürfe darüber machen muss, was ich gerade alles nicht schaffe.

Bis dahin muss ich irgendwie weitermachen, auch wenn ich nicht jeden Tag stark sein kann und mir mein früheres Leben so sehr zurückwünsche.
Denn neben der körperlichen Erschöpfung gibt es diesen anderen Kampf, der mir zunehmend zu schaffen macht:
den Kampf gegen mich selbst.

Ich habe diese Stimme im Kopf, die mir einredet, ich sei faul, weil ich weniger schaffe.
Die aus einem abgesagten Treffen einen persönlichen Fehler macht und einen Tag im Bett als Beweis dafür wertet, dass ich nicht genug versucht habe.
Obwohl ich anderen Menschen niemals so begegnen würde, fällt es mir selbst schwer, dieselbe Nachsicht aufzubringen.

Mein Kopf kämpft gegen mich, obwohl ich gerade jemanden bräuchte, der auf meiner Seite steht. Ich möchte mir wieder glauben können, wenn ich sage, dass ich nicht kann, und meine Grenzen respektieren, ohne mich dafür zu verachten.
Mein Wert wird schließlich nicht kleiner, nur weil meine Kräfte nachgelassen haben.

Das wünsche ich mir nicht nur für mich, sondern für alle Menschen, deren Körper, Psyche oder Lebensumstände ihnen Grenzen setzen.
Niemand sollte sich minderwertig fühlen müssen, weil er nicht arbeiten kann, weniger schafft als früher oder Unterstützung braucht.
Wir sollten aufhören, Erschöpfung als Charakterschwäche zu betrachten, Krankheit mit mangelnder Disziplin zu verwechseln und Rückzug automatisch als Desinteresse zu interpretieren.

Ich möchte wieder mehr Empathie und Mitgefühl in dieser Welt sehen.
Nicht nur in großen Worten oder gut gemeinten Beiträgen, sondern in unserem täglichen Umgang miteinander:
darin, dass wir zuhören, statt zu urteilen, ein Nein akzeptieren, ohne nach einer Rechtfertigung zu verlangen und Menschen nicht danach bewerten, wie nützlich, erfolgreich oder leistungsfähig sie gerade sind.

Wir wissen nicht, was ein anderer Mensch jeden Tag aushalten muss.
Wir sehen weder jede schlaflose Nacht noch jede Angst und können nicht wissen, wie viel Kraft es kostet, nach einem schweren Tag überhaupt wieder aufzustehen.
Deshalb wünsche ich mir, dass wir weniger darüber urteilen, was jemand schaffen müsste und mehr darauf achten, wie wir einander das Leben ein kleines bisschen leichter machen können.

Ich möchte mein Leben zurück.

Ich möchte nicht immer stark sein müssen und auch nicht so tun, als hätte ich meinen Frieden mit all dem gemacht.
Ich bin traurig, weil ich mein Leben vermisse und wütend, weil ich so vieles nicht tun kann, was ich gerne tun würde.
Gleichzeitig möchte ich lernen, mich nicht länger selbst zu bestrafen, nur weil mein Körper mir Grenzen setzt.

Ich bin nicht faul, nur weil ich weniger leisten kann.
Ich bin nicht weniger wert, weil ich mehr Ruhe brauche, und ich muss mich nicht dafür entschuldigen, dass ich nicht mehr so funktioniere wie früher.
Ich bin ein Mensch, der leben, lachen, feiern, Freunde treffen und Erinnerungen sammeln möchte.
Dass mir vieles davon gerade verwehrt bleibt, ist schmerzhaft genug, ohne dass ich mir selbst auch noch das Leben schwer machen muss.

Ich wünsche mir eine Welt, in der unser Wert nicht davon abhängt, was wir leisten können, sondern in der wir einander mit Verständnis, Empathie und Mitgefühl begegnen.
Eine Welt, in der niemand erst zusammenbrechen muss, bevor wir erkennen, dass er Rücksicht braucht, und in der niemand sich selbst dafür verurteilen muss, dass er nicht mehr kann.

Denn am Ende sollte nicht entscheidend sein, wie viel ein Mensch schafft, sondern wie wir miteinander umgehen.
Ich möchte, dass wir wieder lernen, einander zuzuhören, füreinander da zu sein, ohne eine Gegenleistung zu erwarten und anzuerkennen, dass ein Mensch auch dann wertvoll ist, wenn er gerade nichts leisten kann.

Und ich wünsche mir, dass dieser Gedanke nicht nur für andere gilt, sondern irgendwann auch in meinem eigenen Kopf ankommt.
Denn ich will mein Leben zurück – nicht nur die Kraft, wieder mehr unternehmen zu können, sondern auch die Freiheit, mich selbst nicht länger als Gegnerin behandeln zu müssen.

Ich möchte leben, ohne mich für meine Grenzen zu schämen und in einer Welt leben, in der Menschlichkeit mehr zählt als Leistung.

Ich bin nicht faul und nicht erschöpft.
Ich bin ein Mensch, der leben möchte und das sollte reichen.

Eine Antwort zu “Ich will mein Leben zurück, verdammt”

Kommentar verfassen