Ich glaube, ich habe noch nie so oft in einen Kalender geschaut wie in den letzten Tagen, nur um mich davon zu überzeugen, dass ich mich nicht verlesen habe.
Ich blättere durch die Monate, suche nach diesem einen Termin, der dort eigentlich selbstverständlich stehen müsste und jedes Mal ist da wieder nichts.
Kein MRT.
Und allein diese zwei Worte lösen in mir etwas aus, das irgendwo zwischen ungläubigem Lachen, Erleichterung und einer Freude liegt, die sich fast zu groß anfühlt für einen gewöhnlichen Kalendereintrag. Gleichzeitig sitzt da diese leise Vorsicht in mir, die nach so vielen Jahren gelernt hat, gute Nachrichten nicht sofort mit völliger Sorglosigkeit zu verwechseln.
Denn ein MRT beginnt für mich nicht an dem Tag, an dem ich in dieser verdammten Röhre liege.
Es beginnt Wochen vorher.
Irgendwann verändert sich etwas in meinem Kopf.
Zunächst kaum bemerkbar, dann wird aus diesem kleinen Gedanken langsam ein Hintergrundrauschen, das immer lauter wird.
Der Termin rückt näher und mit ihm kommt die Angst.
Nicht erst am Morgen der Untersuchung und auch nicht erst auf dem Weg ins Krankenhaus, sondern lange vorher.
Mein Kopf beginnt Möglichkeiten durchzuspielen, die ich eigentlich gar nicht denken möchte und plötzlich ist dieses Datum nicht mehr einfach ein Termin, sondern etwas, das sich in meinen Alltag schiebt.
Dann beginnt die übliche Rennerei.
Blutwerte kontrollieren lassen, vor allem die Nierenwerte, weil für das Kontrastmittel der Kreatininwert passen muss.
Arzttermine organisieren, Überweisungen und Unterlagen zusammensuchen, schauen, ob alles vorhanden ist, was gebraucht wird.
Und irgendwo zwischen diesen ganzen organisatorischen Kleinigkeiten steht die Frage, die niemand aussprechen muss:
Was werden die Bilder zeigen?
Je näher der Termin kommt, desto mehr wird aus einem Untersuchungstag ein kleines logistisches Großprojekt.
Zugang legen lassen, weil das Kontrastmittel schließlich irgendwo hinein muss.
Shunt kontrollieren lassen.
An den Implantatausweis denken.
Unterlagen einpacken.
Prüfen, ob alles aktuell ist und ob diesmal noch etwas Besonderes berücksichtigt werden muss.
Für andere ist ein MRT vielleicht eine Untersuchung.
Für mich ist es ein ganzer Ablauf, der sich über Jahrzehnte in mein Leben eingebrannt hat.
Seit ’99 gehört dieses Prozedere zu meinem Alltag.
Ich kenne die Geräusche, die Enge, die Abläufe und diese merkwürdige Mischung aus Routine und Angst, bei der man etwas unzählige Male erlebt haben kann und der Körper trotzdem jedes Mal wieder reagiert, als wäre es das erste Mal.
Und dann kommt das Warten.
Auf die Bilder, die Auswertung, das Tumorboard, die Besprechungen.
Auf jemanden, der irgendwann versucht, aus medizinischen Bildern Worte zu machen, mit denen ich mein Leben für die nächsten Monate weiterplanen kann.
Womöglich ist genau dieses Warten so schwer, weil man irgendwann nichts mehr beeinflussen kann.
Die Blutwerte sind kontrolliert, der Zugang ist gelegt, das Kontrastmittel ist drin, die Bilder sind gemacht und trotzdem ist man noch lange nicht bei einer Antwort angekommen.
Man sitzt da, das Gedankenkarussell dreht sich und man wartet.
Und plötzlich bekommen Blicke, Pausen und Tonfälle eine Bedeutung, die sie vielleicht gar nicht haben.
Man versucht, zwischen den Worten etwas zu hören, bevor überhaupt jemand ausgesprochen hat, was auf den Bildern zu sehen ist.
Diese Erfahrung begleitet mich schon so lange, dass selbst besondere Tage davon nicht verschont geblieben sind.
Weihnachten im Krankenhaus.
Silvester im Krankenhaus.
Geburtstage im Krankenhaus.
Mehr als einmal habe ich solche Tage nicht mit dem verbracht, was man normalerweise damit verbindet, sondern als Patientin, während draußen das Leben weiterging und sich drinnen alles um Untersuchungen, Gespräche, Warten und Hoffen drehte.
Und immer wieder gab es diese Momente, in denen mir der Boden unter den Rädern weggezogen wurde.
Es gibt Nachrichten, nach denen man sich fühlt, als würde man fallen, obwohl man keinen einzigen Zentimeter bewegt hat.
Eben war da noch eine Zukunft, die irgendwie planbar aussah und plötzlich bekommt sie Risse. Pläne werden nebensächlich, Gewissheiten verschwinden und man versucht irgendwie herauszufinden, wo man selbst in all dem noch steht.
Die letzten acht Jahre haben davon besonders viel mit sich gebracht.
Angst, Verzweiflung und dieses Gefühl des freien Falls, das irgendwann so vertraut wird, dass man fast vergisst, wie sich ein Leben ohne permanente Alarmbereitschaft anfühlt.
Dazu dieses müde Weiterfunktionieren, das nicht immer Stärke bedeutet, sondern manchmal einfach nur, dass man gelernt hat, den nächsten Tag zu erreichen, auch wenn man eigentlich keine Kraft mehr dafür übrig hat.
Und jetzt sitze ich hier und schaue in meinen Kalender.
Und da ist nichts.
Keine Blutkontrolle, die ich Wochen vorher organisieren muss.
Kein Kreatininwert, um den ich mich kümmern muss.
Kein Zugang, kein Kontrastmittel, keine Röhre, kein Warten auf einen Befund und kein Termin, der sich schon Wochen vorher wie ein Schatten über meinen Alltag legt.
Einfach nichts.
Und plötzlich begreife ich, wie groß dieses Nichts eigentlich ist.
Es fehlt nicht nur ein Untersuchungstermin.
Es fehlt eine ganze Kette von Vorbereitungen, Gedanken und Ängsten, die über so viele Jahre selbstverständlich zu meinem Leben gehört haben, dass ich beinahe vergessen hatte, wie sich ein Zeitraum anfühlt, der nicht auf eine Kontrolle zuläuft.
Und deshalb möchte ich gerade gleichzeitig lachen und weinen.
Ich möchte Konfetti werfen, Musik aufdrehen und durch die Wohnung fahren und jedem verkünden, dass ich verdammt noch mal keinen MRT-Termin habe.
Ich könnte Luftsprünge machen, also theoretisch.
Praktisch sitze ich im Rollstuhl, aber wir wollen es mit der Realität heute nicht übertreiben.
Und dann kommen mir tatsächlich die Tränen, weil ich weiß, was hinter dieser Freude steckt.
Hinter diesen zwei kleinen Worten liegen Jahre meines Lebens.
Jahre, in denen ein Datum im Kalender ausgereicht hat, um mir den Schlaf zu rauben.
Jahre, in denen eine Untersuchung nicht nur Bilder produziert hat, sondern Angst, Hoffnung, Erleichterung oder manchmal eben diesen freien Fall, den ich so gut kenne.
Deshalb ist dieser leere Kalender für mich nicht banal.
Er fühlt sich riesig an.
Natürlich sitzt irgendwo in mir trotzdem diese kleine Unsicherheit. Sie gehört nach all den Jahren vermutlich einfach dazu.
Mein Kopf wird nicht plötzlich vergessen haben, was er gelernt hat, nur weil diesmal kein Termin vor mir liegt.
Und vielleicht wäre es sogar gelogen zu behaupten, dass ich jetzt völlig angstfrei durch die nächsten Monate gehe.
Aber ich muss diese Unsicherheit gerade nicht größer machen, als sie ist.
Ich darf mich freuen.
Ich darf erleichtert sein.
Ich darf diesen freien Raum in meinem Kalender anschauen und einfach einmal nicht darüber nachdenken, was irgendwann wieder kommen könnte.
Denn vielleicht ist das etwas, das man als Langzeitpatientin irgendwann lernen muss:
Dass man nicht jeden guten Moment dadurch entwerten muss, dass man sofort an den nächsten schlechten denkt.
Die Zukunft wird sowieso kommen.
Heute reicht.
Und heute steht dort kein MRT.
Ich habe tatsächlich noch einmal nachgesehen.
Und dann noch einmal.
April 2027.
Da steht der nächste Termin.
April 2027.
Und allein die Entfernung dieses Datums fühlt sich für mich beinahe absurd an. So weit weg, dass ich zum ersten Mal seit langer Zeit nicht sofort beginne, innerlich die Tage bis zur nächsten Untersuchung zu zählen.
Bis dahin darf ich einfach leben.
Nicht auf einen Termin oder ein Ergebnis hin.
Nicht auf die nächste Kontrolle.
Einfach leben.
Mit all dem, was dazugehört:
lachen, traurig sein, Pläne machen, Pläne wieder verwerfen, mich über Kleinigkeiten freuen, mich über völligen Unsinn aufregen, erschöpft sein, albern sein und zwischendurch einfach vergessen, dass irgendwo irgendwann wieder ein MRT auf mich wartet.
Vielleicht ist genau das gerade mein größtes Geschenk.
Nicht die Garantie, dass niemals wieder etwas passieren wird.
Die gibt es nicht. Sondern die Möglichkeit, für eine Weile nicht ständig auf den nächsten Einschlag zu warten.
Für eine Weile nicht zu fallen.
Für eine Weile festen Boden unter den Rädern zu haben.
Und vielleicht darf ich genau das jetzt genießen, ohne mich dafür zu rechtfertigen.
Ich schaue noch einmal auf meinen Kalender und muss grinsen.
April 2027.
Und bis dahin?
Kein MRT.
Verdammt noch mal.
Kein MRT.
Und wenn ich ganz ehrlich bin, fühlt sich dieser Satz gerade nicht nur nach Erleichterung an.
Er fühlt sich nach Freiheit an.
3 Antworten zu “Ein Stück Leben dazwischen”
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