Mein Körper, dieser kleine Saboteur


Wenn „Ich schaffe das schon“ mal wieder nicht reicht.


Diesen Text hatte ich nicht auf dem Schirm und ganz sicher hatte ich ihn nicht geplant.

Eigentlich liegen hier andere Texte fertig herum.
Texte, an denen ich geschrieben, gefeilt und irgendwann gesagt habe:
Ja, der darf raus.

Die müssen jetzt warten.
Denn mein Körper hatte offenbar andere Pläne.

Der Podcast hängt ohnehin schon hinterher.
Der Sommer war zu heiß und ich musste bereits da ziemlich deutlich Rücksicht auf meinen Körper nehmen. Gestreamt auf Twitch habe ich ebenfalls ewig nicht, obwohl ich es vermisse.

Und eigentlich hatte ich für die nächsten Wochen sogar einiges vor.

Unter anderem ein neues Tattoo.

Ich hatte mich darauf gefreut.
Und dann kam dieser Moment, in dem man merkt, dass man gerade nicht einfach ein bisschen umplanen muss, sondern die Notbremse ziehen sollte.

Also wurde abgesagt.

Nicht verschoben, weil ich plötzlich keine Lust mehr hatte.
Nicht gestrichen, weil mir etwas dazwischengekommen ist.

Abgesagt, weil mein Körper mir ziemlich unmissverständlich gesagt hat: Jetzt nicht.

Dabei hatte ich in den letzten Tagen schon gemerkt, dass etwas anders war.

Ich war erschöpfter als sonst.
Irgendetwas fühlte sich falsch an. Nicht unbedingt so, dass ich sofort hätte sagen können, was los ist. Eher dieses diffuse Gefühl, dass der eigene Körper gerade etwas tut, was man noch nicht ganz versteht.

Ich habe mit meinem Mann darüber gesprochen.
Er kennt mich und meinen Körper vermutlich mindestens genauso gut wie ich selbst.
Wir haben überlegt, beobachtet, versucht einzuordnen.

Vielleicht wollte er mir einfach die Angst nehmen.
Vielleicht wollte ich mir selbst die Angst nehmen.
Vielleicht waren wir beide einfach blind für das, was direkt vor uns lag.

Vor vier Tagen fand mein Mann die Ursache.

Wie so oft nicht bei irgendeinem spektakulären Arztbesuch, sondern in einem dieser ganz normalen Momente, in denen er mir hilft, mich bettfertig zu machen.

Ein Blick.
Ein kurzer Moment.
Und dann war klar:

Da war ein Abszess.

Halb geöffnet… natürlich.

Warum sollte mein Körper auch einmal etwas machen, das sich bequem ankündigt?

Ich glaube, in diesem Moment war ich vor allem müde!
Nicht nur körperlich auch dieses innere Müde, das entsteht, wenn man schon weiß, was als Nächstes kommt.

Arzt.
Untersuchung.
Vielleicht Klinik, womöglich sogar Stationär.

Wahrscheinlich wieder dieses ganze Szenario, das bei mir inzwischen nicht einfach nur „medizinische Behandlung“ bedeutet.

Ich habe mittlerweile eine ausgewachsene PTBS, wenn es um Klinik oder stationäre Aufenthalte geht.
Und deshalb war ziemlich schnell klar, dass wir versuchen würden, das Boot bis Montag irgendwie über Wasser zu halten.

Nicht, weil wir die Sache nicht ernst genommen hätten.
Sondern weil wir wussten, was die Klinik für mich psychisch bedeutet.

Also hieß es erst einmal:
beobachten, versorgen, hoffen, dass es nicht eskaliert.

Und Montagmorgen habe ich dann direkt bei der Chirurgie meines Vertrauens angerufen.
Ich durfte sofort kommen.
Allein das war schon eine Erleichterung.

Die Praxis ist klein, herzlich und irgendwie angenehm menschlich. Und vor allem haben die Menschen dort Humor.

Vielleicht klingt das für jemanden, der gerade nicht mit Angst vor einer Behandlung kämpft, nach einer Kleinigkeit.

Für mich ist es das nicht.

Wir mussten wegen Notfällen länger warten als geplant.
Was natürlich völlig in Ordnung ist.
Notfälle warten schließlich nicht darauf, dass mein Nervensystem einen guten Tag hat.

Also saßen wir da.
Nervös.
Angespannt.

Und irgendwann haben wir angefangen, das ABC-Spiel zu spielen.
Buchstaben durchgehen, Begriffe finden, Gedanken irgendwohin lenken, wo sie gerade weniger weh tun. Sogar die MFA hat mitgemacht und plötzlich war da zwischen Angst und Nervosität etwas anderes.

Lachen.
Ablenkung.
Ein paar Minuten, in denen mein Kopf nicht ausschließlich damit beschäftigt war, was gleich passieren würde.

Phantasie ist manchmal einfach das Größte.

Ich meine das wirklich.

Meine Phantasie hat mich schon so oft vor Panikattacken gerettet.

Wenn die Realität zu laut wird, kann ich mich manchmal in Gedanken an einen anderen Ort bewegen.

Und manchmal reicht genau das, um die Angst nicht vollständig übernehmen zu lassen.

Dann wurde der Abszess eröffnet.

Und ja….. es wurde ziemlich ordentlich auf meinem Brustkorb herumgedrückt.
Ich erspare euch an dieser Stelle die Details.

Nur so viel:

Diese Stelle ist faktisch einfach scheiße!

Der Abszess sitzt intermammär, also, in ganz normaler Sprache, mittig über dem Brustbein.

Die eigentliche Wundöffnung ist ungefähr ein bis eineinhalb Zentimeter groß.

Das klingt vielleicht nicht nach besonders viel.

Mein Körper sieht das offenbar anders.
Denn aktuell schmerzt selbst das Atmen.

Und das ist eine dieser Situationen, in denen man sich irgendwann fragt, wie viele verschiedene Dinge gleichzeitig eigentlich noch wehtun können, bevor der Körper offiziell Einspruch erhebt.

Zusätzlich wurde ein Abstrich genommen.

Denn vier Abszesse innerhalb eines Jahres sind eben nicht mehr etwas, bei dem man einfach sagen sollte:
„Pech gehabt.“

Dazu kommen die immer wiederkehrenden Eiterbläschen, von denen ich teilweise übersät bin.

Jetzt muss also nach der Ursache gesucht werden.

Eine mögliche Autoimmunerkrankung steht im Raum.

Ebenso Wechselwirkungen oder Unverträglichkeiten meiner vielen Medikamente.

Noch ist nichts geklärt.

Und genau dieses Nichtwissen finde ich manchmal fast genauso anstrengend wie die eigentliche Behandlung.

Denn man sitzt da und denkt:

Okay…. Und was kommt jetzt noch?

Ich glaube, das ist eine Seite von chronischer Krankheit, über die viel zu wenig gesprochen wird.

Nicht nur die Schmerzen machen müde.

Nicht nur die Behandlungen.

Nicht nur die Medikamente.

Es ist auch dieses ständige Neuplanen des eigenen Lebens.

Dieses Gefühl, dass man sich auf etwas freut und trotzdem nie ganz sicher sein kann, ob der eigene Körper einem erlaubt, es tatsächlich zu tun.

Ein Tattoo planen.

Streamen wollen.

Einen Podcast fertig machen.

Texte schreiben.

Sich auf die nächsten Wochen freuen.

Und dann sitzt man plötzlich da und verschiebt wieder alles.

Nicht, weil man sein Leben nicht leben möchte.

Sondern weil der Körper gerade entscheidet, dass Überleben, Heilen und irgendwie durch den Tag kommen wichtiger sind.

Und irgendwann ist man einfach erschöpft davon.

Ich bin es gerade.

Ich bin traurig darüber, dass wieder Dinge warten müssen.
Ich bin genervt.
Ich bin müde.

Und ja, manchmal bin ich auch einfach niedergeschlagen.

Nicht, weil ich aufgebe.

Sondern weil ich nicht jeden Tag stark sein kann.

Manchmal möchte ich einfach nur, dass mein Körper für eine Weile Ruhe gibt.

Keine neue Überraschung.
Keine neue Baustelle.
Kein „Wir müssen da noch einmal genauer schauen“.

Einfach ein paar Wochen, in denen nichts passiert.

Aber mein Körper scheint Überraschungen zu mögen.

Der letzte Abszess brauchte ungefähr sechs Wochen, bis er wirklich verheilt war. Wie lange dieser hier braucht, werden wir sehen.
Bis dahin heißt es wieder tägliche Wundversorgung, Spülen, Jodsalbe und alles, was eben dazugehört.

Zusätzlich zu meinem ganz normalen Krankheitsverlauf.

Denn natürlich läuft der ja weiter.

Es wäre ja auch zu einfach, wenn sich der Rest meines Körpers währenddessen solidarisch zurückhalten würde.

Tut er nicht.
Also mache ich weiter.
Nicht so, wie ich es geplant hatte.
Nicht in dem Tempo, das ich mir gewünscht hätte.
Und wahrscheinlich auch nicht mit der Energie, die ich gerne hätte.

Aber ich mache weiter.

Der Podcast wartet.
Twitch wartet.
Die anderen Texte warten.
Und irgendwo wartet auch mein neues Tattoo.

Im Moment muss ich nur erst einmal dafür sorgen, dass diese Wunde wieder heilt.

Vielleicht ist das gerade die einzige Planung, die mein Körper akzeptiert.

Heute.
Morgen.
Und dann schauen wir weiter.

Es wird nie langweilig.
Das kann man meinem Körper wirklich nicht vorwerfen.

Nur manchmal würde ich mir wünschen, dass er seine Kreativität ein bisschen anders auslebt.

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