Reis mit Trauma – Beilage inklusive

Kennst du das?
Du liebst etwas über Jahre.
Es gehört zu deinem Leben wie ein vertrauter Geruch oder ein Lieblingslied.
Und dann kommt ein einziger Tag und plötzlich wird aus Vertrautheit Ekel.

So geht es mir mit Reis.

Früher war Reis für mich ein kleines Stück Zuhause.

Milchreis mit Zimt und Zucker.
Mit heißen Kirschen.
Oder einfach pur mit Vanille, wenn das Leben schon kompliziert genug war.

Reis mit Fisch in Senfsoße.
Reis mit Curry.
Reis mit Senfeiern.
Gebratener Reis mit Gemüse.
Gekochter Reis mit allem, was gerade im Kühlschrank überlebt hatte.

Ich habe selten nach Rezept gekocht.
Ich kochte nach Bauchgefühl, Appetit und spontanen Ideen.
Manchmal wurde daraus etwas Großartiges, manchmal eher ein kulinarisches Verbrechen.

Aber es war mein Essen, mein kleines Chaos, meine Freiheit.

Dann kam die Reha nach meiner Ü-Ei-OP.

Und dort starb etwas völlig Banales:

Meine Liebe zu Reis.

Es klingt absurd, oder?

Ein Palliativpatient schreibt über Reis, als wäre es eine verlorene Liebe.

Aber Traumata sind selten logisch.

Sie verstecken sich nicht nur in Narben oder Diagnosen.
Manchmal wohnen sie in Gerüchen, Farben und kleinen orangefarbenen Karottenwürfeln.

In der Reha gab es oft Reis. Sehr oft.
Fast immer begleitet von winzig geschnittenen Karotten und einer weißen Soße, die aussah, als hätte jemand Tapetenkleister mit Krankenhausmüdigkeit verrührt.

An einem Tag durfte ich zum ersten Mal wieder richtig sitzen.
Ein kleiner Satz, hinter dem Wochen voller Schmerzen, Angst und Hilflosigkeit standen.

Mein Magen knurrte wie ein Tier, das zu lange eingesperrt war.
Ich hatte Hunger.
Echten, brennenden Hunger.

Die Krankenschwester stellte mir das Tablett hin und sagte:

„Ich lasse Sie nicht allein. Ich helfe Ihnen.“

Sie legte mir die Gabel zur linke Hand, hob den Deckel an – und da lag er:
Reis mit kleinen Karotten in einer dickflüssigen weißen Soße.

Der Geruch traf mich sofort. Nicht verdorben. Nicht besonders schlimm. Einfach … falsch.

Dann hängte sie die Klingel oben auf die Lampe über meinem Bett und sagte noch einmal:

„Ich bin ja da.“

Und verschwand.

Die Tür fiel ins Schloss. Von außen.

Ich saß vor diesem Teller wie vor einer Prüfung, die ich nicht bestehen konnte. Der Hunger zog in meinem Bauch, aber mein Körper war ein Gefängnis aus Schmerzen und Schwäche.

Mit aller Kraft bewegte ich meine Hand zur Gabel. Zentimeter für Zentimeter. Ich bekam die Gabel zu fassen.

Aber ich bekam sie nicht bis zum Mund.

Also wartete ich.

Erst geduldig.
Dann hoffend.
Dann verzweifelt.

Meine Arme brannten.
Jede Bewegung fühlte sich an, als würde jemand rostige Schrauben durch die Gelenke drehen.
Tränen liefen über mein Gesicht, nicht dramatisch, sondern still und erschöpft.

Ich schaute zur Tür.
Zu weit weg.

Ich schaute zur Klingel über dem Bett.
Unerreichbar.

Ich schaute wieder auf den Teller.

Und dann passierte etwas, das sich bis heute in mein Gedächtnis eingebrannt hat wie eine Szene aus einem stillen Thriller:

Der Strohhalm im Wasserglas wurde langsam von der Kohlensäure nach oben gedrückt, kippte um und fiel direkt in diese weiße, zähe Soße.

Ich weiß nicht warum, aber genau dieser Moment hat sich festgesetzt.

Nicht die Operation.
Nicht die Narben.
Nicht die Schmerzen.
Sondern ein umfallender Strohhalm in dieser widerlichen Krankenhaussoße.

Ich wartete weiter.

Der Reis wurde kalt.

Mein Magen knurrte immer leiser. Irgendwann tut selbst Hunger nicht mehr richtig weh – er wird einfach nur traurig.

Rufen konnte ich nicht. Meine Stimme war zu schwach für Flure voller Gespräche und hektischer Schritte. Niemand hörte mich.

Irgendwann kam jemand zurück.
Vielleicht waren es Minuten.
Vielleicht eine Ewigkeit.
In solchen Momenten verliert Zeit ihre Bedeutung.

Das Essen war kalt.

Ich hatte nichts davon gegessen.

Und ich wurde hungrig zurück ins Bett gelegt.

Seit diesem Tag kann ich Reis nicht mehr sehen. Schon der Anblick von gekochtem Reis löst etwas in mir aus, das viel größer ist als bloßer Geschmack.
Mein Körper erinnert sich schneller als mein Verstand.

Manchmal fragen Menschen:

„Wie kann man sich vor Reis ekeln? Das ist doch nur Reis.“

Nein.
Es ist nicht nur Reis.

Es ist der Geschmack von
Hilflosigkeit.
Der Geruch von Einsamkeit.
Die Erinnerung daran, hungrig vor einem vollen Teller zu sitzen und zu begreifen, dass zwischen dir und einer einzigen Gabel voll Essen plötzlich ein unüberwindbarer Abgrund liegen kann.

Vielleicht ist dass das Gemeinste an Traumata:

Sie kommen nicht immer als Albtraum in der Nacht zurück.
Manchmal sitzen sie tagsüber auf einem Teller.
Zwischen ein paar Karottenwürfeln und kaltem Reis.
Und plötzlich wird aus einer einfachen Beilage eine Erinnerung, die man nie bestellt hat – die aber trotzdem immer wieder mit am Tisch sitzt.

7 Antworten zu “Reis mit Trauma – Beilage inklusive”

  1. Bei mir passiert das meist umgekehrt. Ich mochte kein Senft, ich mochte kein Knoblauch. Beides liebe ich zwischenzeitlich.
    Aber es gibt auch etwas, wovor ich zwischenzeitlich zurück weiche. Die Bettpfanne. Die Geschichte dazu behalte ich für mich, denn das ging unter die Gürtellinie…

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