Zwischen Selfie und Wahrheit


Wir leben in einem Zeitalter der schnellen Augenblicke.

Das Handy ist schneller gezückt, als ein Gedanke zu Ende gedacht wird.
Ein kurzes zack, die Kamera öffnet sich, der Finger berührt den Bildschirm und schon wird ein Moment eingefroren, bevor er überhaupt richtig gelebt wurde.
Cafés, Sonnenuntergänge, lachende Gesichter, Hunde im Gras, ein Blick in den Spiegel.
Tausende Bilder, eventuell Millionen.

Auch ich mache gerne Fotos.
Früher mit meiner Canon.
Ich liebte das Gewicht in meinen Händen, das bewusste Einstellen von Licht und Schärfe, dieses Gefühl, nicht einfach nur zu knipsen, sondern einen Augenblick einzufangen.

Heute fotografiere ich meistens mit dem Handy.
Nicht, weil ich es so unbedingt möchte, sondern weil meine Kamera für mich zu schwer geworden ist.
Mein Handicap hat mir nach und nach viele Dinge genommen und leider auch einen Teil dieses Hobbys.

Trotzdem sammle ich Erinnerungen.
Unzählige Fotos und Videos meiner geliebten Hündin.
Kleine Momente voller Leben:

ein schiefer Blick, ein freudiges Schwanzwedeln, das leise Schnaufen im Schlaf.

Erinnerungen, die man nicht in Gramm wiegen kann und die doch schwerer sind als jede Kamera und unbezahlbar.

Und ich habe viele Selfies von mir.

Eines davon möchte ich hier mit euch teilen.

12.08.2026

Fremde Menschen schätzten mich darauf auf etwa 20 bis 23 Jahre.
Sie beschrieben mich als fröhlich, schüchtern, zurückhaltend.
Manche schrieben sogar, ich hätte eine
„leichte, unbeschwerte Ausstrahlung“.

Als ich das las, musste ich lächeln.
Nicht spöttisch, eher auf eine stille, nachdenkliche Weise.

Denn die Wahrheit ist eine andere.

Ich bin 38 Jahre alt.

Seit 1999 kämpfe ich gegen einen Hirntumor. Ein Kampf, der nicht mit einem dramatischen Finale begann, sondern mit vielen kleinen Kapiteln aus Hoffnung, Angst, Operationen, Untersuchungen, Medikamenten und endlosen Wartezimmern.

Heute gelte ich als Palliativpatientin.
Ich bin chronisch krank und brauche meinen Elektrorollstuhl, viele Medikamente und Fentanyl-Pflaster, um die Schmerzen erträglicher zu machen.

Es gibt Tage, an denen ich nicht wirklich lebe.
Da existiere ich nur.

Das klingt hart, ich weiß.
Aber manchmal fühlt sich das Leben an wie ein dunkler Korridor in einem Thriller:

Man geht weiter, weil man muss, obwohl man nicht weiß, was hinter der nächsten Tür wartet.
Jeder Schritt kostet Kraft.
Jeder Tag ist eine neue Szene zwischen Hoffnung und Erschöpfung.

Und genau deshalb irritieren mich Fotos manchmal so sehr.

Viele Menschen erwarten, dass schwere Krankheit sichtbar sein müsste.
Sie erwarten blasse Haut, tiefe Augenringe, ein Gesicht voller Schmerz.
Doch oft sieht man nichts davon.
Ein Foto zeigt einen Bruchteil einer Sekunde – nicht die Stunden davor, nicht die Nacht ohne Schlaf, nicht die Tränen ins Kopfkissen.

Man sieht nicht die Medikamente auf dem Nachttisch.
Nicht die Angst vor dem nächsten MRT.
Nicht die Momente, in denen man still hofft, einfach nur einen normalen Tag zu haben.

Das, was Menschen sehen, ist oft nur ein winziger Ausschnitt der Wirklichkeit.

Auf Twitch passiert mir da
häufig, wenn ich im Chat scherze, lache oder albern bin, lese ich oft:

„Oh, däumi hat gute Laune!“

Und ja – in diesem Moment stimmt das vielleicht sogar.
Ich liebe Humor.
Ich liebe es, Menschen zum Lachen zu bringen.
Für ein paar Minuten fühlt sich alles leichter an.
Doch auch das ist nur eine Momentaufnahme.

Viele kranke Menschen – und ich gehöre dazu – lernen irgendwann, ihre Schmerzen zu überspielen.

Nicht, um andere anzulügen, sondern um sich selbst zu schützen.

Wenn jeder jederzeit wüsste, wie schlecht es einem wirklich geht, würde das Leben nicht automatisch einfacher werden.

Mitleid kann schwerer wiegen als Schweigen.
Manche Fragen erschöpfen mehr als die Krankheit selbst.

Also setzt man ein Lächeln auf.
Man macht Witze.
Man reagiert fröhlicher, stärker und unbeschwerter, als man sich innerlich fühlt.

Wie eine Figur in einem Roman, die mitten im Sturm noch eine Kerze anzündet, damit die anderen nicht merken, wie dunkel es wirklich ist.

Das bedeutet nicht, dass das Lächeln falsch ist.

Es bedeutet nur, dass ein Mensch aus mehr besteht als aus dem Ausdruck seines Gesichts.

Wenn ich heute durch meine Galerie scrolle, sehe ich nicht nur Bilder.
Ich sehe Kapitel meines Lebens.

Das Foto mit dem jungen Gesicht.
Das Video meiner Hündin im Feld, am See oder auf dem Berg.
Das verschwommene Selfie nach einer schmerzhaften Nacht.
Das Bild, auf dem ich lache, obwohl ich kurz vorher geweint habe.

Jedes einzelne erzählt eine Geschichte, die niemand vollständig erkennen kann, der nur für wenige Sekunden darauf schaut.

Womöglich sollten wir deshalb vorsichtiger werden mit unseren Urteilen.

Der stille Mann an der Kasse könnte gerade um seine Gesundheit kämpfen.

Die Frau mit dem strahlenden Selfie könnte seit Jahren Schmerzen haben.

Der Mensch, der online lacht, könnte offline gerade versuchen, nicht daran zu zerbrechen.

Fotos zeigen Gesichter.
Das Leben dahinter bleibt oft unsichtbar.

Und doch fotografieren wir weiter.
Nicht nur aus Eitelkeit oder Gewohnheit, sondern weil wir etwas festhalten wollen, das sonst verloren ginge:

Nähe, Liebe, Erinnerungen, kleine Lichtblicke inmitten eines manchmal sehr dunklen Weges.

Vielleicht ist genau das die schönste Wahrheit an all den schnellen Bildern unserer Zeit:

Sie beweisen, dass wir trotz allem noch Augenblicke finden, die es wert sind, bewahrt zu werden.
Selbst dann, wenn das Leben uns mehr nimmt, als wir jemals erwartet hätten.

Wenn Dich dieser Text berührt hat, freue ich mich über deine Gedanken.
Kennst du das Gefühl, dass Menschen nur einen winzigen Ausschnitt von dir sehen?
Hast du selbst erlebt, wie sehr Fotos und kurze Begegnungen täuschen können?

Lass uns darüber austauschen.
Schreib mir gerne einen Kommentar und teile diesen Beitrag, wenn du glaubst, dass er auch anderen Mut machen oder zum Nachdenken anregen könnte.

5 Antworten zu “Zwischen Selfie und Wahrheit”

  1. Ein Foto ist eine Momentaufnahme. Ob das Bild wirklich die Realität zeigt, liegt im Auge des Betrachters. Was in der fotografierten Person vor geht, kann ein Außenstehender selten beurteilen.
    Oft ist es doch genau so, wie es Heinz Rühmann hier besingt:

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