Es gibt Erinnerungen, die nach Sommer riechen.
Nach warmem Heu, staubigen Feldwegen und kleinen Kinderhänden,
die sich fest in eine Pferdemähne krallen, als könnten sie damit
die ganze Welt festhalten.
Neulich saßen mein Mann und ich zusammen und sprachen
über unsere Kindheit. Einfach so.
Zwischen Tee, Müdigkeit und diesem warmen Abendlicht,
das Wohnungen plötzlich weicher wirken lässt.
Wir erzählten uns Geschichten von früher, lachten über Unsinn und schwiegen zwischendurch über Dinge, die bis heute wehtun.
Und plötzlich wurde mir wieder bewusst, wie sorglos meine Kindheit bis zu meinem neunten Lebensjahr gewesen war.
Ich war ein Kind, das sich sicher fühlte. Eins, das glaubte,
die Welt sei im Grunde gut. Mein Papa lebte noch.
Allein dieser Satz trägt heute ein Gewicht, das
mein jüngeres Ich niemals verstanden hätte.
Denn Kinder glauben an Selbstverständlichkeiten.
Daran, dass Eltern immer da sind.
Dass man morgens aufwacht und alles bleibt wie gestern.
Bis plötzlich nichts mehr ist wie gestern.
Mit Papas Tod änderte sich alles. Nicht langsam. Nicht vorsichtig.
Sondern mit dieser brutalen Endgültigkeit, die nur der Tod mit sich bringt.
Auf einmal war da Stille, wo früher Leben gewesen war. Erwachsene sprachen leiser.
Türen wurden vorsichtiger geschlossen.
Und ich lernte viel zu früh, dass Menschen verschwinden können.
Zwei Jahre später kam dann meine Diagnose.
Als hätte das Leben beschlossen, einmal ordentlich nachzutreten.
Mit elf Jahren versteht man Krankheiten nicht wirklich.
Man versteht nur Arztzimmer, besorgte Gesichter und dieses seltsame Gefühl, dass plötzlich über den eigenen Körper gesprochen wird, als gehöre er einem nicht mehr selbst.
Heute sprechen alle von Inklusion.
Ein schönes Wort.
Modern.
Gut klingend.
In den 1990ern war davon nicht viel zu spüren.
Vieles war kaum erforscht, Ärzte wussten oft selbst nicht weiter
und Kinder wie wir lernten früh, tapfer auszusehen,
damit andere sich wohler fühlten.
Mein Mann kennt dieses Gefühl ebenfalls.
Seine Kindheit war nie einfach.
Das Rheuma kam viel zu früh in sein Leben.
Während ich erst später lernen musste, dass Gesundheit
nicht selbstverständlich ist, wuchs er praktisch damit auf.
Vielleicht verstehen wir uns deshalb manchmal ohne Worte.
Und vielleicht berühren mich Erinnerungen an meine
kurze Pferdezeit bis heute so sehr.
Ich war ungefähr sieben oder acht Jahre alt, als ich meine ersten und gleichzeitig letzten Reiterferien hatte. Pferde liebte ich schon immer. Auf alten Fotos sitze ich zwischen Barbie-Pferden, Plastikponys und völlig zerzausten Stofftieren mit Mähne. Andere Mädchen sammelten Puppen. Ich sammelte Pferde.
Für mich waren sie das Größte überhaupt.
Diese Reiterferien waren mein absoluter Traum. Meine Freundin und ich lebten praktisch nur noch für diesen Hof. Morgens früh aufstehen, verschlafen in den Bus steigen und direkt in den Stall. Schon beim Aussteigen roch man Heu, Erde und Leder. Bis heute gibt es keinen Geruch, der mich schneller zurück in meine Kindheit bringt.
Wir verbrachten gefühlt jede Minute bei den Ponys.
Und wir hatten brillante Ideen. Zumindest fanden wir das damals.
Zum Beispiel Voltigieren.
Oder besser gesagt: der sehr ehrgeizige Versuch davon.
Anfangs bestand unsere größte Kunst darin, irgendwie auf ein trabendes Pony zu gelangen, ohne direkt wieder herunterzufallen. Nach einigen spektakulären Stürzen funktionierte das tatsächlich irgendwann erstaunlich gut. Unser nächstes Ziel war dann allerdings, auf dem stehenden Pony zu stehen.
Rückblickend muss ich sagen: Kinder besitzen entweder unglaublichen Mut oder erschreckend wenig Selbsterhaltungstrieb.
Meine Helme überlebten diese Ferien jedenfalls nicht. Einer zerbrach sogar komplett in zwei Teile. Aber immerhin nur der Helm und nicht mein Kopf. Das werteten wir eindeutig als Erfolg.
Wir fühlten uns frei.
Nachmittags liefen oder ritten wir mit zwei Ponys, drei Hunden und vier Kindern durch die Weinreben. Die Hunde hörten nur bedingt, die Ponys fraßen ständig irgendwo Blätter, und wir redeten ohne Pause durcheinander.
Es war perfekt.
Abends bekamen die Ponys noch schnell eine Möhre zugesteckt, bevor wir müde in den Bus nach Hause fielen und verzweifelt versuchten, unterwegs nicht einzuschlafen. Meistens mit zerkratzten Knien, staubigen Schuhen und Heu in den Haaren.
Ich erinnere mich bis heute mit einem Grinsen daran.
Auch wenn ich heute weiß, dass dieser Hof wahrscheinlich ein kleines pädagogisches Abenteuer war. Vermutlich würden moderne Eltern heute nach drei Minuten nervös werden. Damals liefen Kinder einfach irgendwo zwischen Pferden, Hunden und halb kaputten Helmen herum und alle dachten sich: Wird schon gutgehen.
Und irgendwie ging es das ja auch.
Doch Ferien enden immer irgendwann.
Damals dachte ich noch, das sei das Traurigste daran.
Mit meiner Diagnose änderte sich vieles.
Ich weiß bis heute nicht, ob ich überhaupt hätte weiterreiten können. Wahrscheinlich hätte mein Körper diesen Weg irgendwann ohnehin nicht mehr mitgemacht.
Und Finanziell wäre es Wahrscheinlich auch eng geworden, ohne Hauptverdiener. Reiten ist ein teures Hobby und Alleinerziehend mit drei Kinder ist sowas oft einfach nicht drin.
Aber das Schicksal nahm mir diese Entscheidung einfach ab.
Und dann saß ich im Rollstuhl.
Seitdem halte ich Abstand zu Pferden.
Nicht aus Angst, sondern aus Respekt.
Pferde reagieren auf Körpersprache, auf Unsicherheit, auf Stimmungen. Man kann ihnen nichts vormachen.
Sie spüren sofort, wie es einem wirklich geht.
Wahrscheinlich liebe ich sie genau deshalb noch immer so sehr.
Nach Leas Tod wurde diese Verbindung plötzlich wieder stärker.
Trauer hat keine Richtung. Sie trägt einen einfach irgendwohin.
Einmal fuhr ich planlos mit meinem Rollstuhl durch die Gegend und weinte schon seit einer ganzen Weile. Nicht dieses stille traurige Weinen, sondern dieses schmerzhafte, hässliche Weinen, bei dem einem alles weh tut.
Und ohne wirklich darüber nachzudenken, landete ich an einem Ort, an dem Lea und ich früher oft glücklich gewesen waren.
Dort war eine Pferdewiese.
Ich blieb am Zaun stehen und konnte plötzlich nicht mehr weiter. Also saß ich einfach da und weinte.
Ein weißer Wallach graste ein Stück entfernt. Langsam kam er näher. Ganz ruhig. Als er bemerkte, dass ich ihn ansah, schnaubte er leise aus.
Für Menschen, die Pferde nicht kennen, klingt das vermutlich unspektakulär. Für mich fühlte es sich an wie ein stilles: Es ist okay.
Er blieb in meiner Nähe, graste friedlich und schaute immer wieder zu mir herüber.
Zwischendurch schnaubte er erneut.
Und langsam wurde mein Atem ruhiger.
Ich weiß nicht mehr, wie lange wir dort zusammen standen.
Vielleicht eine Stunde.
Womöglich länger. Zeit funktioniert in Trauer ohnehin anders.
Irgendwann kam eine junge Frau zur Wiese, um ihn hereinzuholen. Ich fragte sie nach seinem Namen.
„Das ist Nero“, sagte sie lächelnd.
„Eigentlich mag er keine Fremden.
Normalerweise hält er Abstand.“
Ich sah ihm nach, wie er Richtung Stall lief.
Und bis heute glaube ich, dass Tiere manchmal genau wissen,
wann ein Herz Hilfe braucht.
Ich bin danach noch ein paar Mal zu dieser Wiese gefahren,
aber ich habe Nero nie wiedergesehen.
Vielleicht war genau das irgendwie passend.
Ein Jahr später war ich in einem Park unterwegs. Ich wollte einfach mal wieder eine große Runde drehen. Frische Luft. Gedanken sortieren.
Da lief eine Frau an mir vorbei und im ersten Moment dachte ich, sie hätte einen ungewöhnlich großen Hund dabei.
Bis ich genauer hinsah.
Es war ein Pony.
Allein dieser Anblick machte mich sofort glücklich.
Als ich später erneut an der Stelle vorbeikam, saß die Frau auf einer Bank und lernte mit Karteikarten. Das Pony stand ruhig neben ihr und graste.
Normalerweise spreche ich kaum noch Fremde an. Früher fiel mir das leichter. Heute denke ich oft zu lange nach.
Aber an diesem Tag nahm ich meinen Mut zusammen.
Und zum ersten Mal seit über siebenundzwanzig Jahren streichelte ich wieder ein Pony.
Dieses Gefühl kann man kaum beschreiben. Das weiche Fell unter meinen Fingern. Die Wärme. Dieser friedliche Blick.
Etwas in mir wurde plötzlich wieder Kind.
Ich grinste den restlichen Tag völlig bescheuert durch die Gegend und war gleichzeitig unfassbar stolz auf mich.
Manchmal sind es genau diese kleinen Momente, die einen retten.
Tiere schaffen etwas, das Menschen oft nicht können. Sie erwarten nichts. Sie bewerten nicht. Sie sehen keinen Rollstuhl, keine Diagnose, keine Krankheit.
Sie spüren einfach nur, ob man freundlich ist.
Und ich merke immer wieder, wie sehr ich Tiere brauche, um glücklich zu sein.
Unsere Katze Lucy ist zum Glück noch bei uns. Seit Lea nicht mehr da ist, hat sich unsere Beziehung verändert. Früher kam Lucy nie auf meinen Schoß.
Vermutlich hatte sie einfach gelernt, dass Lea dort ebenfalls nie gelegen hatte.
Heute springt sie manchmal auf meinen Rollstuhl, wenn ich am Tisch sitze und male.
Dann setzt sie sich auf die Armlehne und schaut mir zu, als würde sie kontrollieren,
ob ich alles richtig mache.
Ich liebe diese Momente.
Dieses stille Zusammensein.
Dieses kleine: Ich bin da.
Vielleicht bleibt in jedem Menschen ein Teil Kind zurück.
Der Teil, der Trost in Fell findet.
Der bei Pferden automatisch lächelt.
Der sich nach Wärme und Nähe sehnt.
Und eventuell ist das etwas Wunderschönes.
Denn trotz allem Schmerz, trotz Verlusten,
Diagnosen & Abschieden gibt es sie noch immer.
Diese kleinen Augenblicke, die bleiben.
Ein schnaubender Wallach an einem Zaun.
Ein Pony mitten im Park.
Eine Katze auf der Armlehne.
Und irgendwo tief in mir lebt noch immer dieses kleine Mädchen mit staubigen Schuhen, zerbrochenem Reithelm und leuchtenden Augen zwischen Ponys.
Womöglich hatte sie damals sogar recht.
Denn trotz allem bin ich wohl einfach geblieben, was ich schon immer war:
Ein Pony- und Hundemädchen.