Heimat hat mehr als eine Sprache


Für manche klingt mein Name wie ein fernes Lied, getragen vom Wind über das Meer.
Für andere ist er einfach nur ein Klang, ein Wort unter vielen.
Für mich ist er mein Zuhause.
Ein Ort, an dem sich alles sammelt, was ich bin:

meine Herkunft,
meine Widersprüche,
meine Erinnerungen.

Ein Name, der nicht nur mich ruft, sondern auch Geschichten flüstert,
von Sonne & Schnee, von Verlust & Widerstand,
von Zerbrechlichkeit & einer Kraft, die sich oft erst im Schmerz zeigt.

Ich bin in einer Welt aufgewachsen, die nie ganz eine war. Immer zwei.
Zwei Sprachen in meinen Ohren.
Zwei Rhythmen in meinem Herzen.
Zwei Arten zu glauben, zu leben, zu fühlen.

Deutschland und Algerien. Ordnung und Wärme.
Stille Winter und laute Sommer.
Und ich, dazwischen.
Immer dazwischen.

Ich erinnere mich an die Sommer, als wäre meine Haut noch immer von der Sonne durchtränkt.
Ich sehe meine kleinen Füße auf heißem Boden, spüre Staub zwischen den Zehen, höre das Lachen meiner Familie, das sich wie Musik durch die Luft zog.
Die Feigen – weich, süß, klebrig – als hätten sie die Sonne selbst gespeichert.
Es war eine Zeit, in der mein Körper leicht war, mein Herz ganz, meine Welt überschaubar. Ich war einfach ein Kind. Und ich war glücklich.

Und dann kam der Winter. Deutschland.
Die Luft biss in meine Wangen, meine Finger wurden steif vor Kälte, aber mein Lachen war laut genug, um sie zu vertreiben.
Schneemänner, die wir bauten, als könnten wir die Zeit festhalten.
Als wäre alles sicher.
Als würde nichts jemals zerbrechen.

Bis es das tat.

Ich war neun, als mein Vater starb.
Neun. Ein Alter, in dem man noch glaubt, dass Erwachsene unzerstörbar sind.
Dass Väter bleiben.
Dass Liebe schützt.

Aber an diesem Tag lernte ich, dass selbst die stärksten Säulen fallen können und dass das Geräusch davon nicht laut sein muss.
Manchmal zerbricht eine Welt ganz leise.

Seitdem trage ich ein halbes Herz in mir.

Es schlägt.
Es lebt.
Aber es fühlt sich oft an, als würde ein Teil von mir immer fehlen.

Als hätte der Schmerz sich eingenistet und beschlossen zu bleiben.
Und doch ich habe weitergelebt.
Ich habe gelernt, mit dieser Leere zu atmen, mit diesem Gewicht zu gehen, auch wenn meine Beine mich nicht tragen.

Mein Glaube war da. Immer.
Wie eine Hand, die mich hielt, wenn ich drohte zu fallen.
Wie ein Flüstern, das sagte:

Du bist nicht allein.
Und ich habe mich daran festgehalten.
Habe gebetet, gehofft, gesucht.

Aber mein Glaube ist nicht nur Licht. Er ist auch Schatten.
Ich habe gelernt, dass Glauben viele Gesichter hat.
Manche sind sanft, voller Barmherzigkeit und Liebe. Andere sind hart, urteilen, begrenzen, engen ein.
Und ich stehe auch hier dazwischen.
Zwischen Hingabe und Fragen.
Zwischen Vertrauen und Zweifel.

Ich bin heute 38 Jahre alt.
Und noch immer lebe ich zwischen diesen Welten.
Zwischen dem, was war und dem, was ist.
Zwischen dem, was von mir erwartet wird und dem, was ich selbst sein will.

Die Welt um mich herum ist kälter geworden.
Nicht nur draußen, wenn der Winter kommt.
Sondern in den Blicken, in den Worten, in dem, was Menschen einander antun.
Krieg.
Hass.
Lügen.
Vertreibung.
Gewalt.
Zerstörung.

Worte, die zu groß sind und doch so real, dass sie sich in mein Herz brennen.

Ich habe Angst.

Ich habe Angst, weil ich im Rollstuhl sitze und oft übersehen werde.
Als wäre ich weniger sichtbar, weniger wichtig, weniger ganz.
Als würde mein Körper bestimmen, wie viel Raum ich einnehmen darf.

Ich habe Angst, weil mein Name für manche fremd klingt.
Weil Fremdsein oft reicht, um Abstand zu schaffen.
Um Mauern zu bauen, wo Brücken sein könnten.

Ich habe Angst, weil mein Glaube missverstanden wird.
Weil Menschen urteilen, ohne zu fragen.
Weil sie sehen wollen, was ihre Angst bestätigt – nicht, was mich wirklich ausmacht.

Und ich habe Angst, weil meine Existenz für manche weniger wert ist.
Weil ich eine Frau bin.
Weil ich eine Frau im Rollstuhl bin.
Weil ich eine Frau bin, die nicht still bleibt.

Ich habe mein ganzes Leben lang kämpfen müssen.

Um meine Stimme.
Um mein Recht, gehört zu werden.
Um meine Selbstbestimmung.
Um meinen Platz in einer Welt, die oft so tut, als gäbe es mich nicht.

Ich war immer zu viel – und doch nie genug.

Zu fremd für die einen.
Zu deutsch für die anderen.
Zu gläubig.
Zu kritisch.
Zu leise.
Zu laut.

Es ist, als würde ich ständig an Grenzen stoßen, die andere für mich gezogen haben. Grenzen, die sagen: Bis hierhin und nicht weiter.
So darfst du sein nicht anders.

Aber ich habe gelernt, dass ich diese Grenzen nicht akzeptieren muss.

Denn da ist etwas in mir.

Etwas, das sich nicht klein machen lässt.
Etwas, das nicht verstummt.
Etwas, das trotz allem leuchtet.

Manchmal ist es nur ein Flackern. Ein leises Aufbegehren. Ein Gedanke, der sich weigert zu verschwinden. Aber es ist da. Und es sagt:

Schreib.

Erzähl deine Geschichte.
Nicht, weil sie perfekt ist.
Sondern weil sie wahr ist.

Vielleicht liest sie jemand.
Vielleicht erkennt sich jemand darin wieder.
Vielleicht sitzt irgendwo eine Frau, die sich genauso zwischen Welten fühlt,
genauso müde ist vom Kämpfen, genauso unsicher, ob sie genug ist.

Und vielleicht liest sie meine Worte und spürt für einen Moment, dass sie nicht allein ist.

Denn das ist es, was wir brauchen.
Verbindung. Ehrlichkeit. Menschlichkeit.

Ich wollte nie politisch sein. Ich wollte einfach nur meinen Krebsblog teilen.
Wollte zeigen, dass niemand alleine durch Schmerz gehen muss.
Dass wir uns gegenseitig halten können, auch wenn wir uns nie begegnet sind.

Aber mein Herz lässt mich nicht schweigen.

Weil ich nicht verstehe, wie wir Menschen einander so viel Leid zufügen können.
Wie wir Grenzen wichtiger machen als Leben.
Wie wir Unterschiede größer machen als das, was uns verbindet.

Wir brauchen Liebe.

Nicht als leeres Wort.
Nicht als naive Idee.
Sondern als Entscheidung.

Für alle. Ohne Ausnahme.

Ich habe ein Buch gelesen – „Handbuch für Unruhestifterinnen.“
Und ich habe mich darin wiedergefunden. In jeder Zeile, die sagt:
Sei unbequem. Sei laut, wenn du es sein musst.
Stelle Fragen. Zweifle. Fordere.
Bestehe darauf, gesehen zu werden.

Ich bin eine Unruhestifterin.

Nicht, weil ich Chaos will.
Sondern weil ich Gerechtigkeit will.

Weil ich nicht akzeptiere, dass Frauen kleiner gemacht werden. Dass Menschen mit Behinderung übersehen werden. Dass Herkunft über Wert entscheidet. Dass Glaube benutzt wird, um zu trennen statt zu verbinden.

Unruhestifterinnen sind keine, die zerstören.

Sie sind die, die aufrütteln.
Die, die erinnern.
Die, die sagen: So, wie es ist, darf es nicht bleiben.

Und ich wünsche mir, dass du auch eine wirst.

Nicht perfekt.
Nicht ohne Angst.
Aber mutig genug, Fragen zu stellen.

Mutig genug, deine Stimme zu benutzen – auch wenn sie zittert.
Mutig genug, Raum einzunehmen – auch wenn man dir gesagt hat, du sollst kleiner sein.

Denn wir sind viele.

Frauen, die zwischen Welten leben.
Frauen, die kämpfen, obwohl sie müde sind.
Frauen, die fühlen, obwohl es weh tut.
Frauen, die sich nicht mehr unsichtbar machen lassen.

Ich bin nicht nur mein Schmerz.
Ich bin nicht nur mein Verlust.
Ich bin nicht nur das, was andere in mir sehen.

Ich bin die, die Feigen pflückte.
Die Schneemänner baute.
Die ihren Vater verlor und trotzdem weiterlebte.
Die glaubt, zweifelt, liebt und immer wieder aufsteht.

Auch mit halbem Herzen.

Vielleicht ist es genau das, was mich stark macht.

Nicht, dass ich unversehrt bin.
Sondern dass ich trotz meiner Brüche leuchte.

Und wenn du das hier liest und dich irgendwo darin wiederfindest – in der Fremdheit, im Schmerz, im Dazwischen – dann weißt du:

Du bist nicht allein.

Und vielleicht… bist auch du eine Unruhestifterin.

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