Am 8. Juni ist Welthirntumortag.
Ein Tag, den viele Menschen wahrscheinlich übersehen, während sie morgens ihren Kaffee trinken, zur Arbeit fahren oder darüber nachdenken, was sie später einkaufen müssen.
Und ehrlich gesagt verstehe ich das sogar.
Das Leben der meisten Menschen läuft weiter.
Termine. Supermärkte. Regen. Rechnungen. Alltag eben.
Aber für manche von uns bleibt dieses Datum jedes Jahr kurz im Herzen hängen.
Nicht laut.
Eher wie ein leiser Moment zwischen zwei Atemzügen.
Ich lebe seit 1999 mit diesem Thema.
Das sind inzwischen mehr Jahre, als manche Beziehungen halten.
Mehr Jahre, als manche Menschen in derselben Wohnung leben.
Und trotzdem gibt es Tage, an denen sich alles plötzlich wieder nah anfühlt.
Nicht dramatisch. Nicht wie in Filmen. Sondern still.
Manchmal reicht schon ein Wort.
Ein Krankenhausgeruch.
Ein MRT-Geräusch in einer Serie.
Oder dieser eine Blick von Ärzten, den man nie wieder vergisst,
wenn man ihn einmal erlebt hat.
Das Verrückte ist:
Wenn Menschen „Hirntumor“ hören, denken viele sofort an das Schlimmste.
An Sterilität.
An traurige Musik im Hintergrund.
An Krankenhausflure aus Filmen.
Aber kaum jemand denkt an das Danach.
An die Jahre danach.
An das Weiterleben.
An Menschen wie uns, die irgendwann wieder zuhause sitzen und versuchen, einen normalen Dienstag zu haben, während ihre Vergangenheit trotzdem mit am Tisch sitzt.
Vielleicht ist genau deshalb ein Welthirntumortag wichtig.
Weil manche Krankheiten unsichtbar werden, sobald die Akutphase vorbei ist.
Menschen sehen Narben irgendwann nicht mehr.
Sie vergessen Arzttermine.
Vergessen Ängste.
Vergessen, wie viel Kraft es kostet, mit bestimmten Erinnerungen zu leben.
Die Welt bewegt sich schnell weiter.
Betroffene oft nicht.
Und genau deshalb brauchen wir solche Tage.
Nicht für Mitleid.
Sondern für Erinnerung.
Für Sichtbarkeit.
Für Menschlichkeit.
Der Welthirntumortag wurde im Jahr 2000 von der Deutschen Hirntumorhilfe ins Leben gerufen, damit Menschen mit Hirntumoren und ihre Familien nicht vergessen werden.
Ziel war es, Aufmerksamkeit für eine Erkrankung zu schaffen, die im Vergleich zu anderen Krebsarten oft wenig öffentliche Wahrnehmung bekommt. Allein in Deutschland erkranken jedes Jahr über 8.000 Menschen an einem primären Hirntumor. Weltweit sind es täglich über 700 neue Fälle. Bei Kindern gehören Hirntumoren sogar zu den häufigsten Krebserkrankungen. ([Deutsche Hirntumorhilfe][1])
Und trotzdem kennen viele Menschen die graue Schleife nicht einmal.
Dabei steht sie für echte Menschen.
Für Angst.
Für Hoffnung.
Für Überleben.
Für Familien, die plötzlich lernen müssen, mit Worten umzugehen, die vorher nie Teil ihres Alltags waren.
Ich glaube, Aktionstage werden oft unterschätzt. Manche verdrehen sogar die Augen darüber. Wieder irgendein Welttag. Wieder irgendeine Schleife. Aber vielleicht verstehen viele nicht, dass Sichtbarkeit manchmal lebenswichtig ist.
Nicht nur medizinisch.
Auch emotional.
Denn seltene oder wenig sichtbare Krankheiten können unglaublich einsam machen. Wenn kaum jemand über etwas spricht, beginnt man irgendwann zu glauben, man wäre allein damit.
Dabei sitzen überall Menschen mit denselben Ängsten.
Menschen, die nachts nicht schlafen können vor Kontrollterminen.
Menschen, die gelernt haben, medizinische Wörter auszusprechen, die sie früher nicht einmal kannten.
Menschen, die äußerlich lachen und innerlich trotzdem manchmal Angst vor der Zukunft haben.
Und manchmal reicht schon ein einziger Tag, um ihnen das Gefühl zu geben: Wir sehen euch.
Ich glaube, das ist etwas sehr Menschliches.
Gesehen werden zu wollen.
Nicht angestarrt.
Nicht bemitleidet.
Einfach gesehen.
Es gibt Tage, an denen ich mich frage, wie mein Leben ohne all das gewesen wäre. Wahrscheinlich leichter. Wahrscheinlich sorgloser. Vielleicht hätte ich weniger Angst gelernt. Vielleicht hätte ich meinem Körper mehr vertraut. Vielleicht hätte ich nicht schon so früh verstanden, wie fragil ein Leben sein kann.
Aber gleichzeitig hat mich genau diese Erfahrung auch verändert.
Nicht nur traurig.
Auch weicher.
Aufmerksamer.
Dankbarer für kleine Dinge.
Früher hätte ich nie gedacht, dass ich mich einmal ehrlich über
einen guten MRT-Termin freuen würde wie andere Menschen über einen Lottogewinn.
Heute weiß ich: Gesundheit verändert die Bedeutung von Glück komplett.
Und trotzdem versuche ich, nicht nur schwer zu werden.
Das ist mir wichtig.
Denn wenn man lange mit Krankheit lebt, passiert etwas Merkwürdiges:
Menschen erwarten irgendwann automatisch Tragik von dir.
Als müsste man dauerhaft ernst sein.
Dabei lache ich unglaublich gern. Wirklich.
Womöglich sogar mehr als früher.
Man entwickelt mit der Zeit einen Humor, den wahrscheinlich nur Menschen verstehen, die selbst viel erlebt haben.
Diesen leicht schwarzen Humor.
Dieses Lachen mitten im Chaos.
Manchmal sitzt man bei Ärzten und denkt sich innerlich: Mein Gehirn hat wirklich beschlossen, die spannendste Persönlichkeit im Raum zu sein.
Und ehrlich gesagt hilft Humor manchmal mehr als jede perfekte Antwort.
Nicht, weil dadurch alles weniger schlimm wird. Sondern weil Lachen für einen Moment das Gefühl zurückgibt, noch ein normaler Mensch zu sein.
Nicht nur Patient.
Nicht nur Diagnose.
Einfach Mensch.
Vielleicht ist genau das etwas, das viele vergessen: Hinter Krankheiten stehen Leben. Echte Leben. Menschen, die trotzdem einkaufen gehen, Serien schauen, sich verlieben, Rechnungen bezahlen, nachts traurig werden, über dumme Witze lachen und manchmal einfach nur ihre Ruhe wollen.
Krankheit macht einen nicht weniger menschlich.
Wenn überhaupt, macht sie vieles intensiver.
Ich nehme kleine Dinge heute viel bewusster wahr. Sonne auf der Haut. Ruhe. Ehrliche Gespräche. Kaffee am Morgen. Menschen, die wirklich bleiben. Vielleicht weil man irgendwann versteht, dass nichts selbstverständlich ist.
Und trotzdem gibt es diese Tage.
Diese stillen Tage.
Tage, an denen Erinnerungen schwer werden.
Dann denke ich daran, wie jung ich eigentlich war. Wie viele Jahre inzwischen vergangen sind. Und manchmal macht mich das traurig. Nicht nur wegen dem, was passiert ist. Sondern auch wegen der Version von mir, die dadurch verloren gegangen ist.
Denn Krankheit nimmt nicht immer nur Gesundheit.
Manchmal nimmt sie auch Leichtigkeit.
Aber sie nimmt nicht alles.
Das musste ich selbst erst lernen.
Es gibt immer noch Hoffnung.
Nicht diese kitschige Filmhoffnung mit Sonnenuntergang und perfektem Happy End. Sondern echte Hoffnung. Die leise Art. Die trotz Angst existiert. Trotz schlechter Tage. Trotz Erinnerungen.
Die Hoffnung, trotzdem ein schönes Leben haben zu dürfen.
Die Hoffnung, dass Menschen empathischer werden.
Dass Forschung weitergeht.
Dass Betroffene sichtbarer werden.
Dass irgendwann weniger Menschen sich allein fühlen müssen.
Genau deshalb sind Tage wie der Welthirntumortag wichtig. Nicht weil ein Datum plötzlich alles verändert. Sondern weil Aufmerksamkeit Veränderung möglich macht. Forschung braucht Sichtbarkeit. Betroffene brauchen Gemeinschaft. Und Menschen brauchen Erinnerung.
Erinnerung daran, vorsichtiger miteinander umzugehen.
Denn niemand sieht einem Menschen an, was er schon überlebt hat.
Vielleicht trage ich dieses Thema seit 1999 mit mir. Aber ich möchte nicht nur die traurige Geschichte davon sein. Ich möchte auch die Geschichte davon sein, weiterzuleben. Zu schreiben. Zu lachen. Hoffnung zu haben. Mich trotzdem auf schöne Dinge zu freuen.
Denn Überleben allein ist nicht alles.
Irgendwann möchte man wieder leben.
Und vielleicht ist genau das mein persönlicher Gedanke zum Welthirntumortag:
Dass hinter jeder Diagnose immer noch ein Mensch steckt, der mehr ist als seine Krankheit.
Jemand mit Humor.
Mit Angst.
Mit Lieblingsliedern.
Mit schlechten Tagen.
Mit Hoffnung.
Mit einem Leben, das trotzdem weitergeht.
Und vielleicht reicht manchmal genau das schon, um weiterzumachen.
([Deutsche Hirntumorhilfe][1])
[1]: https://www.hirntumorhilfe.de/projekte/welthirntumortag1/zeichen-setzen0/?utm_source=chatgpt.com „Deutsche Hirntumorhilfe: Welthirntumortag Hintergrund“
2 Antworten zu “Ich bin mehr als meine Diagnose”
Alles Gute dir und Segen.
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Danke das wünsche ich dir auch
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