„Bis zur zweiten Tanne“

Es gibt Menschen, die begleiten dich nicht nur ein Stück, sondern gefühlt dein ganzes Leben lang. Heute möchte ich euch von so einer besonderen Freundschaft erzählen einer, die nun schon seit 37 Jahren besteht! Wahnsinn, oder? Wir haben wirklich alles zusammen durchlebt: wilde Abenteuer, tiefe Gespräche, verrückte Ideen und unzählige kleine Alltagsmomente, die uns heute noch zum Lachen bringen.

Im Podcast reden wir gemeinsam darüber, aber hier, auf meinem Blog… schwarz auf weiß ist das gar nicht so einfach… wo fängt man da bloß an?

Vielleicht einfach mitten im Herzen.

Ein Gespräch zwischen N & D über Freundschaft, Angst,
Mut und die unerschütterliche Freude am Leben.


D:
Weißt du noch, wie alles angefangen hat?
Wir zwei… noch nicht mal richtig auf der Welt lagen im selben Krankenhaus, winzig klein, ahnungslos, dass wir uns nie mehr loslassen würden.

N:
Von Anfang an nebeneinander. Zwei Babys, zwei Familien, zwei Kulturen eine Freundschaft.
Wir waren ein ganzer Haufen Kinder… und wir beide mittendrin. Immer.

D:
Der Sandkasten war unser Königreich. Wir haben Burgen gebaut, Kriege geführt und gelacht, bis uns der Bauch weh tat. Und ganz viel Aladin & Jasmine gespielt.

N:
Und manchmal auch geweint… vor allem, als du vom blauen Seil am Klettergerüst gefallen bist. Weil Babsi es dir weggezogen hat und du sie dafür… naja, sagen wir mal… ordentlich zur Rede gestellt hast.

D:
Hahaha, oh Gott, ja! Oder die Schulhofmauer. Ich kam nie allein rauf. Du hast mir immer geholfen. Immer. Du warst nie genervt, nie ungeduldig. Einfach da.

N:
Und dieses Auto in der Garage…. das wir voller Stolz „geknackt“ haben! Dabei hatte der Nachbar es extra für uns offen gelassen. Wir dachten, wir wären Meisterdedektive…

D:
… und dabei waren wir einfach zwei Kinder mit großen Augen und zu viel Fantasie. Wie bei unserem kleinen Friedhof im Rosengarten der Nachbarin. Für tote Vögel und Igel. Sie fand das leider weniger poetisch als wir.

N:
Aber wir hatten ein großes Herz. Oder das Zelt in meinem Zimmer… weißt du noch, wie die Spieluhr Feuer fing? Wir sind schreiend rausgerannt wie in einem Katastrophenfilm.

D:
Hahaaha, oh ja. Wie wir über den Zaun zur Holzfabrik geklettert sind! Nur um Holz für Barbie-Möbel zu klauen und dann mit Stoffresten zu bekleben und keiner hat uns verjagt, weil wir einfach im Abfallcontainer wühlten.

N:
Jaa, aber kreativ waren wir. Das muss man uns lassen. Und im Sommer spielten wir Dunkel-Verstecki in schwarzen Klamotten. Unsichtbar sein, das war unser Ziel! Wir waren Spione, Schattenwesen… kleine Superheldinnen.

D:
Oh ja… ich weiß nicht mehr, wie lange wir den einen Abend im Dunkeln in der großen Tanne saßen und uns versteckten. Aber uns konnte nichts passieren. Mein großer Bruder war ja bei uns. Wir waren so viele Kinder.

N:
Oder das eine Mal, als wir aus meinem Kinderzimmerfenster geklettert sind. Weil… warum durch die Tür, wenn’s auch abenteuerlich geht?

D:
Und dann war da unser glorreicher Plan mit dem Planschbecken… „Wir lassen einfach das Wasser laufen und holen schnell den Eimer hoch!“ Die Waschküche sah danach aus wie Venedig.

N:
Mit Inlinern an den Füßen auf dem Hintern die Treppen im Hausflur hoch und runter. Unsere Fahrradtouren und das Kindermotorrad unterm Po von deinem Bruder, wir haben die Nachbarschaft erobert. Zwischen unseren Häusern standen diese vier Tannenbäume…

D:
… und wenn es dunkel war und eine von uns heim musste, haben wir uns bis zur zweiten Tanne begleitet. Dann: „Eins, zwei, drei, vier, fünf!“ Und rennen…. du nach links, ich nach rechts.

N:
Gummitwist. Mülltonnenrennen. Die Straßen waren unsere Bühne und wir haben fremde Pärchen besungen mit:

Zusammen:
„Schalalala, nein oh nein, so klappt das nie, oh nein, küss sie doch!“

D:
Deine Schaukel im Türrahmen war mein Highlight. Deine Eltern? Echte Überlebenskünstler. Vor allem, wenn wir mal wieder mit Karacho an ihnen vorbeiflogen.

N:
Unsere Einschulung… als die Lehrerin uns trennen wollte und du laut sagtest:
„Die tickt doch nicht richtig.“

D:
Lachen naja, aber ich hatte doch recht. Kurz danach kam die Lehrerin in die Psychiatrie… aber nicht wegen uns! Lachen

N:
Jeden Morgen sind wir gemeinsam zur Schule gegangen und regelmäßig zu spät gekommen. Aber wir kamen gemeinsam. Das war das Wichtigste. Auch wenn eine von uns während dem Unterricht immer draußen stehen musste^^ wir hatten uns einfach zu viel zu erzählen.

D:
Unser Töpferunterricht… ich hab noch ein paar von unseren krummen, schiefen Meisterwerken. Und dieses eine Versprechen: Wenn wir mit 25 noch Single sind, heiraten wir uns.

N:
Heute sind wir beide glücklich verheiratet, aber weißt du was? Unsere Sandkasten-Beziehung bleibt.

D:
Oh … unsere ersten Discobesuche, unsere ersten Schwärmereien, erster Liebeskummer…. du warst immer da. Mit Taschentüchern. Oder Chips und Schokolade.

N:
Führerschein, Ausbildung und Büffeln. Du hast mich oft abgehört.

D:
Und wir hatten nie Angst vorm Anderssein. Du hast bei uns gegessen im Ramadan, ich bekam bei euch zu Ostern einen Schoko-Hasen. Keine Religion hat uns getrennt. Kein Unterschied war je ein Problem.
Ich hab durch dich das Christentum kennengelernt, polnische Wörter gelernt, polnische Süßigkeiten probiert. Du hast „Happy Birthday“ auf Algerisch gesungen. Und bei deiner Oma war ich immer willkommen.

N:
Dann kam der große Test. Dein Vater starb. Zwei Jahre später… deine Diagnose. Und irgendwo dazwischen bin ich mit meinen Eltern umgezogen. Nicht weit weg, doch für uns waren plötzlich Welten dazwischen.
Dann konntest du nicht mehr rennen. Nicht mehr toben. Ich konnte dich nicht mehr hochziehen… also hab ich dich geschoben.

D:
Ich wurde gefüttert. Du warst trotzdem da. Du bist nie gegangen. Du warst… du.
Auch wenn ich im Rollstuhl saß unsere Freundschaft ist stehen geblieben.
Stark. Treu. Unerschütterlich.

N:
37 Jahre. Und kein Tag, an dem ich bereue, dass wir uns kennen.
Du bist nicht einfach meine Freundin. Wir waren schon immer wie Schwestern, mein Mensch fürs Leben.

D:
Danke für alles.
Für jeden Tannenschritt.
Für jede Träne und jedes Lachen.
Für „die tickt doch nicht richtig“.
Für „eins, zwei, drei, vier, fünf – renn!“

N:
Und danke dir. Dass du nie aufgegeben hast.

Beide zusammen:
Auf die nächsten 37 Jahre. Und noch mehr.
Bis zur zweiten Tanne. Und weiter.



Nachklang

Manchmal ist es nicht das große Ereignis, das uns formt, sondern die Summe der kleinen Dinge: geteilte Geheimnisse, angeknackste Knie, improvisierte Pläne und Treue in schweren Stunden.
Diese Freundschaft trägt Narben und Glitzer. Sie hat Stärke, Kichern, Wut, Verletzlichkeit und die leise Gewissheit, dass jemand bleibt, wenn alles andere wankt.

„Bis zur zweiten Tanne“ ist kein Ziel. Es ist eine Geste: die Hand, die dich begleitet, der Blick, der versteht, das Lachen, das mitten in der Nacht noch anklopft. Es ist Lebensfreude, die trotz allem tanzt und die Schönheit, die in jahrzehntelangen Gewohnheiten wohnt:
im gemeinsamen Zuspätkommen, in den schiefen Töpferstücken, in den Liedern singend vor fremden.

Wenn du dieses Gespräch liest oder im Podcast hörst, denk an deine zweite Tanne. An die Menschen, die bis heute bei dir geblieben sind. Schreib ihnen oder setz dich mit ihnen unter einen Baum und zähle die Schritte, die ihr schon gemeinsam gegangen seid. Denn genau da, zwischen der ersten und der zweiten Tanne, liegen die Geschichten, die uns zu dem machen, wer wir sind

2 Antworten zu “„Bis zur zweiten Tanne“”

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