Außerhalb der Reihe

Heute möchte ich etwas erzählen, das nichts mit Krankheit zu tun hat

Oft schreibe ich über meine gesundheitliche Situation, über Schmerzen, Einschränkungen, Hilfsmittel und die kleinen Siege im Alltag. Doch heute möchte ich das bewusst zur Seite legen. Denn auch wenn Krankheit und Behinderung ein großer Teil meines Lebens sind, machen sie nicht meine ganze Persönlichkeit aus. Ich bin ein Mensch mit Gedanken, Gefühlen, Überzeugungen – und eben auch mit einer Haltung zu dem, was um mich herum geschieht.

Vorweg: Ich bin politisch nicht hochgebildet, ich habe keine endlosen Studiengänge in Politikwissenschaft besucht, und auch keine Bücherregale voller Fachliteratur durchgearbeitet. Aber das bedeutet nicht, dass ich keine Meinung haben darf. Im Gegenteil: Ich finde es wichtig, dass jede und jeder von uns eine Haltung entwickelt. Eine Meinung, die sich durch Gespräche, Beobachtungen und durch die Auseinandersetzung mit anderen Menschen formt.

Mein Mann und ich führen oft lange Gespräche. Manchmal abends auf dem Sofa, manchmal mitten in der Nacht, wenn die Gedanken uns wachhalten. Wir reden über Gesellschaft, Politik, die Weltlage – und genauso auch über das Kleine, das uns direkt betrifft. Diese Gespräche sind wertvoll, denn sie öffnen meinen Blick, fordern mich heraus und helfen mir, meine eigene Haltung zu schärfen.

Auch mit unseren Freunden und Familien reden wir viel. Natürlich gibt es unterschiedliche Meinungen. Das ist doch völlig klar, denn wir sind alle unterschiedliche Menschen, geprägt durch verschiedene Erfahrungen, Lebenswege, Werte. Und ja, manchmal wird es lauter. Manchmal erhitzt sich die Stimmung, weil Emotionen dabei sind. Doch das gehört für mich dazu. Eine Diskussion lebt von Leidenschaft. Wichtig ist nur, dass wir uns daran erinnern: Unterschiedliche Meinungen zerstören nicht automatisch Beziehungen. Man muss nicht in allem übereinstimmen, um verbunden zu bleiben.

Eine Meinung, die mir in einem Gespräch besonders hängen geblieben ist, möchte ich hier wiedergeben. Sie lautet:

„Ich beobachte es nur mit Sorge, dass der öffentliche Diskurs eine Einordnung wie beispielsweise Karma oder ähnliches als eine Art der Bewertung immer wieder benennt. Wir kommen in unserer Gesellschaft langsam dahin, den politischen oder nur vermeintlich Meinungsanderen – bei Schmach oder gar Tod – zu entmenschlichen. Und es gibt keine Grenzen mehr des Darstellbaren.
Auf der einen Seite kann es sein, dass du deinen Job verlierst, weil du in der falschen Partei bist oder im Restaurant wegen deiner politischen Einstellung keinen Tisch bekommst. Auf der anderen Seite kann sich heute jedes Kind mit Internetzugang in drei Blickwinkeln ansehen, wie einem Speaker durch den Hals geschossen wird und ständig tote Kinder aus Kriegsgebieten getragen werden – ganz unzensiert! Und niemand trägt dafür die politische Verantwortung.
Wir haben in jeder Ebene der Gesellschaft den Bogen überspannt und jeder zeigt auf den anderen.
Das Schlimmste ist: Es wird nur noch rückwärtsgerichtet geurteilt und nicht nach vorne gerichtet verändert. Jeder kann dir sagen, an welchen Entscheidungen vor 30, 40 oder 50 Jahren es gelegen hat, dass es uns morgen schlechter geht. Es kommt aber keiner auf die Idee zu sagen: Komm, wir packen das an und geben Gas.
Ich habe das Gefühl, jeder mag Kuchen, aber keiner möchte bei der Beschaffung der Zutaten helfen.
Spätestens wenn die Kinder aus dem Haus sind, trete ich in die CDU ein und werde auf kommunaler Ebene mitgestalten.
Ich hoffe, es kommen die Leute wieder zur Vernunft. Wir werden es ja erleben.“


Dieser Beitrag hat mich sehr nachdenklich gemacht. Nicht unbedingt, weil ich mich politisch mit allem identifizieren könnte – ich habe zum Beispiel mit der CDU persönlich wenig am Hut – aber in der Analyse unserer Gesellschaft stimme ich dieser Person fast vollständig zu.

Was mich am meisten beunruhigt, ist die Entmenschlichung, die immer sichtbarer wird. Wir vergessen, dass hinter jeder Meinung ein Mensch steht. Ein Mensch mit einer Geschichte, mit Gefühlen, mit Schwächen und Stärken. Es ist erschreckend, wie schnell wir dazu neigen, „den Anderen“ als Feindbild abzustempeln.

Ob links, rechts, liberal oder konservativ – die politische Haltung ist nur ein Teil eines Menschen. Doch sobald wir beginnen, Menschen ihre Würde abzusprechen, weil sie anders denken, begeben wir uns auf einen gefährlichen Weg. Das ist kein Fortschritt, das ist Rückschritt.

Gleichzeitig erleben wir eine Übersättigung mit Bildern und Nachrichten, die uns abstumpfen lassen. Gewalt, Krieg, Leid – all das ist einen Klick entfernt, oft unzensiert und ungefiltert. Besonders Kinder und Jugendliche sind dieser Flut ausgeliefert. Und trotzdem übernimmt niemand politische Verantwortung dafür, wie sehr diese Bilder unsere Seelen und unser Zusammenleben prägen.

Ein weiterer Punkt, den ich so wahrnehme:
Wir sind Weltmeister darin, Schuldige in der Vergangenheit zu suchen. Jeder kann dir erklären, welche Entscheidung vor 30, 40 oder 50 Jahren der Ursprung unserer Probleme war. Doch was nützt uns das? Vergangenes bleibt vergangen. Wir können es analysieren, ja, wir können daraus lernen. Aber wir dürfen uns nicht im ewigen Rückblick verlieren.

Wo bleibt der Mut, nach vorne zu blicken? Wo bleibt der Wille, gemeinsam etwas anzupacken?
Es reicht nicht, immer nur zu kritisieren. Es reicht auch nicht, auf „die da oben“ zu schimpfen. Veränderung beginnt bei uns selbst. Bei der Bereitschaft, einen Teil der „Zutaten für den Kuchen“ zu besorgen, anstatt nur darauf zu warten, dass er fertig serviert wird.

Ich danke der Person, die diese Gedanken mit mir geteilt wurden. Und auch wenn ich nicht jeden politischen Weg mitgehe, so stimme ich doch in einem Punkt absolut überein:
Wir müssen etwas ändern.

Wir alle haben nur dieses eine Leben. Wir alle teilen diese eine Welt. Jeder von uns trägt Verantwortung. Und jeder von uns kann – im Kleinen wie im Großen – etwas bewegen.

Das beginnt im Alltag, im Miteinander, in den Gesprächen mit unseren Familien, Freunden, Nachbarn. Es beginnt da, wo wir uns erinnern, dass andere Meinungen nicht automatisch Feindseligkeit bedeuten. Es beginnt da, wo wir uns weigern, Menschen zu entmenschlichen.

Jedes Leben zählt. Jedes Leben ist wichtig. Und jeder kleine Schritt in Richtung Respekt, Offenheit und aktiver Mitgestaltung macht einen Unterschied

3 Antworten zu “Außerhalb der Reihe”

  1. Theoretisch ist das ein guter Ansatz. Allerdings habe ich beobachtet, dass Meinungen, die konträr zu einer bestimmten Meinung stehen, nicht anerkannt werden. Demokratie bedeutet, dass die Macht beim Volk liegt. Das Volk wird allerdings durch Meinung von außen sehr beeinflusst. Damit ist der Sinn der Demokratie dahin. Es werden Behauptungen in den Raum geworfen, die man nicht nachvollziehen kann und auch nicht widerlegen, weil sie nicht belegt werden können. Ohne eine Widerlegung wird es als belegt anerkannt. Die Meinung von außen schwächt damit die Demokratie.
    Wer etwas bewegen will, wer nicht nur meckern will, wer denkt, dass hier alles schief läuft, der sollte sich politisch engagieren. Wenn nicht das, dann wenigstens sozial engagieren. Irgendwo wird immer Hilfe gebraucht. Ein NEIN, ich habe dafür keine Zeit, könnte man zu Desinteresse am Zusammenleben erklären. Wenn ich nicht selbst bereit bin etwas besser zu machen, dann hat sich Kritik erübrigt.
    Es muss ja keine Verbesserung für einen selbst sein. Man kann auch überlegen, was ein Einsetzen der eigenen Kraft, der eigenen Meinung für die Zukunft bedeutet. Nur kritisieren funktioniert nicht. Ich muss auch bereit sein, selbst etwas zu tun, damit es so läuft, wie ich es gerne hätte.
    Ein einfaches Beispiel:
    Dieser Tage sah ich eine Frau die kritisierte, dass Geld ins Ausland fließt und deutsche Kinder auf der Strecke bleiben. Theoretisch richtig. Meine Frage: Was machte diese Frau, um dies zu ändern? Ist sie in einem Elternbeirat, hat sie Kuchen gebacken um die Kasse eines Förderverein aufzufüllen, hat sie sich bei irgendwelchen Kinderfesten eingebracht und am Grill, am Schminktisch, an der Theke oder sonst wo gestanden?
    Meist eher nicht, denn gemeckert hat man schneller, als geholfen.
    Die Demokratie ist eine Verpflichtung. Jeder muss mithelfen, denn sonst kommt das, was sich gerade in anderen Ländern abzeichnet. Meinung durch eine Person. Wollen wir das?

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    • Genau so ist es. Meckern ist natürlich erlaubt, es ist ja deren Meinung. Aber meckern allein hilft nicht. Man muss selbst etwas ändern und nicht nur meckern. Aber selber etwas machen ist anstrengend das wollen viele nicht

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      • Wer kritisiert, muss auch Lösungen finden, wie man es besser machen kann. Einfach nur meckern kann jeder. Sich einbringen leider die Wenigsten.

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