„Er pflegt mich, aber wir sind mehr als das“


Manchmal, wenn es nachts ganz still ist, wenn mein Mann neben mir liegt und ich nur seinen ruhigen Atem höre, dann frage ich mich leise: Wie schafft er das alles? Wie viel Kraft hat dieser Mensch, den ich liebe – und wie viel davon schenkt er mir jeden einzelnen Tag?

Ich liege oft da, unbeweglich, auf Hilfe angewiesen. Und er ist da. Immer. Ohne großes Aufheben. Ohne Jammern. Er steht auf, wenn ich ihn brauche. Hört hin, wenn ich leise werde. Berührt mich, wenn ich mich selbst nicht mehr spüren kann. Und er tut das nicht aus Pflicht. Er tut es aus Liebe.

Und doch – da sind diese Fragen, die mir immer wieder begegnen. Von Freunden, Bekannten, manchmal auch ganz unverhofft, wie ein kalter Luftzug in ein warmes Zimmer:
„Ich weiß nicht, ob ich das könnte.“
„Zerstört das nicht irgendwann die Beziehung?“
„Bist du für ihn nicht mehr Belastung als Partnerin?“


Ich will nicht wütend sein über solche Fragen. Denn ich weiß, dass sie ehrlich gemeint sind. Aber sie treffen mich. Tief. Weil sie genau da bohren, wo es eh schon schmerzt – in dieser leisen Angst, manchmal zu viel zu sein. Zu abhängig. Zu hilfsbedürftig. Zu wenig „Frau“ und zu viel „Pflegefall“.

Unsere Beziehung und unser beider Leben war noch „normal“ Unser Leben ist nicht mehr wie früher, als wir uns kennengelernt hatten, als ich noch laufen konnte und selbstständig war. Vieles hat sich verschoben. Pläne, Träume, Rollen. Aber eines ist
geblieben – vielleicht ist es sogar stärker als je zuvor:

Das Band zwischen uns. Es hat sich verändert, ja. Aber es ist da. Und manchmal glaube ich, es ist das, was uns beide hält, wenn alles andere zu wanken beginnt.

Ich bin nicht nur die, die gepflegt wird. Ich bin auch Partnerin, Ehefrau & Beste Freundin. Ich liebe ihn, Ich sehe ihn. Und ich versuche, ihm auf meine Weise Halt zu geben – mit Worten, mit Blicken, mit Zuhören, mit dem Versuch, ihn nicht in seiner Rolle zu verlieren.

Denn er ist nicht nur der Pflegende. Er ist mein Mann. Mein Zuhause. Mein Lachen, mein Ohr, mein Schutz, mein Vertrauen, mein Herz. Und wenn ich ihn ansehe – trotz aller Erschöpfung in seinen
Augen – dann sehe ich genau das: Uns.

Aber es wäre gelogen, zu sagen, das sei leicht.

Es gibt dunkle Tage. Tage, an denen ich weine, ohne dass er es merkt. Weil ich nicht die Frau bin, die ich mal war, die ich gerne für ihn sein würde. Weil ich ihn gerne entlasten würde – und es nicht kann. Weil ich manchmal so sehr Sehnsucht nach Leichtigkeit habe, dass es in der Brust brennt.

Ich vermisse es, ihn spontan zu überraschen. Ihm das Leben leichter zu machen. Mit ihm durch die Stadt zu schlendern. Händchen haltend, ohne fremde Blicke, ohne diesen ständigen Schatten, den die Krankheiten die wir beide tragen – auf uns wirft.

Manchmal frage ich mich leise: Hält das alles ewig? Wird er irgendwann müde sein – nicht nur körperlich, sondern innerlich? Wird unsere Liebe reichen?
Aber dann passiert etwas.
Etwas ganz Kleines. Ein Kuss auf die Stirn. Seine Hand, die meine sucht. Oder ein Satz, so beiläufig gesagt, und doch voller Bedeutung: „Ich bin froh, dass du da bist.“

Dann weiß ich:
Wir haben noch so viel. Nicht das, was andere Paare vielleicht haben. Aber etwas, das viel tiefer geht. Eine Verbindung, die nicht vom Körper lebt, sondern vom Herzen. Vom Dasein. Vom Aushalten. Vom Bleiben.

Ich glaube, viele verstehen nicht, was Pflege wirklich bedeutet. Sie sehen das Äußere: Medikamente, Hilfsmittel, Abläufe. Sie sehen vielleicht auch die Erschöpfung. Aber sie sehen nicht, was zwischen uns passiert. Diese stumme Sprache, die nur wir kennen. Diese Nähe, die so still und gleichzeitig so unerschütterlich ist.

Pflege ist nicht das Ende von Liebe. Sie ist ihre Prüfung. Ihr Tiefgang. Ihre Nagelprobe. Und vielleicht sogar ihre Veredelung.

Ja, ich bin traurig, Oft. Über das, was war und nicht mehr ist. Über das, was hätte sein können.
Aber ich bin auch unendlich dankbar. Für diesen Mann, der bei mir bleibt. Der mich nicht sieht als „die Kranke“, sondern als seine Frau. Der mich nicht reduziert auf das, was ich nicht mehr
kann – sondern liebt, was ich noch bin.

Wir haben andere Intimität gefunden. Kein Hochglanz. Kein Kinofilm. Aber echte, greifbare Zärtlichkeit. In den Momenten, wenn er mir beim Waschen die Stirn küsst. Wenn wir gemeinsam schweigen, aber das Gefühl haben, alles gesagt zu haben. Wenn wir uns
ansehen – müde, aber verbunden.

Ich wünsche mir, dass man mehr über diese Form von Liebe spricht. Die, die nicht wegrennt, wenn es schwer wird. Die nicht perfekt ist, aber echt. Die leise ist, aber stark. Die bleibt – und trägt.

Denn Pflege ist nicht das Gegenteil von Partnerschaft. Sie kann ein Teil davon sein. Wenn man es zulässt. Wenn man sich nicht verliert. Wenn man miteinander spricht – auch über das Schwere, das Traurige, das Wütende. Wenn man sich erlaubt, nicht immer stark zu sein.

Ich weiß nicht, wohin unser Weg noch führt. Ich weiß nur: Solange ich ihn an meiner Seite habe, solange er mich noch „mein Schatz“ nennt, mich küsst, mich sieht – bin ich nicht nur gepflegt. Ich bin geliebt. Tief. Ganz. Wahrhaftig.

Und das ist mehr, als viele je erfahren.
Vielleicht ist das unser Geschenk.
Ein stilles. Aber ein großes.

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