Ich muss gar nichts mehr

Ich bin ein Mensch, der viel denkt. Vielleicht zu viel.
Ich zerdenke Situationen, Worte, Blicke. Ich analysiere, reflektiere – und am Ende höre ich dann doch auf mein Bauchgefühl.
Weil es oft der einzige Teil in mir ist, der nicht an andere denkt. Der nicht strategisch plant oder höflich überlegt, was die anderen wohl denken könnten. Mein Bauch spürt. Direkt, Ehrlich und meistens richtig.

Ich bin Bloggerin. Ich podcaste. Ich streame mittlerweile unregelmäßig auf Twitch.
Ich erzähle von meinem Leben – offen, ehrlich, manchmal laut, manchmal leise.
Aber nie, um Mitleid zu bekommen.
Sondern weil ich glaube, dass Geschichten verbinden. Dass wir einander besser verstehen, wenn wir teilen, was uns bewegt. Dass Offenheit Brücken baut – und vielleicht auch Trost schenkt.
Denn wenn du weißt, dass jemand da draußen Ähnliches erlebt, fühlst du dich weniger allein.

Doch in den letzten Wochen hat sich etwas verändert.

Ich habe angefangen, meine eigenen Schritte zu beobachten, als würde ich von außen zusehen.
Ich ertappte mich dabei, nicht einfach in der Klinik zu sein – sondern gleichzeitig zu überlegen, wie ich das jetzt in eine Story packe.
Welches Foto? Welcher Text? Wie formuliere ich es so, dass es nicht zu dramatisch klingt, aber ehrlich genug ist, damit man versteht, wie schwer dieser Tag war?

Und plötzlich wurde das Erzählen zu einer Erwartung.
Nicht nur von außen – auch von mir selbst.
Ich fühlte mich unter Druck.
Nicht von Menschen, die mir Böses wollen. Im Gegenteil – viele von euch meinen es gut, fragen nach, zeigen Interesse. Dafür bin ich dankbar.
Aber ich merkte: Ich habe begonnen, mich selbst zu überfordern.

Ich fühlte mich verpflichtet, zu funktionieren. Zu liefern.
Ich hatte das Gefühl, ich muss regelmäßig ein Update geben.
Ich muss erklären, wo ich gerade bin.
Ich muss zeigen, dass ich tapfer bin, stark bin, klarkomme – auch wenn ich es an manchen Tagen einfach nicht bin.

Und dann sagte meine Ärztin einen Satz, der tief in mir nachhallte:

„Sie müssen gar nichts mehr. Sie müssen nicht mal stark sein. Sie dürfen einfach sein.“

Und genau das habe ich gebraucht.

Denn ich habe vergessen, dass ich nichts beweisen muss.
Nicht euch. Nicht den Followern. Nicht der Welt. Nicht einmal mir selbst.
Ich darf eine Pause machen.
Ich darf Kliniktermine haben, ohne sie zu teilen.
Ich darf MRTs überstehen, ohne ein Bild aus dem Wartezimmer zu posten.
Ich darf Angst haben. Wütend sein. Still sein.
Und ich darf es sein, ohne es zu erklären.

Vielleicht kennst du das auch – diesen inneren Antreiber, der immer sagt: „Zeig, dass du kämpfst. Zeig, dass du es schaffst.“
Und irgendwann kämpfst du nicht mehr für dich, sondern für das Bild, das andere von dir haben sollen.

Aber weißt du was?

Ich bin müde.
Nicht im negativen Sinn – sondern ehrlich erschöpft davon, immer präsent zu sein.
Ich sehne mich nach Offline-Zeiten. Nach Momenten, in denen ich nicht fotografiere, sondern fühle.
Nach einer Tasse Tee, die ich einfach genieße, ohne sie zu posten.
Nach Gesprächen, die keine Reichweite brauchen.
Nach Gedanken, die nur mir gehören.

Ich möchte wieder atmen dürfen, ohne „Content“ daraus machen zu müssen.
Ich möchte krank sein dürfen, ohne mich ständig erklären zu müssen.
Ich möchte einfach ich sein. In all meinen Facetten.

Denn ich bin mehr als meine Krankheit.
Ich bin mehr als meine MRT-Bilder.
Ich bin mehr als meine Followerzahlen, meine Likes oder Reaktionen.

Ich bin Mensch.
Ich bin jemand mit einem Herzen, das manchmal schwer ist und trotzdem weiter schlägt.
Mit einer Seele, die manchmal müde ist – und trotzdem liebt.
Mit Gedanken, die leise flüstern: „Du darfst einfach da sein.“

Darum nehme ich den Druck jetzt raus.
Nicht, weil ich aufhöre – sondern weil ich anfange, auf mich zu hören.
Ich teile weiterhin – aber dann, wenn ich es wirklich möchte.
Nicht, wenn ich denke, dass ich es muss.

Denn manchmal ist Heilung nicht laut.
Manchmal sieht man sie nicht in Stories oder Reels.
Manchmal ist sie ein Tag im Bett.
Ein stiller Moment mit Musik.
Ein Sonnenstrahl durchs Fenster.
Ein Gespräch mit sich selbst.

Ich möchte mir selbst wieder zuhören.
Und wenn du das hier liest, und vielleicht auch manchmal diesen Druck spürst – dann sei dir gesagt:

Du musst nichts.

Du musst nicht funktionieren.
Du musst nicht immer stark sein.
Du musst dich nicht beweisen.

Du darfst.
Fühlen.
Zweifeln.
Schweigen.
Und du darfst reden…. aber nur, wenn du es möchtest.

Denn dein Leben gehört dir.
Und nicht dem Algorithmus.

💜

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