Ein Aufschrei gegen die Enge im Kopf

Diese verdammten Schubladen.

Du kennst sie. Ich kenne sie. Wir alle kennen sie. Und schlimmer noch: Wir benutzen sie. Jeden verdammten Tag. Wir sortieren Menschen, Gedanken, Lebensweisen fein säuberlich ein – wie Socken in ein Ikea-Regal. Nur dass Menschen keine Socken sind. Und trotzdem: Wer nicht reinpasst, wird eben gestopft, gedrückt, passend gemacht – oder einfach entsorgt.

Es ist so bequem, nicht wahr? In Schubladen denken. Schwarz oder weiß. Richtig oder falsch. Natürlich oder „unnatürlich“. Und wehe, du wagst es, dazwischen zu existieren. Dann bist du ein Problem. Ein Störfaktor im System. Eine Herausforderung für die Komfortzone der Gesellschaft. Und damit automatisch Zielscheibe.

Homosexualität? Um Himmels Willen.
Da rollen die Augen. Da wird das Gesicht verzogen, als hätte jemand öffentlich gesagt, er isst Katzen zum Frühstück. Da wird gekichert, getuschelt oder – noch schlimmer – in scheinheiliger Toleranz geschwiegen.
„Ich hab ja nix gegen Schwule, aaaber…“
Ja bitte, beende diesen Satz, damit ich dich nie wieder ernst nehmen muss. Männer, die Männer lieben – jahrzehntelang kriminalisiert, pathologisiert, psychiatrisiert. Als wären Liebe, Nähe und Intimität etwas, das erklärt oder geheilt werden müsste.
Und lesbische Frauen? Unsichtbar gemacht. Weil sie das große heilige Familienideal nicht erfüllen. Als würde ihre Liebe weniger zählen, nur weil kein Penis beteiligt ist.
Aber wehe, eine von ihnen sieht gut aus – dann wird’s plötzlich geil. „Zwei Frauen? Oh, das ist heiß!“
Ach so, sorry, ich vergaß – sobald’s in deine Fantasie passt, ist’s wieder okay.

Und dann diese Bisexuellen.
„Die können sich nur nicht entscheiden.“
Ja, genau. Weil es im Leben ja immer nur eine Richtung gibt. Weil Menschen ja eindimensionale Wesen sind, gefangen zwischen zwei Polen wie Spielzeug auf einer Modelleisenbahn. Wer nicht festlegt, was er liebt, liebt eben falsch.
Lächerlich.

Und was ist mit Behinderten?
Früher hat man uns weggesperrt. Heute baut man „Einrichtungen“ – klingt freundlicher, ist aber oft genau dasselbe: Ausgrenzung mit Blumenvorhang.
„Wir müssen ihnen einen geschützten Raum geben.“
Bullshit. Ihr wollt uns nicht sehen. Ihr wollt eure heile Welt nicht stören.
Inklusion ist nur dann sexy, wenn’s auf einem Förderplakat gut aussieht.
Aber sobald eine Person im Rollstuhl mit ihrer Freundin Händchen hält, guckt ihr als hätte jemand eure Realität gehackt.
„Wie – die sind behindert und homosexuell?!“
Tja. Überraschung. Auch Menschen mit Behinderung haben ein Herz. Und einen Körper. Und ja, auch ein Sexualleben.

Ich weiß dass aus eigener Erfahrung. Mit meiner Ex Freundinn wurde ich noch mehr begafft, als eh schon. Und an unserer Hohzeit – also mit meinem Mann – machten Fremde fotos von uns, weil „Behinderte dürfen heiraten? Skandalös!“

Trans Menschen?
Oh, jetzt wird’s wild. Jetzt fängt die Panikparty erst richtig an.
„Ich kann doch nicht wissen, wie ich jemanden ansprechen soll!“
Na dann frag halt. So wie du fragst, ob jemand lieber Tee oder Kaffee will.
Aber nein – lieber machen wir Witze, titeln reißerisch oder reden von „Gender-Wahnsinn“, als wären wir in einem Horrorfilm.
Wisst ihr, was wahnsinnig ist? Dass Menschen sich lieber über Pronomen echauffieren, als sich mal zu informieren.
Diese Menschen durchlaufen die Hölle – von innen und von außen. Und statt Brücken zu bauen, werfen wir ihnen Steine in den Weg.

Vegane Ernährung?
Uiuiui. Jetzt wird’s gefährlich. Jetzt kommen die echten Trigger.
Weil jemand keine Tiere essen will, wird er zum Feindbild.
„Die sind so militant!“
Echt? Wer genau schreit denn hier lauter? Die, die Tofu essen – oder die, die bei jedem veganen Menü krampfhaft nach Steak rufen?
Wie wär’s, wenn jeder einfach isst, was er will?
Ach stimmt, geht ja nicht. Dann könntet ihr ja nicht mehr lästern.

Und das ist es doch: Lästern.
Die Lieblingssportart der Menschen.
Statt sich um das eigene Leben zu kümmern, starren wir wie aufgeregte Hyänen auf das Leben der anderen.
„Wie kann man nur…?“
„Ich würde ja nie…“
„Also ich finde ja…“

Weißt du was? Ich finde auch. Ich finde, dass jeder, der so viel Zeit zum Urteilen hat, verdammt wenig Inhalt im eigenen Leben hat.
Und bevor mir jetzt einer „Meinungsfreiheit!“ ins Gesicht brüllt: Ja, du darfst deine Meinung haben.Sicher! Gewähre ich dir. Und ich darf sie scheiße finden.

Was wäre, wenn wir stattdessen mal… zuhören würden?
Mal hinhören, wo es wehtut.
Mal nachfragen, wo wir nichts verstehen.
Mal unterstützen, wo jemand kämpft.
Was wäre, wenn wir Menschen nicht mehr nach Kategorien bewerten, sondern nach ihrem Charakter?
Ich weiß. Utopisch.
Aber weißt du was? Ich träume trotzdem davon.

Denn ja, ich bin wütend.
Ich bin wütend, weil wir so viel Potenzial verschwenden.
Weil wir lieber verletzen, als verstehen.
Weil wir lieber richten, als lernen.
Weil wir lieber starren, tuscheln, ablehnen – statt einander die Hand zu reichen.
Aber am meisten wütend bin ich darüber, dass ich diesen Text überhaupt schreiben muss.

Weil wir besser sein könnten.
Aber nicht wollen.
Arme Menschheit

8 Antworten zu “Ein Aufschrei gegen die Enge im Kopf”

  1. Den persönlichen Austausch kann man nur machen, wer sich (er)kennt. Was ich damit meine ist: du bist hier (leider) nicht registriert. Warum eröffnest du nicht nicht deinen eigenen Blog? Eine Meinung, als Gastkommentator kund zu tun ist eine Sache. Den Menschen dahinter kennen zu lernen, eine andere. Am Anfang ist es ein bisschen Arbeit, allerdings könnte ich mir vorstellen, dass es dir irgendwann richtig Spaß macht. Muss nicht täglich sein. Eine breite Masse erreicht man nicht unbedingt, es reicht, wenn man sich durch das Schreiben ein wenig Luft macht. Sei es vom Alltag, oder von irgendwas, was auf der Seele brennt. Einfach ausprobieren.

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    • Vielen Dank für das Kompliment 🙂 Als das nehme ich es nämlich, dass du den Austausch und / oder meine Gedanken für weiter lesenswert hältst.

      Ich bin nicht der Mensch für einen Blog. Oder vll. auch noch nicht. Wenn sich das irgendwann ändern sollte, weiß ich, bei wem ich um Rat und Tipps fragen kann 🙂

      Liebe Grüße

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  2. Ich kann leider auf den Kommentar von Fortuna nicht direkt antworten, deshalb muss ich es so machen:
    Diies waren nicht meine Gedanken, sondern: Jeder weiß von dem Beschriebenen, jeder kennt jemanden, der mindestens in eins der Schema passt. Jeder weiß darum und doch nehmen die wenigsten Rücksicht, bzw nehmen es einfach als gegeben hin. Ob jemand das Recht hat, jemanden wegen was weiß ich zu verurteilen, einfach weil das Gegenüber nicht der „Norm“ entspricht Es ist einfach schade, dass man solche Texte schreiben muss, um den Spiegel vorgehalten zu bekommen.
    Weiter in meinem Text, glaube ich nicht, dass es letztendlich etwas bringt, weil der Mensch sich an dieser ,für ihn, nicht in die „Normalität “ passenden Persönlichkeit aufreibt. Die Stellung die Däumelinchen bezieht ist vollkommen richtig, allerdings denke ich, dass leider nichts bringt. Trotzdem ist der Text wichtig, denn manchmal muss man sich einfach Luft machen und zeigen: Leute, der Umgang miteinander muss sich bessern. Wenn man es ganz genau nimmt, passt nämlich niemand auf dieser Welt in die „Norm“. Jeder Mensch ist etwas anders, jeder Mensch hat einen anderen Charakter und wer sagt, dass das, was ich im Hirn habe, tatsächlich „die Norm “ ist.

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    • Wenn es dir oder jemandem den Spiegel vorgehalten hat, dann hat es ja sogar schon mal was gebracht :)



      Ich feiere Daeumi für den Text, denn sie macht etwas sichtbar, dass m.M.n. eben die meisten nicht wissen oder nur glauben es zu wissen. Denn nur weil etwas – mittlerweile – in vielen Medien und in der Werbung präsent ist, heißt es nicht, dass es im Alltag angekommen ist.Ich bin nicht unendlich alt, aber ich war schon und bin in vielen verschiedenen Kreisen unterwegs. Beruflich von Handwerker, Lehrerin, Sozialarbeiter, Bürokaufmann, Juristin etc., jeder Bildungshintergrund, aus allen Schichten und Altersspanne von jugendlich bis Ü70.

      Und in all diesen Kreisen ist es so: Wenn ich von den Erfahrungen erzähle, die die genannten Gruppen im Alltag machen und gemacht haben – oder wenn ich von meinem Urlaub in einem deutschen Touristenort erzähle, wo auf der Speisekarte der Salat mit extra viel Shrimps als vegetarisches Gericht gekennzeichnet wurde – ernte ich überwiegend erstaunte Blicke. Nicht von allen, aber von den meisten.

      Insofern, ja: Dieser Text für sich wird wahrscheinlich nicht viel bewegen. Denn richtig bewegen tut der persönliche Austausch.Aber vll. nimmt man es zum Anlass sich das nächste Mal daran zu erinnern, auch besser zuzuhören in einem persönlichen Austausch.

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      • Und genau deswegen musste ich diesen Text posten.
        Weil es nicht einfach nur Worte waren – sondern ein Gefühl, ein Bedürfnis, ein innerer Drang, der gesagt hat: „Sag es. Jetzt. Laut.“
        Es ging um Austausch. Um gesehen werden. Um das ehrliche Bedürfnis, verstanden zu werden – und vielleicht auch andere zu berühren, die sich ähnlich fühlen.

        Und ihr zwei…
        Ihr habt mir genau das geschenkt: Resonanz. Offenheit. Mitgefühl.
        Ihr habt gezeigt, dass meine Worte nicht ins Leere gefallen sind.
        Dass es da draußen Menschen gibt, die lesen, fühlen, antworten – und mich sehen.

        Ihr beweist mir, dass es richtig war, auf mein Herz zu hören.
        Dass das Teilen manchmal heilt – nicht nur mich, sondern vielleicht auch ein kleines bisschen euch.

        Danke Fürs Dasein. Fürs Antworten. Fürs Miteinander.

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  3. Musst du den Text schreiben?
    Es wird sich nichts ändern.
    Doch, denn du hast einfach geschrieben, was dich stört.
    Ob was bringt, steht auf einem anderen Stern.

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    • Ich finde deinen Kommentar interessant, denn ich ergänze mal das, was ich herauslese:

      „Musst du diesen Text schreiben? [es reicht doch, dass man es weiß, man muss nicht alles explizit benennen]“.

      Für mich knüpft dein Kommentar gut an eine der Aussagen des Textes an: Sichtbarkeit hat etwas Unangenehmes.Aber ich lege anderen nicht gerne Worte in den Mund. Was war der Anlass, deine Motivation für deinen Kommentar? Ich habe ehrliches Interesse.

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