Wenn ein Schatten dein ständiger Begleiter wird


Sein Name ist Anton. 

Ein Name wie aus einer gemütlichen Kaffeerunde bei Oma. Einer, bei dem man an selbstgebackenen Streuselkuchen denkt, an Schachpartien im Park und an gemütliche Spaziergänge im Herbst. 

Aber nein – Anton ist nicht mein netter Nachbar von nebenan. 
Anton ist mein spinales Astrozytom WHO-Grad I
Ein sogenannter „gutartiger“ Hirntumor. Gutartig. Ha, was für ein Witz. 

Denn wenn etwas an einem Ort wohnt, wo eigentlich besser keine Party steigen sollte – direkt an der empfindlichsten Kreuzung zwischen Hirn und Rückenmark – dann ist das ungefähr so „gutartig„, wie ein Elefant im Porzellanladen.

Ein stiller Anfang, ein lautes Leben

Anton zog sich nicht spektakulär in mein Leben. 
Er klopfte nicht höflich an oder schickte wenigstens eine SMS. 

Nein, er kroch langsam und schleichend in mein Nervensystem: 
Ein Kribbeln hier, ein Stolpern da. Ein Schwindel, ein seltsames Ziehen, eine Müdigkeit, die selbst zehn Stunden Schlaf nicht vertreiben konnten. 
Und als ich dann irgendwann aussah wie ein betrunkener Flamingo auf Glatteis, war klar: Da stimmt was nicht. 
Die Diagnose kam schließlich mit der Wucht eines ICE:
Spinales Astrozytom WHO-Grad I – immerhin. Ein Tumor im Anfängerlevel, könnte man denken. Wäre er nicht an dieser heiklen Stelle – dem bulbozervikalen Übergang. Ein Areal so empfindlich, dass man es lieber gar nicht erwähnen möchte, geschweige denn operativ betreten.

Operation Ü-Ei und die Überraschungen des Lebens

Die Ärzte entschieden: Operation sofort! das war 1999

Was folgte eine sehr große OP die 2019 wiederholt wurde, diese nenne ich liebevoll die „Ü-Ei-OP“– denn Überraschungen gab es mehr als genug: 
Eine OP hier, eine Reha da, fünf verschiedene Chemotherapien, weil Nummer eins die Kooperation verweigerte. Dazu Bestrahlung, Weihrauchtherapien und gefühlt alles außer Regentänze und magische Einhörner – die ich echt gerne gesehen hätte.


Ich hab alles versucht. Alles. Am Ende kam ein kleines Wörtchen, das schwerer wiegt als ein ganzer Brockhaus: Austherapiert.

Anton bleibt. Punkt.
Anton blieb. 
Nicht wütend, nicht stürmisch. 
Einfach da. Wie ein unausstehlicher Mitbewohner, der seinen Namen ins Türschild ritzt und sich eine eigene Ecke im Wohnzimmer einrichtet. 

Offiziell bin ich nun Palliativpatientin

Doch Was das bedeutet? 

Dass es nicht mehr darum geht, Anton zu verjagen. Sondern damit zu leben, dass er da ist – und das Beste daraus zu machen.

Manchmal fühlt es sich an, als würde ich einen Tanz aufführen, bei dem einer meiner Partner ständig auf meinen Fuß tritt. Aber hey – ich habe immer noch den Rhythmus im Blut!

Ein Alltag voller kleiner Siege

Heute besteht mein Alltag aus kleinen, oft unsichtbaren Triumphen: 
Ein Tag ohne Kopfschmerzen. 
Ein Lächeln trotz Müdigkeit. 
Selbständig Essen ohne es hinterher auf meinem T-Shirt zu sehen was ich gegessen habe.
Eine Spazierfahrt an der frischen Luft. 
Ein Lachen, das aus tiefstem Herzen kommt. 

Und – mein größter Schatz – ein Mann an meiner Seite, der jeden meiner Stolperschritte mitträgt, der mich auffängt, ohne mich zu erdrücken. 
Der, wenn ich aussehe wie frisch aus der Waschmaschine gezogen, trotzdem sagt: 
„Du bist schön.“
(Okay, manchmal kichert er dabei ein bisschen. Aber ich nehme, was ich kriegen kann!)

Angst, Liebe, Mut und eine Prise Galgenhumor

Es gibt Tage, an denen würde ich Anton gerne eigenhändig mit einer Bratpfanne aus meinem Kopf prügeln. 
Es gibt Nächte, in denen die Angst so schwer auf meiner Brust liegt, dass ich kaum atmen kann. 
Aber es gibt auch Morgende, an denen ich aufwache und denke: 
„Heute ist ein guter Tag. Und heute kriegst du mich nicht klein, Anton!“

Ich habe gelernt: 
Mut ist nicht, keine Angst zu haben. 
Mut ist, trotzdem weiterzumachen. 
Und wenn gar nichts hilft, hilft manchmal ein richtig schlechter Witz. 
(Ich habe eine ganze Sammlung davon. Kostenlose Kostproben gibt’s auf Anfrage! Wobei meine Freunde bessere kennen.)

Leben, trotz allem

Jährlich erkranken in Deutschland etwa 8000 Menschen an einem Hirntumor. 
8000 Menschen, deren Welt auf den Kopf gestellt wird. 
8000 Geschichten, 8000 Kämpferseelen. 
Und ich bin eine davon.

Nur – für mich gibt es keine weitere OP mehr. Keine Bestrahlung, keine neue Chemo. 
Die medizinischen Werkzeuge sind ausgeschöpft. 
Aber das heißt nicht, dass ich aufgebe. 
Nein. 
Ich lebe. Seit 25 Jahren
Mit Anton. Trotz Anton. Für mich.

Und – mal unter uns – ich habe nicht vor, ihm das Leben leicht zu machen. 
Wenn Anton gedacht hat, ich würde kampflos aufgeben, hat er sich mit der Falschen angelegt.

Was bleibt?

Es bleibt das Lächeln meines Mannes. 
Die Wärme echter Freundschaften. 
Die Tränen, die nicht immer traurig sind. 
Das Wissen, dass ich jeden verdammten Tag ein bisschen Leben herausquetsche wie den letzten Tropfen aus einer Zitrone – manchmal sauer, manchmal süß. 
Und es bleibt die Hoffnung. 
Nicht die große, pompöse „Hollywood-Happy-End“-Hoffnung. 
Sondern die leise, starke Hoffnung, die sagt: 
„Heute ist heute. Und heute reicht.“

Vielleicht schreibe ich meine Geschichte nicht für die Ewigkeit. 
Aber ich schreibe sie mit Herz. 
Mit Humor. Mit Wut. Mit Liebe.

Und ich verspreche euch eines: 
Anton wird sich noch verdammt oft wundern, wie zäh ein Mensch sein kann

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