Ich habe früh gelernt, ihn abzukürzen. Nicht, weil ich mich schäme, sondern weil ich mich schützen will. Vor den Blicken, vor dem Zögern, vor den falsch ausgesprochenen Silben, die seinen Klang entstellen. Mein Name ist Musik, wenn er richtig ausgesprochen wird. Er trägt Geschichte, Herkunft, Identität – meine Identität. Und doch ist er für viele hier ein Stolperstein.
Ich sehe es jedes Mal – beim Arzt, auf Ämtern, wenn jemand auf eine Liste blickt, die Stirn runzelt, unsicher zögert. Ich erkenne diesen Moment und weiß: Gleich werde ich gemeint sein. Und wenn ich mich melde, kommt dieser Satz, den ich nicht mehr zählen kann:
„Oh, Sie sehen aber gar nicht so aus!“
Soll das ein Kompliment sein? Eine Überraschung? Oder eine indirekte Aufforderung, mich einer Seite zuzuschlagen, mich zu entscheiden, was ich nun wirklich bin?
Ich bin beides. Ich bin deutsch. Und ich bin algerisch. Meine Mutter ist deutsche, mein Vater algerier. Ich liebe Deutschland. Ich liebe Algerien. Und doch begegnen mir Menschen, die mich in eine Schublade stecken wollen. Als wäre es nicht genug, beides zu sein.
Und nun höre ich immer wieder dieses Wort: Remigration.
Es klingt harmlos. Nüchtern. Fast sachlich. Doch dahinter steckt eine Härte, die mich frieren lässt.
Ursprünglich bedeutet es nur, in sein Herkunftsland zurückzukehren. Doch so, wie es heute verwendet wird, ist es eine Drohung. Eine Forderung. Eine klare Ansage: Ihr gehört hier nicht her.
Aber wohin soll ich zurück?
Mein Zuhause ist hier. Ich bin hier geboren & aufgewachsen. Habe meine Kindheit hier verbracht, meine Sprache gefunden, meine Erinnerungen gesammelt – genauso wie in Algerien. Und doch gibt es Menschen, die mir sagen, dass das nicht zählt. Dass ich nur Gast bin, egal wie tief meine Wurzeln in dieser Erde verankert sind.
Wie kann man jemandem sein Zuhause absprechen?
Wie kann man einem Menschen sagen, dass er nicht dazugehört, nur weil sein Name anders klingt? Weil seine Eltern eine andere Geschichte haben?
Ich will nicht in einer Welt leben, in der Herkunft wichtiger ist als Menschlichkeit. In der Angst und Ausgrenzung mehr Platz haben als Zusammenhalt.
Denn am Ende sind wir alle Menschen. Wir alle haben Hoffnungen. Träume. Ängste. Geschichten.
Und kein einziges Wort sollte genug Macht haben, um das zu zerstören.
Ich höre immer wieder von Menschen, dass das alles „nicht so gemeint ist“. Dass es sich „nicht gegen mich richtet“. Aber ich bin gemeint. Mein Bruder ist gemeint. Meine Schwester ist gemeint. Wir sind hier geboren, aufgewachsen, haben dieses Land mitgestaltet. Und trotzdem bleiben wir in den Augen mancher immer „die anderen“. Und das haben wir leider schon in unsere Kindheit zu spüren bekommen.
Neulich sagte jemand zu mir:
„Dein Bruder arbeitet für dieses Land. Das ist okay.“
Okay? Wirklich? Ist das die Bedingung? Ist er nur dann „okay“, weil er etwas beiträgt? Und was ist mit mir? Ich bin krank. Ich kann nicht arbeiten. Ich bin auf Unterstützung angewiesen. Ist mein Platz hier weniger sicher, weil ich nichts „einzahle“? Bin ich weniger wert?
Wohin genau soll ich eigentlich zurück?
Zu einer Heimat, die ich liebe, aber in der ich nie gelebt habe? Zu einem Land, das meine Eltern verlassen haben, um mir hier ein besseres Leben zu ermöglichen?
Ich wollte nie politisch sein. Ich wollte über Gesundheit schreiben. Über Mut. Über Hoffnung. Ich wollte helfen, indem ich meine Geschichte teile. Menschlich, oder? Aber jetzt kann ich nicht mehr schweigen.
Weil ich Angst habe, meinen eigenen Namen laut zu sagen. Weil ich Angst habe mich zuhause zu fühlen. Weil ich Angst habe nicht mehr dazugehören.
Weil ich nicht weiß, ob ich eines Tages auf einer Liste stehe, die bestimmt, wer bleiben darf und wer nicht.
Und was ist mit denen, die es noch schwerer haben als ich? Die nicht so „unauffällig“ sind? Die kein Netz aus Freunden haben, die sie auffangen?
Ich sehe sie. Ich höre sie. Ich spüre ihre Angst, weil sie auch meine ist.
Wir sind alle Menschen.
Und wir sind alle gleich.
Und trotzdem kämpfe ich mit Vorurteilen.
Weil ich eine Frau bin.
Weil ich eine Behinderung habe.
Weil mein Name nicht deutsch genug klingt.
Ich habe eine Meinung. Ich habe eine Geschichte. Und ich habe jedes Recht, hier zu sein – frei zu leben, so wie jeder andere auch.
Ich stehe für Demokratie. Für Vielfalt. Für ein friedliches Miteinander.
Denn das Leben ist nicht schwarz und weiß. Es hat unendlich viele Farben. Und genau das macht es wertvoll.
