Die schmerzhafte Realität

Am Montag war ich in der Schmerzklinik. Es war ein Tag voller Hoffnung, voller Pläne und Vorfreude auf eine Woche, in der ich endlich ein kleines Stück Normalität zurückholen wollte. Doch wer bin ich, dass ich glauben könnte, Pläne für mein Leben schmieden zu dürfen? 

Es kam, wie es immer kommt: anders. Seit Montagabend liege ich wieder im Bett. Die Schmerzen durchbohren mich wie glühende Nadeln, jede Bewegung scheint eine Herausforderung zu sein, und die Schwäche hält mich gefangen. Mein Körper fühlt sich an wie eine leere Hülle, in der keine Energie mehr fließt. Und dann ist da die Kälte – eine alles durchdringende, lähmende Kälte, die nicht nur meinen Körper, sondern auch meine Seele zu erfrieren droht. 

Ich will es nicht wahrhaben. Ich kämpfe. Ich versuche, stark zu bleiben, mich aufzurichten, so zu tun, als wäre ich nicht eindeutig zu krank für dieses Leben. Doch tief in mir weiß ich es: Mein Körper ist ein Schatten seines früheren Selbst. Und doch, trotz dieser Realität, will ich nichts anderes als leben. 

Leben und erleben. 
Ich will meine Familie sehen, mit Freunden essen gehen, Momente schaffen, die bleiben. Erinnerungen, die sich anfühlen wie ein letztes warmes Licht in dieser dunklen Zeit. Aber ich schaffe es nicht. Immer wieder muss ich absagen. Immer wieder sehe ich die Enttäuschung und den Schmerz in ihren Augen, den sie so verzweifelt zu verstecken versuchen. Es ist ein stiller Kampf, den sie mit der Wahrheit führen, während ich selbst den meinen kämpfe. 

Und dann ist da mein Hund. Mein treuer Begleiter, der seit Jahren an meiner Seite ist. Ich sehe ihr Leid, ihre Schwäche, und es zerreißt mich. Sie sitzt auf dem gleichen Platz wie ich – festgehalten von einem Körper, der nicht mehr will, der nicht mehr kann. Ich will ihr helfen, will ihr die Qualen nehmen, aber ich bin machtlos. Und in diesen Momenten frage ich mich: Geht es meinen Mitmenschen so, wenn sie mich ansehen? Sehen sie in mir dasselbe Sterben, das ich in ihr sehe? 

Ich will niemanden mit meinem Schmerz belasten, niemanden mit meiner Schwäche quälen. Ich möchte nicht, dass sie sich hilflos fühlen, so wie ich mich fühle, wenn ich meinen Hund ansehe. Und doch weiß ich, dass ich das nicht kontrollieren kann. 

Also telefoniere ich weiter. Ich mache Termine. Für die Endoskopie, für das MRT, für die Schmerzklinik, die Onkologie, die Neurologie. Ich plane einen Besuch bei Fielmann, weil ich eine neue Brille brauche, und einen Termin beim Tätowierer, um eine Erinnerung an meinen Hund zu verewigen. 

Aber warum eigentlich? Ich weiß doch, dass ich die Hälfte dieser Termine nicht wahrnehmen werde. Mir fehlt die Kraft. Schon der Gedanke daran, all das zu bewältigen, ist überwältigend. Selbst etwas so Alltägliches wie ein Friseurbesuch scheint mir unerreichbar. 

Und dann denke ich an Fasching. Ich würde so gerne dorthin gehen, die Farben, die Musik, das Lachen erleben. Ich denke an meinen Geburtstag, an die Feier, die ich für Mai geplant habe. Und ich frage mich: Sollte ich alles absagen? Sollte ich den Gedanken an solche Dinge aufgeben? Oder wäre das ein Fehler? 

Ich bin hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, so viel wie möglich mitzunehmen, solange es noch geht, und der Erkenntnis, dass selbst das Planen manchmal mehr Kraft kostet, als ich habe. Es ist ein ständiger Kampf zwischen Hoffnung und Resignation, zwischen der Sehnsucht nach Leben und der schmerzhaften Realität, die mich immer wieder einholt. 

Ich weiß nicht, wie lange ich diesen Kampf noch führen kann. Aber eines weiß ich: Jeder Moment, den ich erlebe – sei er voller Schmerz oder voller Freude – ist ein Moment, der zählt. Und vielleicht, nur vielleicht, ist das genug.

2 Antworten zu “Die schmerzhafte Realität”

  1. Wie hattest du es beschrieben:
    Ich mache weiter, in meinem Tempo.
    Kein Stress was das hier betrifft, es gibt auch noch das reale Leben und das geht IMMER vor.

    Gefällt 1 Person

Hinterlasse einen Kommentar