Man sieht nur mit dem Herzen gut….

Wir alle kommen mit derselben Unschuld auf diese Welt. Als Neugeborene sind wir unvoreingenommen, unbefangen und rein. Unsere ersten Atemzüge machen keinen Unterschied zwischen Herkunft oder Hautfarbe. Wir kommen auf diese Welt, ohne dass wir gefragt werden, wie wir sein wollen, wo wir geboren werden oder welche Hautfarbe, Religion oder Kultur uns begleiten soll. Und doch haben wir alle denselben Anfang: ein Herz, das schlägt, und Augen, die neugierig in die Welt blicken.

Doch je älter wir werden, desto mehr scheint die Welt uns zu prägen – mit Erwartungen, Vorurteilen und Definitionen, die wir nicht hinterfragt haben. Irgendwann beginnen wir, uns in Kategorien zu denken, in „wir“ und „sie“, in „richtig“ und „falsch“. Warum? Wann beginnt diese Trennung?

Es sind Fragen, die ich mir oft stelle, wenn ich in die Gesichter von Kindern sehe. Kinder sind der Inbegriff von Echtheit. Sie sehen keine Unterschiede, nur Menschen. Sie lachen nicht mit jemandem, weil er die „richtige“ Hautfarbe oder Religion hat. Sie lachen, weil sie sich freuen. Sie weinen nicht, weil sie in Kategorien denken, sondern weil sie verletzt sind. Kinder tragen keine Masken – sie leben aus ihrem Herzen heraus.  Und sie urteilen nicht, weil die Marke nicht stimmt.

Und doch verlieren wir diese Fähigkeit. Mit jedem Jahr, das wir älter werden, scheint die Welt ein Stück mehr von dieser kindlichen Offenheit zu nehmen. Wir lernen, zu bewerten, zu vergleichen, zu trennen. Woher kommt dieser Wandel? Ist es die Gesellschaft, die uns dazu drängt, oder sind es die Ängste in uns selbst? 

Ein Beispiel, das mich besonders bewegt hat, ist die Reaktion auf den fiktiven Popeye-Trailer mit Will Smith. Eine reine Kunstidee, ein Gedankenexperiment – und dennoch explodierten die sozialen Medien mit Hasskommentaren. Menschen waren empört, weil Popeye, eine Zeichentrickfigur, von einem schwarzen Schauspieler dargestellt werden sollte. Nicht die Handlung, nicht die Qualität des Projekts standen im Fokus – nur die Hautfarbe. 

Wie kann etwas so Oberflächliches wie die Farbe der Haut so viel Hass auslösen? Es ist doch nur Schauspiel, ein Ausdruck von Kreativität, ein Mittel, Geschichten zu erzählen. Warum fühlen sich Menschen bedroht, wenn Vielfalt in diese Geschichten einzieht? 

Mein Mann hat es treffend beschrieben:

„Ich liebe ja immer diese Kommentare zur Hautfarbe… vor allem wenn es dann immer heißt: Ich will ja nicht rassistisch klingen, aber… oder Ich bin ja kein Rassist, aber…

Ich will ja nicht wie eine Ar**hloch klingen, aber Leute, ihr seid waschechte Rassisten, und daran ist auch nichts zu rütteln. Ihr redet hier von einer Zeichentrickfigur ohne real existierenden Hintergrund, und selbst wenn jetzt manche meinen: „Doch, Popeye gab es wirklich“, das macht in diesem Fall keinen Unterschied… dennoch ist euch die Hautfarbe so wichtig, dass ihr euch hier echauffiert und zum Boykott des Films aufruft…

Ich helfe euch mal… Basiert der Film auf wahren Begebenheiten, dann ist größtmögliche Nähe zum Original wichtig, oft sogar bei der Hautfarbe. Gute Beispiele wären hier u.a. die Geschichte von Martin Luther King Jr. oder Sissi, oder von mir aus ein Film über den Ku-Klux-Klan; da spielt die Hautfarbe der Schauspieler eine entscheidende Rolle, selbst bei semi-fiktiven Werken wie z.B. Pocahontas. Selbst dabei ist es wichtig, wie die Figuren aussehen, weil das zum Film beiträgt.

Wenn es sich jedoch um ein rein fiktives Werk handelt und die Hautfarbe der Protagonisten und Antagonisten in keinster Weise zur Handlung oder Logik des Werks beiträgt, dann ist es auch völlig egal, wer welche Rolle spielt. Es heißt ja nicht umsonst Schauspiel. Jedes Kind kann schauspielern und sich dabei in andere Figuren hineinversetzen. Ich hoffe sehr, ihr behandelt eure Kinder nicht so, wie ihr hier Will Smith behandelt…

Und nur mal so: Der Film existiert in der Form gar nicht, aber schön, wie ihr euch alle so bereitwillig als Rassisten entlarvt.“

Wenn wir die Fähigkeit verlieren, Menschen als Menschen zu sehen, verlieren wir nicht nur unsere Menschlichkeit – wir verlieren auch uns selbst. Denn wie oft richten wir dieselbe Härte, die wir anderen entgegenbringen, auch gegen uns? Wie oft definieren wir uns über Vergleiche, über das „besser“ oder „schlechter“ Sein? Dieser ewige Wettstreit um Anerkennung, um Wert, um Dazugehören – er macht uns blind für das, was wirklich zählt. 

Wir alle tragen die Verantwortung, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Es beginnt in unseren Gedanken, in unseren Gesprächen, in den Geschichten, die wir unseren Kindern erzählen. Vielfalt ist kein Problem, das gelöst werden muss – sie ist eine Realität, die gefeiert werden sollte. Jeder Mensch, den wir treffen, ist eine Chance, etwas Neues zu lernen, unseren Horizont zu erweitern, unsere Vorurteile zu hinterfragen. 

Vielleicht sollten wir alle wieder lernen, die Welt durch die Augen eines Kindes zu sehen. Zu fragen, anstatt zu urteilen. Zu staunen, anstatt zu bewerten. Zu verbinden, anstatt zu trennen. 

Denn am Ende des Tages schlägt in jeder Brust ein Herz. Wir alle fühlen Freude und Schmerz, wir alle suchen Liebe und Anerkennung. Unsere Unterschiede machen uns nicht schwächer – sie machen uns stärker, wenn wir bereit sind, sie zu akzeptieren. 

Lasst uns diesen Mut finden, wieder Mensch zu sein. Ganz ohne Masken, ohne Vorurteile, ohne Trennlinien. Vielleicht ist das der größte Akt der Rebellion in einer Welt, die sich so oft über das Oberflächliche definiert, einfach nur mit dem Herzen zu sehen.

Das lehrte uns schon der Kleine Prinz: man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar.

Natürlich ist das Philosophie. Und ja Philosophie ist nicht für jeden etwas. Aber es steckt Wahrheit darin. Man muss nur genau hinsehen.

2 Antworten zu “Man sieht nur mit dem Herzen gut….”

  1. Das wird uns von der Gesellschaft vorgelebt. Immer wieder die Nachrichten, dass Deutschland den Deutschen gehört. Oh, jetzt werde ich politisch. Aber genau da liegt das Problem, denn niemand stellt sich gegen die Meinung von ganz wenigen und diese Wenigen, drücken ihre Meinung so aus, als gäbe es keine andere. Das stimmt so nicht, denn ich bin voll bei dir. Mensch ist Mensch. Es kommt weder auf Haut-, Haarfarbe an, noch auf Herkunft und Religion, sondern auf den Charakter. Hat sich seit der Hexenverbrennung im Mittelalter irgendwas geändert? Damals waren es die rothaarigen Frauen, heute sind es die Einwanderer. Manche Hirne sind im Mittelalter stecken geblieben.

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