Das neue Jahr hat gerade erst begonnen, aber für mich fühlt es sich an, als hätte ich es bereits verloren. Die Tage fließen ineinander, und jeder einzelne ist ein leiser Abschied von dem Leben, das ich einmal kannte – und von dem Menschen, der ich einst war. Seit August renne ich, aber ich weiß, dass ich nicht gewinnen kann. Ich renne vor der Angst, vor dem Schmerz, vor der allgegenwärtigen Dunkelheit in meinem Kopf. Und doch bleibt sie, ein Schatten, der mich nie verlässt.
Ich habe gelernt, zu funktionieren. Die Maske, die ich jeden Tag trage, sitzt inzwischen perfekt. Sie lächelt für mich, spricht für mich, lacht an meiner Stelle. Für andere bin ich die starke Kämpferin, die sich nicht unterkriegen lässt. Sie sehen das Lächeln und hören die Scherze, die ich mache, und sie glauben daran. Vielleicht, weil sie es glauben wollen. Aber die Wahrheit kennen nur die Nächte, in denen die Stille übermächtig wird und ich mich nicht mehr vor mir selbst verstecken kann.
In der Dunkelheit weine ich. Es sind Tränen, die all das aus mir herauswaschen, was ich tagsüber zu unterdrücken versuche: die Angst, die Wut, die Verzweiflung. Manchmal schluchze ich so kraftlos, dass ich mich frage, wie ich am nächsten Morgen überhaupt wieder aufstehen soll. Aber ich tue es. Immer wieder. Denn was bleibt mir anderes übrig?
Ich plane so viel. Jeden Tag mache ich mir Listen, denke an all die Dinge, die ich tun möchte. Ein Spaziergang draußen. Ein Ausflug in die Stadt, um eine neue Brille auszusuchen. Ein Abend im Kino mit meinem Mann. Ich will so sehr wieder Teil dieser Welt sein, die ich durch das Fenster sehe. Aber mein Körper macht nicht mit. Ich schaffe es nicht einmal, die Wohnung zu verlassen – die Kälte draußen würde mich sofort krank machen, weil mein Körper nicht einmal mehr in der Lage ist, seine Temperatur zu halten. Voll angekleidet zittere ich und fühle mich gefangen, nicht nur in dieser Wohnung, sondern in mir selbst.
Und dann ist da unsere alte Hündin, die wir nicht mehr allein lassen können. Sie braucht uns – genauso wie ich meinen Mann brauche. Sie ist ein Spiegel meiner eigenen Zerbrechlichkeit, und doch ist sie auch ein Trost, eine leise Präsenz, die mich daran erinnert, dass ich noch gebraucht werde, auch wenn ich mich so nutzlos fühle.
Es ist ein ständiges Hin und Her zwischen Wollen und Können, zwischen Hoffen und Aufgeben. Ich arbeite mit meinem Twitch-Team an kleinen Projekten, wie Kugelschreibern als Werbung für meinen Blog. Aber dann kommen die Zweifel: Ist das überhaupt in Ordnung? Ist es fair, Menschen meinen Blog und meine Gedanken zuzumuten?
Ich frage mich oft, was von mir bleibt, wenn ich irgendwann nicht mehr bin. Werden sich die Menschen an mich erinnern? Und wenn ja, an welchen Teil von mir? An die Frau, die trotz allem weitergemacht hat? Oder an die, die manchmal so tief in ihrer Verzweiflung versank, dass sie den Weg zurück kaum fand?
Meine Geduld, meine Freundlichkeit – all das, was mich einst ausgemacht hat, scheint mit jedem Tag mehr zu verblassen. Ich werde schnell wütend, frustriert, kalt. Ich erkenne mich selbst kaum wieder. Früher war ich jemand, der immer ein offenes Ohr für andere hatte. Jetzt stoße ich Menschen weg, wenn sie mir zu nah kommen, weil ich weiß, dass ich ihnen nicht gerecht werden kann. Es fühlt sich an, als würde das Sterben auf Raten auch meine Seele verändern.
Manchmal frage ich mich, ob ich überhaupt noch ich bin – oder ob ich nur eine Hülle bin, ausgefüllt mit Schmerz und Erinnerungen. Aber dann gibt es auch diese Momente, in denen ich leise Hoffnung spüre. Kleine, flüchtige Augenblicke, die mich daran erinnern, dass das Leben trotz allem noch da ist. Ein Lächeln meines Mannes, ein vertrauter Blick meiner Hündin, ein Kommentar von jemandem, der meinen Blog liest und sich verstanden fühlt.
Vielleicht ist das alles, was ich noch tun kann: kleine Spuren hinterlassen, in der Hoffnung, dass sie für jemanden etwas bedeuten. Vielleicht ist es okay, nicht alles zu schaffen, was ich mir vornehme. Vielleicht reicht es, einfach da zu sein – mit all meinen Schwächen, meinem Schmerz und meinem kleinen, zerbrechlichen Funken Hoffnung.
5 Antworten zu “Bin ich noch ich?”
Es ist auf alle Fälle fair, deine Gedanken und deinen Blog zumindest uns hier zuzumuten. Wer fragt uns, was uns sonst so erzählt wird und ob wir uns das zumuten lassen wollen? Es liegt an denen, die du ansprichst. Es wird immer Menschen geben, die interessieren sich nur für sich selbst und es gibt Menschen, die können zwar nicht helfen aber empathisch zuhören und versuchen zu verstehen. Und Wegseher und Weghörer gibt es immer.
Und du wirst Spuren hinterlassen – hier in der Bloggerwelt und bei denen, die dich schon länger kennen und verfolgen und auch bei deinen Lieben. Das ist das Wichtigste.
Nena singt in einem ihrer Lieder: Ich liebe manche Menschen und manche lieben mich. Und die, die mich nicht lieben, die vermiss ich nicht…… sehr wahre Worte find ich….
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Absolut wahre Worte. Ich musste sofort mit singen beim Lesen
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Also ich kann dir nicht ganz zustimmen. Denn mich hast du relativ nahe an dich ran gelassen und hast mich nicht weggestoßen. Natürlich ist es nicht einfach für dich. Für uns, die wir uns frei bewegen können, unvorstellbar, was in dir vorgeht. Mit ein wenig Mitgefühl, nicht Mitleid, kann man dir allerdings kleine Funken der Hoffnung geben, was ich hiermit mache. Ich wünsche dir eine angenehme Nacht, ohne Tränen, sondern mit wunderbaren Träumen.
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Danke für deine Worte. Aber ich habe dich nicht an mich ran gelassen, ich habe mich entzogen. Deine Kontaktaufnahme hatte ich angenommen und dann die Mauer hoch gezogen und ein Monat später erst wieder etwas sinken lassen. ….
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Ja, etwas sinken lassen. Das habe ich gemeint.
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