Tschüss 2024


Manchmal scheint die Zeit stillzustehen, während sie gleichzeitig unaufhaltsam voranschreitet. Mein Leben fühlt sich an wie ein zerlesenes Buch, dessen Seiten ich mit aller Kraft zusammenhalte. Ein Hirntumor, austherapiert, paliativ – Wörter, die wie ein Schlusspunkt klingt. Doch in mir hat es etwas anderes geweckt: den unbändigen Willen, nicht jetzt aufzuhören. 

Ich habe mir ein Ziel gesteckt: Ich werde 42 Jahre alt. Noch fast fünf Jahre. Manche mögen das für einen kleinen Wunsch halten, doch für mich ist es ein ganzes Universum. Jeder Tag, jede Stunde, jede Sekunde ist ein Sieg über das, was mich brechen will. Ich zähle keine Jahre mehr – ich zähle Momente und sammel Erinnerungen. 

Die Welt schaut oft auf mich mit einem Blick, den ich kaum ertrage. Mitleid, Verlegenheit, manchmal sogar Ungeduld. Manche flüstern: „Warum kämpft sie noch? Warum klammert sie sich an die Zeit?“ Sie verstehen es nicht. Es geht nicht ums Überleben. Es geht ums Leben. Um die kleinen Dinge, die einem plötzlich unendlich groß erscheinen: ein Lächeln, das Lachen meiner Lieben, der Duft von Schnee & Kerzen und Wachs, frischem Tee oder ein warmer Sonnenstrahl auf meiner Haut. 

Doch es gibt auch die anderen Tage, die dunklen Tage. Tage, an denen die Schmerzen meine Gedanken überschatten, an denen der Tumor nicht nur in meinem Kopf sitzt, sondern auch in meinem Herzen. Tage, an denen ich wütend bin – auf meinen Körper, auf die Krankheit, auf die Welt, auf Anton. Tage, an denen ich mich frage, ob all das wirklich noch Sinn macht. 

Aber selbst in diesen Momenten finde ich etwas, das mich weitermachen lässt. Ein Funken Hoffnung. Eine Erinnerung daran, dass ich immer noch hier bin, immer noch atme, immer noch lache – auch wenn es manchmal nur für einen Augenblick ist. 

Und dann sind da die gut gemeinten Ratschläge. „Du brauchst Bewegung“, sagen sie. Als ob mein Körper das nicht längst vergessen hätte. Als ob ich nicht jede Sekunde daran erinnert werde, wie wenig mir davongeblieben ist. Ich will ja, glaubt mir, ich will so sehr. Ich will aufstehen, laufen, tanzen, spüren, dass ich lebe. Doch jeder Schritt ist ein Kampf gegen den Tumor, der wie ein stiller Dieb in meinem Kopf sitzt, der mir alles stiehlt: meine Kraft, meinen Gleichgewichtssinn, meinen Mut, meine Zeit. 

Ich nicke, lächle und sage nichts. Sie sehen nicht, wie sehr es schmerzt, immer wieder an meine Grenzen zu stoßen. Sie sehen nicht die Nächte, in denen ich wach liege, geplagt von Gedanken, die ich nicht abschalten kann, und Schmerzen, die ich nicht loswerde. 

Manchmal wünsche ich mir, sie könnten sehen, dass jede Bewegung, jeder Atemzug, jeder Gedanke ein Triumph ist. Dass ich kämpfe, auch wenn es nicht sichtbar ist. Mein Kampf ist nicht der, den man im Fitnessstudio austrägt. Mein Kampf ist der gegen die Stille, gegen die Dunkelheit, gegen das Aufgeben, gegen Anton. 

Ich werde 42. Das ist mein Ziel, mein Versprechen an mich selbst. Vielleicht mehr, vielleicht weniger. Doch egal wie lange mir bleibt, ich werde diese Zeit füllen – mit Liebe, mit Lachen, mit Leben. Denn am Ende will ich nicht, dass die Menschen nur meine Krankheit sehen. Ich will, dass sie mein Leben sehen. Dass sie sehen, wie ich gekämpft habe, wie ich geliebt habe, wie ich jede Sekunde zu meinem gemacht habe. 

Denn auch wenn mein Körper irgendwann aufgibt, bleibt eines sicher: Mein Geist, mein Lachen, meine Spuren – sie werden bleiben.

Und damit endet dieses Jahr. Ich wünsche allen besinnliche Weihnachten und einen guten Rutsch.

5 Antworten zu “Tschüss 2024”

  1. Mila ♡ mir fehlen einfach die Worte. Bleib auf jeden Fall so wie Du bist. Du bist eine unglaublich starke Frau. Alles gute für Dich, habt ein schönes Weihnachtsfest 🎄🎁✨️

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