Hirnfluencerin

„Die allermeisten Frauen leben mit dem Gefühl, nicht gut genug, nicht schön genug, nicht jung genug zu sein. Das ist nicht unsere individuelle Schuld, nicht unser individuelles geringes Selbstvertrauen, sondern das ist systemgerecht. Wir sind so sozialisiert.“ Marie Kreutzer

Meine Schuld! Es ist meine Schuld, denn ich bin eine Frau. Es ist meine Schuld, wenn Man(n) mich süß findet. Denn ich ziehe mich ja so an. Der Wimpernaufschlag, die Art wie ich mein Haar zurück schlag, das verlegene Lächeln, weil mir was unangenehm ist oder mein Schweigen – weil ich gerade unsicher bin. Alles wird genau beobachtet. Die einen sagen es sei Taktik „sie spielt die Schüchterne“, andere sehen meine Unsicherheit und sagen ich muss aus mein Schneckenhaus herauskommen und wieder andere sagen mir nach ich sei abgehoben und arrogant, weil ich nicht mit jedem spreche….

Und dann bin da noch Ich. Die, die dazu gehören möchte, mir nur wünsche akzeptiert zu werden und Angst vor Fehlern habe.

Und wenn ich überfordert bin und gehe, dann lass mich gehen. Halt mich nicht auf, rede nicht auf mich ein. Das macht es nur schlimmer.

Zumal es am Ende eh meine Schuld ist. Denn, du wirst als Frau immer verurteilt.

„Was hattest du an?“ „Hast du eventuell Signale gesendet mit deinem Lächeln?“ „Du weißt aber schon, dass du einfach zu naiv bist. Wahrscheinlich war das gar nicht so gemeint“ „aber du flirtest unterbewusst ja auch.“

Warum muss ich mich rechtfertigen, wenn ich mich nicht wohlgefühlt habe und gegangen bin? Warum hat diese andere Person, die mir das miese Gefühl geschenkt hat, nicht das schlechte Gewissen, sondern ich?! Wieso suche ich die Schuld bei mir?

Und selbst wenn man sich wehren möchte und zum bekannten Freund und Helfer geht, wird man verurteilt.

Sie haben aber nicht abgeblockt. Allein, dass sie geantwortet haben auch ein „lass mich in Ruhe“ ist eine Antwort. Somit sind sie zum Teil selber schuld, denn die andere Person hat aufmerksamkeit bekommen.

Es ist gerade im Internet, leicht einen zweiten, dritten oder vierten Account einzurichten. Es ist Fluch und Segen sich anonym bewegen zu können.

Umso wichtiger ist ein stabiles und vertrautes Umfeld. Wo die eigene Schwäche nicht ausgenutzt und gegen eine Verwendet wird. Aber es ist und bleibt schwer, sich zu öffnen. Zu vertrauen und sich nicht gleich wieder zu verkriechen beim kleinsten Gegenwind. Es gibt Zeiten, da bin ich fröhlich und leicht unterwegs. Da stehe ich meine Frau, auch bei dummen Sprüchen. Das kann ich aber nur, wenn ich genau weiß, wer mit im imaginären Raum ist und mich stützt. – Bin ich allein – und selbst wenn es sich nur so anfühlt flüchte ich. In mein Schneckenhaus und schließe von innen ab.

Niemand ist in seiner Welt „der Böse“ – dieser Satz hallt in mir nach. Ich möchte niemanden abstempeln oder verurteilen. Und stoße niemandem mit bösen Absichten von mir weg. Aber auch meine Angst hat eine Dasein-Berechtigung. Angst ist ein Grundgefühl, zum Beispiel körperlichen Unversehrtheit. Ich bin nicht in der Position dafür zu sorgen körperlich unversehrt aus gewissen Situationen zu kommen. Und bin mir meiner Schwäche, meines Makels durchaus bewusst. Also meide ich solche Situationen aus Prinzip, um kein Risiko einzugehen. Manche mögen das Feige nennen, ich nenne das Überlebenskunst.

Ich schreibe hier in der Ich-Form, weil ich nur von mir sprechen kann, aber streng genommen betrifft das jeden. Wir urteilen über andere binnen Sekunden, ohne die Hintergründe zu kennen und meinen unsere Meinung ist die einzig wahre. Doch zieh dir mal die Schuhe eines anderen an und du wirst sehen, dass deine Füße überhaupt nicht für diese Schuhe gemacht sind.

Ich durfte bei einem anderen Streamer im Talk zu Gast sein. Dieser wunderbare Mensch interviewt andere Menschen und bietet so Raum zum Zuhören. Raum andere Menschen kennenzulernen. Es war ein sehr ehrlicher Talk, der dennoch absolut positiv war und mir wirklich viel Kraft schenkte. Darum traue ich mich nun auch, diesen ehrlichen Text zu posten. Dieser Text, der schon eine ganze Weile in meinem Archiv schlummerte. Ich hatte Angst, dass die falschen Menschen sich vor den Kopf gestoßen fühlen könnten. Dennoch steht meine Meinung ja fest – ich bin eine Frau, ich darf meine Meinung haben. Aber das bedeutet nicht, dass deine Meinung besser oder schlechter ist. Und ich bin nicht allein! Ich habe euch. Ich habe meine Familie, meinen Mann und tolle Freunde.

Also parke ich mein Vertrauen vorsichtig bei diesen Menschen, die mir wichtig sind und hoffe nicht verurteilt zu werden, weil ich einen Witz nicht verstehe. Hier darf ich sein und das ist mehr wert als jeden Witz zu verstehen. Hier werde ich aufgefangen und gemocht und das ist unbezahlbar.

Ich wünsche Dir, dass du auch jemanden hast, wo du sein darfst wer du bist. Denn, du bist wichtig.

3 Antworten zu “Hirnfluencerin”

  1. Warum sollte man dich für deine Meinung verurteilen? Es ist dein Blog und du kannst und darfst hier alles schreiben.
    Wie würde man bei uns sagen: lass uns mal ein Weinchen trinken und dann wird alles wieder gut. In Wein liegt Wahrheit. 😉🍷😊

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