Mein größter Wunsch

Am 11.02.1988 habe ich das Licht der Welt erblickt und kämpfe seit meinem 11. Lebensjahr mit der Krankheit Krebs um mein Leben. Was dann mein größter Wunsch ist, sollte eigentlich auf der Hand liegen: Das Überleben. Aber das ist nicht mein größter Wunsch. Irrsinn? Ironie? Nein! Nur die Erkenntnis, dass ich sowieso irgendwann sterben werde, ob nun am Krebs oder durch einen Autounfall. Was spielt das für eine Rolle? Dann denkt man doch: der nächste größere Wunsch ist, gesund zu werden. Aber das ist auch falsch, zumindest in meinem Fall.
Ich denke, wenn man krank ist und durch die Krankheit andere Betroffene kennenlernt und sieht, wie diese Personen sterben, fängt man an, es anders zu sehen. Denn man sieht und leidet selber und natürlich ist es für die Personen, die dazu gehören, wie Familie und Freunde, sehr, sehr schwer. Ich will nicht leugnen, dass ich ohne meine Familie und Freunde schon längst aufgegeben hätte. Es wäre sogar richtig zu sagen, dass ich dann noch nicht mal aufgeben müsste, weil ich annehme, dass ich diesen Kampf nie eingegangen wäre, wenn meine Familie nicht gewesen wäre. Es ist nachvollziehbar, dass es ein harter Kampf für jeden ist, der auch nur im Entferntesten damit zu tun hat. Aber was ich für mich am schlimmsten finde, ist die Schauspielerei. Ich kann zwar jetzt nur von mir sprechen, da mir, das zu verallgemeinern nicht zusteht, aber ich weiß, dass viele Kranke genauso handeln wie ich: mit der Maske. Mit der Schauspielerei und der Maske meine ich das aufgesetzte Lächeln und die Dauerantwort “Mir geht es gut“. Das ist meistens nämlich nicht so. Warum ich das so mache? Um meine Mitmenschen, die mir in dieser schweren Zeit beistehen, den Mut und die Hoffnung geben, wieder zurück zu geben und um niemanden noch mehr Sorgen und Ängste auf zu bürden. Vielleicht ist es falsch, aber was kann ich sonst tun außer weiter zu kämpfen? Ich fühle mich nicht wohl, wenn ich zugebe, wie es mir wirklich geht oder was in mir vorgeht. Aber es hat auch nichts mit Verdrängung zu tun, sondern eine Art Schutz für meine Mitmenschen, denn sie haben es doch schon schwer genug. Ich weiß, dass niemand etwas dafür kann und ich selber auch nicht. Aber ich gebe mir die Schuld, wenn ich meine Familie oder Freunde um mich weinen sehe. Darum will ich es vermeiden. Zudem sind mir im gewissen Grad die Hände gebunden. Versuch mal, wenn es dir dreckig geht, einen andern Menschen aufzubauen. Das ist verdammt hart und es kostet Unmengen an Kraft. Und dennoch bau ich immer und immer wieder die Menschen in meiner Umgebung auf. Warum ich das mache? Ich weiß es nicht – vielleicht um von meinem eigenen Schmerz abzulenken. Stärke zeigen ist schwierig, aber Schwäche zeigen auch. Vor allem wenn man weiß, dass man damit nicht nur sich selber schadet, sondern auch noch denen, die man liebt. September 2008 kam die Diagnose: ein neuer Tumor, ein zweiter am Stammhirn – inoperabel. So, was nun? Meine Gedanken waren: “Wenig Zeit, Zeit genießen, viele Schmerzmittel, warten auf den Tod“.

Doch dann hab ich das Gesicht meiner Mutter gesehen, meine kleine Schwester und meinen Bruder und ich wusste, ich muss versuchen zu kämpfen. Wenn nicht für mich, dann doch wenigstens für sie. So fasste ich den Entschluss, eine weitere Chemo über mich ergehen zu lassen, ohne groß darüber nach zu denken, jedoch mit dem Willen weiterhin in die Ausbildung zu gehen. So steh ich hier und versuche einen geraden Weg in dieser steinigen Zeit zu bekommen. Doch es ist leichter gesagt, als getan. Denn zwischen Therapie und Lernen für die Ausbildung werden mir noch andere schwere Steine in den Weg gelegt. Sei es durch üble Nachrede oder mit bösen Blicken. Es ist schwer, den Kopf dann noch für andere Sachen frei zu halten. Es ist eine Art Spagat zwischen Ausbildung, Chemotherapie, Nebenwirkungen, Hoffen und Bangen und Lästereien. Manchmal würde ich am liebsten alles hinschmeißen und auf eine einsame Insel fahren und alles und jeden vergessen. Doch das geht nicht und so geht der Alltagstrott zwischen Verzweifeln und Schauspielern weiter. Und niemand kann die Uhr des Lebens für einen Moment anhalten um eine Minute durchzuatmen, um dann doch wieder weiter kämpfen zu müssen.
So wünsche ich mir nur eines: ein friedvolles ruhiges Leben mit meinen Lieben und dass, wenn ich nicht mehr bin, meine Familie, sowie meine Freunde, ihr Leben weiter leben können, ohne dass sie an der Trauer, der Verzweiflung und dem Schmerz zu Grunde gehen.

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