Wenn die Nacht zu laut wird

04:22 Uhr.

Die Nacht liegt schwer auf mir, als hätte sie beschlossen, sich nicht einfach nur über die Stadt zu legen, sondern sich in meine Gedanken zu krallen. Das Zimmer ist dunkel, nur das fahle Licht meines Displays zeichnet schwache Konturen in die Stille. Ich kaue auf meinem Kaugummi, viel zu schnell, viel zu hektisch, als könnte ich damit irgendetwas zerkleinern, das sich in meinem Kopf festgesetzt hat.

Eigentlich.

Da ist es wieder.
Dieses Wort, das sich vordrängelt, als hätte es ein Recht darauf, jeden Anfang zu bestimmen.
Ich hasse es.
Und trotzdem steht es immer wieder am Anfang von allem, was ich sagen will – oder vielleicht von allem, was ich nicht sagen kann.

Genau das ist der Punkt, der mich am meisten verunsichert:
Es ist kein äußeres Verbot. Niemand hält mir den Mund zu, niemand schreibt mir vor, was ich sagen darf und was nicht.
Die Stille kommt nicht von außen – sie wächst in mir.

Es ist, als würde etwas in meinem Inneren die Worte abfangen, noch bevor sie überhaupt Form annehmen können. Gedanken sind da, klar und laut, manchmal fast drängend – aber sobald ich versuche, sie auszusprechen, verlieren sie ihre Konturen. Zerfallen.
Werden brüchig. Unaussprechlich.

Nicht, weil sie zu groß sind.
Sondern weil sie zu nah sind.

Normalerweise wäre jetzt der Moment, in dem ich über das MRT schreibe.
Über diese unterschwellige Angst, die sich nicht laut ankündigt, sondern leise in mir wohnt, wie mein ständiger Mitbewohner, den ich mir nie ausgesucht habe.

Aber meine Psyche macht die Tür zu.
Einfach so.
Als würde sie sagen:
Heute nicht.
Vielleicht morgen.
Vielleicht nie.


Stattdessen kreisen meine Gedanken um alles gleichzeitig…
Zu viel….
Zu laut…
Zu nah…

Und das Schlimmste daran ist nicht einmal das
Chaos – sondern dass ich es nicht aussprechen kann.
Nicht vollständig.
Nicht ehrlich bis zum letzten Detail.
Weil es Dinge gibt, die man nicht öffentlich macht.
Weil es Grenzen gibt, die selbst Worte respektieren müssen.

Es fühlt sich an, als würde ich an einer unsichtbaren Grenze stehen, die ich selbst gezogen habe, ohne es bewusst zu merken.
Ein Schutzmechanismus, der entscheidet:
Bis hierhin und nicht weiter.

Nicht aus Schwäche, sondern aus einer Art innerem Instinkt heraus, der mich davor bewahren will, mich selbst zu überfordern.

Denn manche Dinge sind nicht einfach nur Gedanken.
Sie sind Gefühle, die noch keinen sicheren Platz haben.
Worte würden sie festnageln, greifbar machen und genau das macht Angst.

Solange sie unausgesprochen bleiben, sind sie irgendwie…
kontrollierbar…
Diffus…
Beweglich…

Aber in dem Moment, in dem ich sie ausspreche, werden sie real.
Endgültig.
Schwer.

Genau das kann ich gerade nicht.

Das frustriert mich. Es macht mich wütend.
Dieses Gefühl, dass so viel in mir passiert und ich es nur in Fragmenten nach außen lassen kann, wie durch einen Filter, der alles abschwächt, bis es fast harmlos wirkt.

Dabei ist nichts daran harmlos.

Also bleibe ich bei „eigentlich“.
Weil es ein Anfang ist, der nichts verlangt.
Ein Wort, das Raum lässt für alles, was noch keinen Mut gefunden hat, gesagt zu werden.

Heute habe ich diesen Satz gehört:
„Männer sind sogar Männern peinlich.“

Und ich musste innehalten.
Nicht, weil ich ihn blind unterschreibe – ganz im Gegenteil.

Verallgemeinerungen waren mir schon immer zu einfach,
zu grob, zu unfair.

Menschen sind keine Schablonen.
Jeder ist ein eigenes Universum,
mit eigenen Abgründen,
eigenen Entscheidungen.

Eventuell ist genau das der Punkt, der alles noch schwerer macht.
Dass jede einzelne Tat bewusst ist. Dass hinter allem ein Individuum steht.

Kein „alle“,
kein „immer“,
kein „typisch“.
Sondern Entscheidungen.

Ich habe bewusst nichts zu dem gesagt, was gerade überall präsent ist.
Nicht, weil es mir egal ist – sondern weil es mich trifft.
Weil es etwas in mir berührt, das ich nicht kontrollieren kann.
Es macht mir Angst.
Es zieht alte, unsichtbare Linien nach, die ich lieber ruhen lassen würde.

Aber in einem Punkt bin ich klar.
Ohne Zweifel.
Ohne Einschränkung.
Ich stehe auf der Seite der Frauen.

Mehr muss ich dazu nicht sagen.
Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Also zurück zu dem, worum es hier eigentlich geht.
Gesundheit.
Mein Körper.

Mein Kopf.
Dieses fragile Gleichgewicht, das nie wirklich stabil ist.

Vor ein paar Tagen war ich in einem Stream.
Die Streamerin kannte mich nicht, wusste nichts von mir.
Es ging um Hoffnung.
Ein großes Wort, das jeder anders füllt.

Und dann las ich diesen Satz:
„Hoffnung ist keine Stärke, sondern Stillstand.“

Dieser Satz hat mich getroffen.
Nicht, weil ich zustimme – sondern weil ich so weit davon entfernt bin.

Stillstand ist mein Alltag.
Nicht gewählt, nicht verdient, einfach da.
Meine inkomplette Querschnittslähmung zwingt mich dazu, Dinge zu beobachten, statt sie zu beeinflussen.
Und dieser Tumor…
dieses unscharfe Etwas in meinem Kopf…
lässt sich nicht greifen. Nicht beurteilen…
Nicht einordnen…

Seit Jahren höre ich nach jedem MRT das gleiche:
„Nicht beurteilbar.“

Ein Zustand zwischen allem und nichts.
Zwischen Entwarnung und Katastrophe.
Ein Raum ohne klare Wände.

Und trotzdem – oder vielleicht genau deswegen – habe ich Hoffnung.

Nicht als Ausrede.
Nicht als Warten.
Sondern als etwas, das einfach bleibt.
Wie ein leiser Puls im Hintergrund. Unaufdringlich, aber unzerstörbar.

Denn die Realität ist brutal einfach:
Es gibt zwei Möglichkeiten.
Nicht beurteilbar.
Oder Wachstum.


Mehr nicht.


Und irgendwo dazwischen bin ich, nachts um 04:22 Uhr, kaue auf meinem Kaugummi und versuche, nicht zu laut zu denken.

Ich finde Menschen faszinierend.
Wirklich.
Ihre Gedanken, ihre Geschichten, ihre Widersprüche.
Und gleichzeitig machen sie mir Angst.
Diese gleiche Spezies, die Hoffnung definieren kann, ist auch die, die zerstört, verletzt, Grenzen überschreitet.

Eventuell ist es genau dieses Spannungsfeld, das mich so müde macht.

Und dann kommt wieder dieses MRT.

Diese Mischung aus Angst und dieser leisen, fast trotzig wirkenden Hoffnung.
Obwohl ich weiß, wie die Lage ist.
Obwohl ich weiß, dass ich als austherapiert gelte.
Dass Studien abgelehnt wurden.
Dass Möglichkeiten begrenzt sind.

Und trotzdem ist da dieses kleine, widerspenstige Gefühl, das sich nicht auslöschen lässt.

Vielleicht ist Hoffnung kein Stillstand.
Vielleicht ist sie das Einzige, das sich weigert, stillzustehen.

Und während draußen alles weiterläuft – Nachrichten, Meinungen, Abgründe – sitze ich hier und merke, wie sich etwas in mir verschiebt.

Ein Gedanke, klarer als alle anderen.

Die Scham muss die Seiten wechseln.

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