Ich war kürzlich mal wieder in der Stadt unterwegs.
Das mache ich mittlerweile selten.
Zu laut, zu voll, zu viele Pflastersteine, zu viele Blicke…
Die Straßen sind voll, aber gleichzeitig fühlt sich alles leer an, wenn man auf Augenhöhe von Autoreifen lebt.
Der Elektromotor meines Rollstuhls summt leise unter mir, dieses konstante Geräusch, das mich begleitet wie ein zweiter Herzschlag.
Menschen laufen vorbei, hasten, telefonieren, lachen.
Manche schauen kurz.
Manche schauen länger.
Manche schauen weg, als hätte man sie bei etwas Unangenehmem erwischt.
Ich habe mich daran gewöhnt.
Zumindest rede ich mir das immer wieder ein.
Aber es gibt Momente, da wird dieses Gewöhnen plötzlich brüchig.
Dann fühlt sich alles wieder so roh an wie beim ersten Mal.
Mein Mann fährt neben mir.
Sein Rheumaroller klackert leicht über die kleinen Unebenheiten im Asphalt.
Dieses Geräusch kenne ich genauso gut wie das meines Rollstuhls.
Zwei Hilfsmittel,
zwei Menschen, die sich gefunden haben,
zwei Körper, die ihre eigenen Regeln haben.
Für uns ist das normal.
Für andere offenbar nicht.
An unserer Hochzeit standen Menschen auf dem Bürgersteig und fotografierten uns.
Fremde Menschen.
Handys wurden gehoben, als wäre vor ihnen etwas Außergewöhnliches vorbeigelaufen.
Manche versuchten heimlich zu fotografieren, andere ganz offen.
Ich erinnere mich noch an den Ausdruck in ihren Gesichtern.
Nicht unbedingt böse.
Eher… verblüfft.
Als hätten sie gerade etwas gesehen, von dem sie nicht wussten, dass es existiert.
Ein Paar in Hochzeitskleidung dass bejubelt wird…
aber beide mit Behinderung und Hilfsmitteln.
Ich sah einen Mann seinen Freund anstoßen.
Ich hörte eine Frau leise sagen:
„Dürfen die das überhaupt?“
Dürfen.
Dieses Wort blieb mir lange im Kopf hängen.
Als müsste irgendwo jemand entscheiden, wer lieben darf und wer nicht.
Als gäbe es eine unsichtbare Liste von Menschen, die zwar existieren, aber bitte nicht zu laut, nicht zu sichtbar, nicht zu glücklich.
Noch schlimmer wurde es ein paar Wochen vorher.
Bei meinem Junggesellenabschied.
Meine Schwester, meine Mutter, meine Schwägerin und meine Freundinnen hatten mich in die Stadt geschleppt, wir lachten, es war warm, Musik kam aus einer kleinen Box.
Wir spielten alberne Spiele und ich musste Aufgaben erfüllen.
Für einen Moment fühlte sich alles leicht an.
Es war schön und tat gut.
Dann kam dieser Satz.
Direkt vor uns.
Ohne Zögern.
Ohne Scham.
„Also entweder ist der Rollstuhl fake oder die Hochzeit! Behinderte dürfen nicht heiraten!“
Ich weiß noch, wie still es plötzlich für einen Moment wurde.
Meine Freundinnen waren sprachlos.
Ich selbst auch.
Nicht weil ich zum ersten Mal so etwas hörte.
Sondern weil man nie wirklich lernt, wie man darauf reagieren soll.
Meine Mutter und meine Schwester wurden laut.
Setzen sich für mich ein, ich versuchte nur mit allen aus der Situation zu entkommen um weiter feiern zu können.
Leider ist diese Erinnerung hängen geblieben.
Wir hatten trotzdem ein legendären Abend!
Mein Mann hat später meine Hand gehalten und gesagt, dass manche Menschen Angst vor Dingen haben, die sie nicht verstehen.
Aber ich glaube, es ist mehr als das.
Es ist etwas Kälteres.
Etwas, das wächst.
Mein Mann trägt heute meinen Namen.
Einen arabischen Namen.
Er hat ihn angenommen, um meinen Vater zu ehren.
Einen Mann, den er nie kennenlernen konnte, weil er schon viel zu lange tot ist.
Manchmal tut mir das weh.
Dass sie sich nie begegnen konnten.
Mein Vater hätte ihn gemocht.
In den ersten neun Jahren meines Lebens hat mein Vater mir Dinge beigebracht, die ich nie vergessen habe.
Dinge, die sich tiefer eingeprägt haben als jede Schulstunde.
Er sagte immer, Menschlichkeit sei mehr wert als jede Religion.
Mehr wert als jede Hautfarbe.
Mehr wert als jede Herkunft.
Mehr wert als jede Ideologie.
Er sagte, das Wichtigste, was man einem Menschen schenken kann, sei Zuhören.
„Wenn jemand spricht“, sagte er einmal, „dann zeigt er dir ein Stück seines Inneren.
Hör zu. Das ist manchmal die größte Hilfe.“
Dann lächelte er und fügte hinzu:
„Außer natürlich bei Verletzungen.
Da braucht man einen Arzt.“
Ich sehe ihn manchmal noch vor mir, wenn ich die Augen schließe.
Seine Hände, seine ruhige Stimme.
Und ich frage mich oft, was er heute denken würde?
Wenn er hören würde, wie Menschen über Namen sprechen.
Über Herkunft.
Über Menschen, die angeblich nicht dazugehören.
Vor längerer Zeit passierte etwas, das eigentlich nur ein paar Sekunden dauerte.
Aber es ist bis heute in Erinnerung geblieben wie ein schlechter Film….
Wir fuhren auf einem Weg.
Es war einer dieser Tage, an denen man einfach nur draußen sein möchte.
Mein Mann neben mir, die Sonne tief, die Luft kühl.
Dann kam uns ein Fahrradfahrer entgegen.
Er bremste nicht.
Er wich auch nicht aus.
Stattdessen rief er uns schon von weitem etwas zu.
„Aus dem Weg, Krüppelbande!“
Er fuhr einfach weiter.
Kein Blick zurück.
Keine Pause.
Als wäre das völlig normal gewesen.
Ich spürte, wie mein Magen sich zusammenzog.
Nicht einmal wegen des Wortes.
Mein Mann und ich haben leider beide schon schlimmere gehört.
Es war die Selbstverständlichkeit.
Diese Leichtigkeit, mit der Menschen andere entmenschlichen.
Manchmal habe ich Angst davor, wie leicht das geworden ist.
Wenn ich Reden höre.
Wenn ich Parolen lese.
Wenn ich sehe, wie Menschen klatschen, wenn jemand über „die anderen“ spricht.
Manchmal frage ich mich, wer in diesen Reden alles gemeint ist.
Menschen mit fremden Namen?
Menschen mit anderen Wurzeln?
Menschen, die nicht perfekt laufen, stehen, funktionieren?
Menschen wie wir?
Ich sitze in meinem Rollstuhl und spüre diese Mischung aus Traurigkeit und etwas anderem.
Vielleicht ist es Angst.
Nicht die laute Angst, die schreit.
Sondern die leise.
Die, die nachts kommt, wenn alles still ist.
Die fragt, wie schnell eine Gesellschaft vergessen kann, dass Menschlichkeit wichtiger ist als alles andere?
Mein Vater glaubte fest daran.
Mein Mann glaubt daran.
Und ich versuche es auch.
Aber manchmal, wenn jemand „Krüppelbande“ ruft oder wenn Menschen uns fotografieren wie eine Kuriosität, frage ich mich, wie weit wir noch davon entfernt sind, dass Menschen einfach nur Menschen sein dürfen?
Ohne Erlaubnis.
Ohne Rechtfertigung.
Einfach nur da.
Nebeneinander.
Mensch ist Mensch.
So steht es im Gesetz.
Und das Recht auf freie Entfaltung doch auch, oder?
Manchmal frage ich mich, ob diese Worte für alle gleich laut gelten?
Oder ob sie für manche Menschen leiser werden, sobald ein Rollstuhl ins Bild kommt.
Oder ein fremd klingender Name.
Oder eine Hautfarbe, die nicht in irgendein bequemes Bild passt.
Ich sitze hier und denke daran, wie viele verschiedene Menschen jeden Tag aneinander vorbeigehen.
Menschen mit Geschichten, mit Schmerzen, mit Träumen, mit kleinen Hoffnungen, die sie durch den Tag tragen.
Wir brauchen einander!
Jeden einzelnen Menschen!
Nicht nur, weil eine Gesellschaft ohne Menschen nicht funktioniert.
Nicht nur, weil auch die Wirtschaft auf jeden angewiesen ist, auf jede Fähigkeit, jede Idee, jede helfende Hand.
Wir brauchen einander, weil Menschlichkeit nur entsteht, wenn Menschen füreinander da sind!
Vielfalt ist kein Problem, das gelöst werden muss.
Sie ist das, was eine Gesellschaft lebendig macht.
Die Stimmen.
Die Erfahrungen.
Die unterschiedlichen Wege, die Menschen gegangen sind.
All das ist kein Fehler im System.
Es ist das System!
Manchmal fühlt sich die Welt kalt an….
Laut….
Hart…
Abweisend….
Aber dann gibt es auch andere Momente.
Ein fremdes Lächeln an der Ampel.
Jemand, der eine Tür aufhält.
Eine kurze Nachfrage: „Brauchen Sie Hilfe?“
Kleine Gesten, die zeigen, dass Menschlichkeit noch da ist.
Dass sie nicht verschwunden ist.
Vielleicht leiser geworden.
Vielleicht manchmal übertönt von Wut, von Angst oder von Parolen.
Aber sie ist noch da!
Und solange es Menschen gibt, die zuhören.
Menschen, die helfen.
Menschen, die verstehen wollen statt zu urteilen.
Solange gibt es Hoffnung.
Denn am Ende ist es eigentlich ganz einfach.
Mensch ist Mensch.
Und kein Mensch sollte Angst haben müssen, einfach nur zu leben.
Neben anderen Menschen.
In Würde.
Mit Vielfalt.
Und mit der Wärme, die entsteht, wenn wir uns daran erinnern, dass wir einander brauchen.