Ich glaube, ich muss
das einmal erzählen,
nicht um zu erklären,
sondern um festzuhalten,
was mich trägt,
was mich hält,
was mich am Leben lässt,
wenn alles andere zu schwer wird.
Meine längste Freundin, nennen wir sie Eins,
ist genau zwei Wochen nach mir geboren,
auf den Tag genau,
als hätte das Leben beschlossen, uns von Anfang an gemeinsam loszuschicken.
Seit unserer Geburt gehen wir nebeneinander her,
haben zusammen laufen gelernt,
Worte geformt,
Zahlen verstanden,
Bücher verschlungen,
die Welt begriffen,
so gut man sie eben begreifen kann,
wenn man noch klein ist.
Sie ist da, seit ich denken kann,
ein stilles Wissen,
ein fester Punkt,
eine Selbstverständlichkeit.
Mit ihr verbindet mich eine Geschichte, die so tief verwurzelt ist, dass man sie kaum trennen kann von mir selbst, eine Geschichte, die sogar schon hier, auf meinem Blog festgehalten ist:
„bis zur zweiten Tanne“.
Dann ist da Zwei,
meine beste Freundin
und unser Zeichen ist ein roter Luftballon.
Kein großes Wort,
kein Drama, nur dieses Bild: 🎈
Wenn eine von uns den Ballon schickt,
weiß die andere, dass sie gebraucht wird,
jetzt sofort,
ohne Nachfragen,
ohne Erklärungen.
Und dann sind wir da,
augenblicklich,
kompromisslos füreinander.
Wir haben uns über unsere Hunde gefunden, die selbst beste Freunde waren,
als hätten auch sie erkannt, dass sie zusammengehören.
Sie bekam Boomer als Welpen und gemeinsam mit meinem Mann holten wir Lea aus dem Tierheim.
Wir erzogen sie zusammen, teilten Sorgen, Stolz, Spaziergänge, Alltag.
Wir verloren Boomer viel zu früh, mit drei Jahren und nun auch Lea, dafür steht dieser Luftballon ebenso, für Abschied,
für Liebe,
für die Lücke, die bleibt.
Zwei war es auch, die uns 2016 zusammen mit dem besten Freund meines Mannes verheiratet hat, in einer freien Trauung, die genauso ehrlich war wie unser Leben,
ohne Masken,
ohne falsche Versprechen,
aber mit viel Herz.
Und auch zu ihr gibt es einen Blogbeitrag
„Henriette & Spohia“.
Und dann gibt es diese weiteren Frauen, die auf ihre eigene Weise ebenso unverzichtbar sind.
Drei lebt bei Nürnberg, weit genug weg, um den Alltag nicht ständig zu teilen, aber nah genug, um alles zu wissen.
Wirklich alles.
Die nackte, rohe Wahrheit, ohne Vorhänge,
ohne Blumen,
ohne Beschönigungen.
Sie weiß es immer zuerst, oder fast und wenn sie nach Freiburg kommt, schläft sie bei uns, ganz selbstverständlich.
Neben meinem Mann ist sie die Einzige, die auch meine schlimmsten Gedanken kennt, die dunklen Ecken, vor denen man selbst manchmal zurückschreckt.
Als ich 2019 meine Beerdigung geplant habe, vor der Ü-Ei-Operation, als ich mich bei der aktiven Sterbehilfe angemeldet hatte, habe ich alles
mit ihr & meinem Mann gemacht,
jede Entscheidung,
jedes Wort,
jede Angst.
Erst als alles aufgeschrieben war, habe ich die anderen ins Boot geholt.
Eventuell verbindet uns die Krankheit, die sie glücklicherweise überstanden hat,
vielleicht ist es aber auch einfach diese radikale Ehrlichkeit, die uns so nah macht.
Vier ist eine Frau,
die selbst genug zu tragen hat, mit ihren fünf Kindern und einer eigenen Krebserkrankung und doch ist sie da.
Wir sprechen regelmäßig, ehrlich, intensiv, manchmal schwer, manchmal leicht.
Oder wir gehen zusammen zu Marc Forster und feiern das Leben, weil man es feiern muss, gerade dann, wenn es weh tut.
Ihre Kinder sind für mich wie meine Nichte und Neffen,
kleine Anker,
kleine Lichtpunkte,
Erinnerungen daran, dass Zukunft existiert, selbst wenn die Gegenwart wackelt.
Fünf ist nicht nur eine meiner wichtigsten Freundinnen, sie ist auch meine Schwägerin.
Mit ihr habe ich so viel erlebt, dass es unmöglich ist, all die gemeinsamen Stunden aufzuzählen.
Wir haben gelacht, bis uns der Bauch wehtat, wir haben geweint, bis keine Tränen mehr da waren und wir haben alte seelische Verletzungen miteinander geheilt, langsam, vorsichtig, manchmal schmerzhaft, aber immer ehrlich.
Sie ist Familie im tiefsten Sinn des Wortes, nicht nur durch Blut, sondern durch das, was wir füreinander geworden sind.
Und dann gibt es diese letzte Frau, die ich erst in den letzten Jahren kennengelernt habe, auch durch den Krebs.
Wir saßen zusammen in einem Trauerseminar und wären fast rausgeflogen, weil mein Mann, sie und ich alles zu witzig fanden.
Unser Humor ist schwarz, vielleicht zu schwarz für manche, aber für uns war er überlebenswichtig.
Sie half uns mit Lea, kam, behandelte sie mit Akupunktur, stand uns bei, hielt Lea und mich, als meine Seele über die Regenbogenbrücke ging.
Sie war da, als Worte nicht mehr reichten, als Berührung wichtiger war als jede Erklärung.
Diese Menschen,
all diese Frauen,
sind neben meinem Ehemann mein Halt.
Wenn die Depression die Oberhand gewinnt,
wenn die Trauer mich überrollt wie eine Welle,
gegen die ich nicht anschwimmen kann,
wenn ich mich in meine einsame Höhle zurückziehe und die Welt draußen lasse,
dann kommen nur sie an mich heran.
Nicht mit Druck,
nicht mit falschem Optimismus,
sondern weil sie wissen,
wie ich ticke,
was ich brauche,
wann Schweigen tröstet und wann ein Lachen rettet.
Sie kennen meine Brüche und meine Stärke,
meine Angst und meinen Mut,
meine Dunkelheit und mein Licht.
Ich schreibe das nicht,
um euch zu idealisieren, sondern um euch zu danken.
Danke dafür, dass ihr geblieben seid, auch wenn es unbequem war.
Danke dafür, dass ihr getragen habt, ohne euch zu verlieren.
Danke für eure Zeit, eure Geduld, eure Liebe, eure Ehrlichkeit.
Danke dafür, dass ihr mich seht, nicht als Krankheit, nicht als Trauer, nicht als Problem, sondern als Mensch.
Ihr seid mein Netz,
mein Zuhause außerhalb meiner vier Wände,
meine Erinnerung daran, dass ich nicht alleine bin.
Und dafür, für all das, gibt es kein Wort, das groß genug wäre.
Aber dieses hier muss reichen:
Danke.