Narben tragen keinen Scheitel

Es ist kein Geheimnis, dass ich schon sehr lange sehr krank bin.

Das Wort „lange“ ist dabei dehnbar wie Kaugummi.

Es meint nicht Jahre oder Monate, sondern einen Zustand.
Eine Epoche.
Ein Vorher, das sich fremd anfühlt und ein Jetzt, dass sich nicht mehr rechtfertigt, weil es keine Alternative kennt.

Krankheit wird irgendwann nicht mehr das Außergewöhnliche, sondern der Untergrund, auf dem alles andere stattfindet. Wie das Wetter.
Wie die Schwerkraft.

Eine Tumorerkrankung kommt selten allein.
Sie bringt Narben mit, als wären sie Souvenirs einer Reise, die man nie gebucht hat.
Manche sind fein, fast elegant, als wollten sie sich entschuldigen.
Andere sind grob, laut, unübersehbar.
Sie ziehen sich über die Haut und die Seele, manchmal deckungsgleich, manchmal zeitversetzt.

Der Körper erinnert sich schneller als der Kopf.
Und der Kopf erinnert sich nachts, wenn niemand zusieht.

OPs, Zugänge, ZVKs, Shunts, Bestrahlung… Wörter wie aus einem fremden Wörterbuch.
Klinisch, kühl, neutral.
Sie klingen nach Formularen und Stationsfluren, nach Neonlicht und Desinfektionsmittel.

Aber sie hinterlassen etwas warmes, brennendes, ziehendes.
Sie hinterlassen ein Gefühl von ausgeliefert sein und das Gefühl einer neue Intimität mit dem eigenen Körper, die niemand freiwillig sucht.
Sie hinterlassen Narben.
Sichtbare & Unsichtbare.

Man lernt jede Linie kennen, jede Veränderung, jede Grenze.
Und man lernt unfreiwillig mit ihnen zu leben.

Es gibt Narben, die man gut verstecken kann.
Unter Kleidung,
unter einem Lächeln,
unter Sätzen wie
„Es geht schon“.

Und es gibt diese anderen, die sich nicht verstecken lassen, weil sie beschlossen haben, sichtbar zu sein.

Sie sind wie Menschen ohne Taktgefühl.
Sie platzen in Gespräche, die nichts mit ihnen zu tun haben wollten.
Sie stellen Fragen, ohne zu fragen.

Man steht beim Optiker.
Ein ganz normaler Tag.
Man denkt an Sehstärken, an Gestelle, an Preise.
Und dann dieser Satz, harmlos gemeint, unbedacht gesagt:
„Oh, woher stammt denn die Narbe hinterm Ohr?“

Ab diesem Moment kippt etwas.
Zeit verlangsamt sich.
Man spürt, wie man innerlich nach Antworten greift, wie in einer Schublade mit mehreren Etiketten.

Die Notlüge liegt immer obenauf.
Schnell, praktisch, sozialverträglich.
Ein Unfall.
Irgendwas Dramatisches, aber Abgeschlossenes.
Etwas, das keinen Raum fordert.
Man kann sie aussprechen wie eine Eintrittskarte, die das Gespräch in sichere Bahnen zurückführt.
Niemand muss betroffen schauen.
Niemand muss überlegen, ob man jetzt „alles Gute“ sagen darf.

Und dann ist da die Wahrheit.
Schwer.
Unhandlich.
Sie passt in kein Gespräch, das zwischen Tür und Angel stattfindet.
Sobald man sie ausspricht, sobald das K-Wort fällt, verändert sich alles.
Krebs.
Hirntumor.
Egal welches Wort man wählt, es trägt dieselbe Wirkung.

Gespräche werden leiser, Augen weichen aus, Menschen fühlen sich plötzlich verantwortlich für eine Situation, die sie nicht verstehen.
Man wird zur Projektionsfläche für Angst, für Mitleid,
für unbeholfene Fürsorge.
Und trägt das alles mit sich, zusätzlich zur eigenen Geschichte.

Manchmal wünscht man sich, die Narben hätten eine Gebrauchsanweisung.
„Bitte nicht ansprechen.
Bitte nicht interpretieren.
Bitte nicht erschrecken.“
Aber sie haben keine.
Sie sind einfach da.

Im Moment lasse ich meine Haare wieder wachsen.
Ein Satz, der klein klingt, aber groß ist.
Haare sind mehr als  nur Haare.
Sie sind Ausdruck, Schutz, Identität.

Sie sind etwas, das man gestalten darf, wenn einem sonst so viel aus der Hand genommen wurde.

Ich liebe lange Haare.
Ich liebe Zöpfe.
Sie sind Ordnung in einer Welt, die lange chaotisch war.
Sie sind etwas, das bleibt, wenn man den Kopf senkt oder hebt.

Doch mein Körper verhandelt nicht.

Die Querschnittslähmung meldet sich zuverlässig, wenn ich versuche, mir selbst einen Zopf zu binden.

Sie sagt nicht „nein“, sie sagt „bis hierhin“.
Und dann sind da diese drei Narben auf meinem Kopf.

Drei Kapitel, die niemand überliest.
Zwei davon groß, dominant, unpraktisch.

Sie mögen keine Frisuren.
Sie mögen keine Ästhetik.
Sie wollen gesehen werden oder stören wenigstens.

Besonders diese eine.
Die Hufeisennarbe.
Sie liegt da wie ein ironischer Kommentar des Lebens.

Genau dort, wo man sie am wenigsten brauchen kann.
Sie macht jeden Versuch, „normal“ auszusehen, zu einem Kompromiss.

Man steht vor dem Spiegel, probiert, verwirft, lacht kurz und schluckt dann wieder.

Manchmal sieht es aus, als hätte man absichtlich etwas Verrücktes gemacht.
Manchmal einfach nur falsch.

Also schreibe ich meiner
Mädels – Krebsgruppe.
Meinen Supergirls!

Diese Gruppe ist kein Ort der Höflichkeit.
Sie ist roh, ehrlich, warm.
Sie ist ein Raum, in dem niemand etwas erklären muss.
„Ich bekomme die Krise mit meinen Haaren.
Die wachsen wie verrückt, aber die Narben lassen keine gescheiten Frisuren zu.
Diese kack Hufeisennarbe vor allem.“

Ein Satz, der draußen schockieren könnte, hier aber genau richtig ist.

Oft ist Stille bei uns im Chat weil jede von uns im eigenen Leben struggelt.
Keine unangenehm Stille, wir wissen genau, die anderen sind da.

Aber dann in so Momenten kommen die Antworten wie ein Chor….
Sarkasmus,
Zuspruch,
schwarzer Humor.

„Mach ein Kunstprojekt draus.“

„Sag, das ist Absicht.“

„Narben sind sexy, Haare überschätzt.“

Man lacht… Wirklich.
Nicht dieses höfliche Lachen, sondern das befreiende, bei dem man kurz vergisst, wie müde man ist.

Und dann gibt es diese stilleren Momente.
Wenn man allein ist.
Wenn der Spiegel kein Publikum hat.

Dann ist da Traurigkeit.
Keine dramatische,
keine laute.
Eine leise, schwere.
Die Traurigkeit darüber, dass der eigene Körper nicht mehr selbstverständlich ist.

Dass jede Kleinigkeit Planung braucht.
Dass selbst Haare ein Thema geworden sind.

Aber da ist auch Trotz.
Ein leiser, hartnäckiger Trotz.

Ich bin noch hier.
Mit Narben, mit Chaos,
mit Humor.
Ich bin nicht kaputt,
ich bin verändert.
Und Veränderung ist kein Makel, auch wenn sie wehtut.

Meine Narben erzählen keine Heldengeschichte.

Sie erzählen von Überleben.

Von Aushalten.

Von Tagen, an denen Aufstehen schon genug war.

Eventuell ist das die eigentliche Schönheit.

Nicht das Unversehrte, sondern das Ehrliche.

Nicht die perfekte Linie, sondern die, die geblieben ist.

Und vielleicht binde ich mir eines Tages keinen perfekten Zopf, sondern einen schiefen.

Einen, der hält…
das reicht.

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