Trotzdemtage….

was bleibt, wenn nichts leicht ist

Es gibt diese Trotzdemtage.
Tage, die sich nicht durch Optimismus rechtfertigen lassen und auch nicht durch Hoffnung im klassischen Sinn.
Tage, an denen man nicht stark ist, nicht tapfer, nicht bewundernswert….
sondern einfach nur da.
Präsenz ohne Lösung.
Wahrnehmung ohne Ziel.
Man steht auf, weil Aufstehen eine Bewegung ist, die man noch beherrscht.
Und manchmal ist das bereits alles, was gelingt.

An solchen Tagen klingt das Leben, als würde jemand hinter einer dünnen Wand hektisch Kisten umwerfen.
Kein Plan, keine Absicht, eher diese unbeholfene Schlampigkeit des Schicksals, das offensichtlich multitaskingunfähig ist.
Poltern.
Kurze Stille.
Dann diese imaginierte Stimme, die man nie beweisen kann und die trotzdem alles erklärt:
Ups. Jetzt ist es halt passiert.

Und man selbst steht mitten in den Trümmern, hält ein Teil in der Hand, weiß nicht mehr, wozu es gehört und legt es vorsichtig ab, als könnte es sonst noch explodieren.

Ich stand schon länger dort….
Wochen…..
Vielleicht Monate. Irgendwann hört man auf zu zählen, weil Zählen eine Form von Kontrolle suggeriert.
Ordnung…. Übersicht… Fortschritt….

Alles Konzepte aus anderen Leben.
In meinem bedeutete zählen nur, sich einzugestehen, wie viel gleichzeitig kaputtging.

Also ließ ich es.
Ich ließ vieles…..

Seit Anfang Januar war mein Körper kein Zuhause mehr, sondern ein Ort mit Absperrband.
Einem roten, flatterndem Absperrband!
Eine Baustelle ohne Bauplan.

Influenza, sagten die Ärzte…
Drei Wochen…
Als wäre Zeit eine Empfehlung.
Fieber, das sich an mich klammerte wie ein Kind an ein zu spät abgeholtes Versprechen. Neununddreißig Grad…. manchmal Vierzig.
Dann wieder runter, gerade genug, um Hoffnung zuzulassen und sofort wieder hoch, als hätte jemand gemerkt, dass ich zu ruhig wurde.
Zeit zerfiel.
Tage verloren ihre Namen, Nächte ihre Funktion.
Es gab nur noch Hitze, Schüttelfrost, dieses dumpfe Eingesperrtsein im eigenen Inneren, wie in einem Haus, dessen Türen man selbst verschlossen hat und dessen Fenster zu hoch sitzen.

Ich begann zu verhandeln. Nicht mit Gott, nicht mit dem Universum, sondern mit meinem Körper.
Kleine Deals.

Nur noch diese Nacht.
Nur noch bis morgen.

Aber mein Körper war nicht verhandlungsbereit.
Er war beschäftigt.

Als ich dachte, schlimmer könne es kaum werden, überraschte er mich mit Kreativität.

Ein Abszess.
An der Brust.

Als hätte Ironie beschlossen, sich medizinisch auszudrücken.

Ich erinnere mich an diesen Moment, in dem mir jemand sachlich erklärte, was jetzt nötig sei und ich dachte nur:

Natürlich.
Warum nicht.
Schneidet halt rein.

Man gewöhnt sich an diesen Tonfall.
An das nüchterne Erklären von Dingen, die weh tun werden.
Worte verlieren ihre Schärfe, der Schmerz übernimmt.

Ich lernte in diesen Minuten viel über mich. Über die Illusion von Stärke.
Über all die Sätze, die man sagt, solange man sie nicht beweisen muss.

Ich halte das schon aus.
Ich kann das ab.
Ich bin tapfer.

Es ist erstaunlich, wie schnell große Überzeugungen verdampfen, wenn die Realität mit einem Skalpell kommt.

Seitdem weiß ich sehr genau, dass meine spirituelle Reise nicht über Selbstkasteiung führt.

Manche Menschen finden Erleuchtung im Schmerz.

Ich finde dort höchstens Fluchtgedanken.

Erkenntnisse kommen unterschiedlich.
Meine kamen unter Lokalanästhesie.

Schwarzer Humor war keine Stilfrage, sondern Notwehr.
Lachen, weil Schreien zu anstrengend gewesen wäre.
Sarkasmus als Verband. Man lacht, um nicht auszulaufen.

Vierzehn Tage später beschloss mein Körper, die Geschichte fortzusetzen.

Der Abszess platzte von selbst auf.
Wieder! Ohne Vorwarnung.
Ohne Respekt.
Als hätte jemand gesagt:

Komm, wir hängen noch einen Epilog dran.

Danach der nächste Infekt.
Nebenhöhlen dicht, Atmen nur noch halb.
Ich gewöhnte mich daran.


Der Mensch gewöhnt sich an fast alles.
Besonders an Zustände, die sich nicht ändern lassen.

Man entwickelt neue Maßstäbe.
Neue Freuden.
Wenn ein Symptom Pause macht, ist das fast ein Feiertag.
Wie ein Mitbewohner, der endlich mal das Haus verlässt.

Irgendwann ging es mir wieder halbwegs.

Halbwegs ist ein dehnbarer Begriff.
Er bedeutet:
nicht gut, aber auch nicht akut.

Der Abszess war weg, die Stelle noch offen, wie ein stiller Hinweis darauf, dass nichts selbstverständlich ist.
Nicht einmal Haut.

Mein Mann war mit durch diese Zeit gegangen, leise, solidarisch.
Ein bisschen Schnupfen, ein bisschen Halsweh, dieses mir geht’s schon gut, das man sagt, um nicht auch noch zur Belastung zu werden.

Wir sind beide müde.
Nicht diese Müdigkeit, die man wegschläft, sondern die andere.
Die, die sich in die Knochen setzt und dort wohnen bleibt.

Dazu die regelmäßigen Wechsel der Fentanyl-Pflaster.
Ein kleiner, routinierter Akt, der jedes Mal ein Einschnitt ist.

Schlaflose Nächte.
Ein Körper, der neu verhandeln muss, wie viel Schmerz akzeptabel ist. Mein Hirntumor ist kein Hintergrundrauschen.
Er ist der Bass in meinem Leben.

Immer da.
Seit 27 Jahren.
Länger als jede Gewissheit.
Austherapiert.
Palliativ.
Worte, die sachlich klingen und doch alles sagen.

Spastiken kommen und gehen, als hätten sie eigene Kalender.
Mein Mann kämpft mit Rheuma.
Mit Schmerzen, über die wir nicht mehr sprechen, weil sie Teil der Einrichtung geworden sind.
Andere Menschen reden über das Wetter.
Wir über Schmerzskalen. Das Leben ist nicht leicht.
Es wird auch nicht leichter.
Das ist keine Klage.
Es ist eine Feststellung.

Und dann war da mein Geburtstag.
Wir haben ihn gefeiert.
Irgendwie.
Geburtstage waren mir immer wichtig.

Vielleicht gerade deshalb, weil mein Leben früh gelernt hat, wie fragil Zeit ist.

Wieder ein Jahr.
Wieder ein Noch-da.
Älterwerden ist ein Geschenk, auch wenn es manchmal schwer in den Händen liegt.
Viele sehen Falten.
Ich sehe Zeit.
Gewonnenes Gelände.

Gleichzeitig ging überall etwas um.
Manche Menschen krank, andere vorsichtig.

Mein Immunsystem gleicht einem Schweizer Käse mit Ambitionen.
Das meines Mannes muss unterdrückt werden, damit es ihn nicht selbst angreift.
Eine absurde Konstellation. Fast komisch.
Wenn sie nicht so ernst wäre.

Geburtstage gehören gefeiert.
Nicht groß.
Nicht laut.
Aber nicht einsam.
Einsamkeit ist gefährlich.
Sie setzt sich neben die Depression, die ohnehin immer am Rand sitzt und flüstert ihr zu, dass sie bleiben darf.

Meine Geburtstage waren die letzten Jahre selten leicht.
Sie sind Spiegel.
Zeigen, was war, was fehlt, was sich verschoben hat.

Hoffnung und Müdigkeit liegen an diesen Tagen dicht nebeneinander.
Sie kennen sich gut.
Ich bin seit 27 Jahren krank.
Das macht dankbar und bitter zugleich.
Es schärft den Blick für Kleines & raubt die Unbeschwertheit.

Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, einfach Geburtstag zu haben.
Kuchen, Kerzen, Lachen. Keine Medikamente im Hinterkopf.
Keine Vernunftabsagen.

Dann lache ich über mich selbst.
Dieses „einfach“ war nie Teil meiner Geschichte.

Vielleicht ist mein Geburtstag deshalb so wichtig für mich.
Weil er sagt:
Du bist noch hier.
Trotz allem.

Also feierten wir.
Leise…. Müde… Unvollkommen….
Ein stilles Aufbegehren.
Ein Trotzdem.
Es schneite keinen echten Schnee.
Nur etwas Weißes, das langsam fiel…. Puderzucker.

Er sank auf den Kuchen, als hätte er Zeit.
Ich sah zu, länger als nötig.
Frieden ist manchmal nur die Abwesenheit von Schmerz.

Der Kuchen war schlicht.
Selbst gebacken.
Mit Rissen.
Mit Liebe.
Ich wünschte mir nichts Großes.
Dass er schmeckt.
Dass der Tag nicht kippt.
Dass meine Kraft reicht.
Wünsche klein zu halten ist eine Kunst, wenn man gelernt hat, dass große schwer werden.

Meine Mutter & meine Schwester kamen zum Kaffe. Kinderlachen füllte den Raum.
Leben.
Und zwischendrin dachte ich an die, die fehlten.

Der erste Bissen Kuchen war süß.
Tröstlich.
Geschmack trägt Erinnerungen ohne Worte. Andere Kuchen…
Andere Ichs.

Ich hatte einmal geglaubt, es gäbe einen Punkt, an dem alles gut ist.

Heute weiß ich:
Dieser Punkt bewegt sich. Manchmal ist er nur das Ausbleiben von weiterem Schaden.

Vier Stunden Kinder um sich zu haben sind wunderschön.
Und erschöpfend.
Danach war ich leer.
Man kann nicht immer mithalten.
Traurigkeit kam leise.
Wie Nebel.
Ich ließ sie da sein. Traurigkeit will gesehen werden, nicht repariert.

Im Bett dachte ich lange nach.
Wie wenig es braucht, um mich aus der Bahn zu werfen.
Wie viel Kraft Normalität kostet.
Bevor ich einschlief, stellte ich mir vor, wie der letzte Puderzucker sich in der Luft auflöst.
Vielleicht ist das Leben manchmal genau das.
Da sein.
Auch wenn es schwer ist.

Der Tag war da.
Ich war da.
Und für heute reichte das.

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