Letzter Beitrag diesen Jahres
Ich hoffe, Du hattest wunderschöne Weihnachten?
Heute möchte ich über zwei Themen sprechen, die mehr miteinander zu tun haben, als viele denken.
Und obwohl ich so viele fertige Texte in meinem Repertoire habe, drängt sich dieser hier nach ganz vorne.
Vielleicht, weil er fällig ist. Vielleicht, weil er schmerzt. Vielleicht, weil Schweigen sich falsch anfühlt.
Es geht um Sprache.
Und es geht um Respekt.
Und darum, wie wenig manche Menschen verstehen, was Worte anrichten können.
Immer wieder höre ich Sätze wie:
„Du musst ja nicht laufen.“
„Haha, du hast ‘gehen’ gesagt, dabei sitzt du im Rollstuhl.“
Echt jetzt?
Ist dass das Niveau in 2025/26?
Das ist Humor?
Und dann gibt es die, die Rollstuhl-Witze machen und denken, das sei harmlos.
Oder die glauben, Comedy dürfe ALLES.
Als wäre Humor ein Joker, der jede Grenze, jede Verantwortung, jede Rücksicht aushebelt.
Aber Humor ist keine Entschuldigung.
Und ich bin nicht das Token – nicht die „quote disabled person“, an der man seinen Alltags-Rassismus und seine Alltags-Fähigkeitsdiskriminierung auslebt.
Denn genau DAS ist es:
Alltagsdiskriminierung.
Ableismus.
Unreflektierter Müll, verpackt als Scherz.
Und bevor jetzt jemand empört schreit:
„Aber du machst doch selbst Witze über dich!“
Ja.
Über MICH.
Das ist ein riesiger Unterschied.
Ich darf das, weil es MEIN Körper ist, MEIN Leben, MEIN Schmerz,
MEIN Humor.
Ich bin erwachsen genug und selbstbestimmt genug, über meine eigene Situation zu lachen – als Coping-Mechanismus, als Selbstironie, als Ventil.
Aber das heißt NICHT, dass andere automatisch das Recht haben, mitzuziehen oder Grenzen zu übertreten.
Niemand hat das Recht, auf Kosten anderer zu lachen, besonders wenn diese „Witze“ eigentlich Abwertung in Verkleidung sind.
Genauso wenig ist es okay, wenn man mir – oder anderen Rollstuhlfahrern – ständig sagt:
„Für dich ist das ja kein weiter Weg, du musst ja nicht laufen.“
„Du musst nur den Joystick bewegen, ist doch nicht anstrengend.“
Woher will ein gesunder Fußgänger das wissen?
Woher nimmt jemand das Recht, die Belastung eines Körpers zu beurteilen, den er nicht hat?
Ein Körper, den er nicht fühlt.
Eine Einschränkung, die er nicht kennt.
Eine Lebensrealität, die er nicht versteht.
Bewegen ist für mich nicht „einfach Joystick drücken“.
Es ist
Gleichgewicht.
Kraft.
Koordination.
Schmerzen.
Energie, die begrenzt ist.
Anpassung.
Kontrolle.
Ständige Aufmerksamkeit.
Es ist ALLES – nur nicht „einfach“.
Und jedes Mal, wenn jemand solche Sätze sagt, wird mir wieder klar:
Viele Menschen sehen den Rollstuhl, aber sie sehen nicht MICH.
Sie sehen ein Hilfsmittel und schließen von außen auf meinen Alltag.
Sie sehen ein Gerät und denken, es sei ein Upgrade, kein Ersatz.
Sie sehen das Sitzen, aber nicht, was dahintersteckt.
Sie sehen nicht den Weg, den ich gehe, obwohl ich nicht gehe.
Und dann kommen „Komplimente“ die keine sind. „Du hast es gut, du kannst sitzen.“
„Hihihi du hast dein Kostenlosen Sitzplatz immer dabei.“
Dieser Sitzplatz kostet neu 33.000€ und ich würde jederzeit sofort für immer mit jedem Tauschen. Aber all inklusive!
Und dann wäre da noch das Thema Medikamente…
Ein weiterer Klassiker:
„Dein Fentanyl-Pflaster ist doch nur ein Pflaster, warum hast du Nebenwirkungen?“
„Vielleicht ist das ja deine Psyche.“
Wisst ihr eigentlich, was Fentanyl ist?
Fentanyl ist kein Hustenbonbon.
Es ist kein „Pflasterchen“.
Es ist kein Wellness-Aufkleber.
Fentanyl ist eines der stärksten Schmerzmittel der Welt.
30- bis 50-fach stärker als Heroin.
Ein Medikament, das für Menschen mit schweren Tumorerkrankungen, schweres Rheuma und ähnlichen schweren Krankheiten oder extremen Schmerzen gedacht ist.
Ein Medikament, das Leben rettet und gleichzeitig zerstören kann, wenn es falsch dosiert wird.
Und manche tun so, als würde ich damit Simulanten-Schach spielen.
Als sei es eine „Ausrede“.
Ein „Luxus“.
Ein psychischer Trick.
Wie respektlos kann man sein?
Warum glauben manche Menschen, sie könnten beurteilen, was ich brauche, was ich fühle, was mein Körper durchmacht?
Es ist schon schwer genug, sich selbst so zu akzeptieren, wie man ist, wenn man krank ist.
Es ist schwer genug, wenn der eigene Körper nicht macht, was man von ihm erwartet.
Wenn jeder Tag ein Balanceakt ist zwischen „Ich will“ und „Ich kann nicht“.
Aber wenn das eigene Umfeld dann auch noch negativ, abwertend oder ignorant ist… dann wird aus Schmerz plötzlich Scham.
Aus Erschöpfung wird Rechtfertigung.
Aus Verletzlichkeit wird Verteidigung.
Und das darf nicht sein.
Warum ich das öffentlich sage?
Nicht, um jemanden anzugreifen.
Nicht, um Schuld zu verteilen.
Nicht, um Streit zu suchen.
Sondern weil wir reden müssen.
Weil wir hinschauen müssen.
Weil viele Menschen gar nicht merken, wie verletzend sie sind – weil „war ja nur ein Spaß“.
Weil die Gesellschaft so viele ungesunde Denkmuster über Menschen mit Behinderung gelernt hat, dass diese Muster unreflektiert weitergegeben werden.
Weil es Zeit ist, Bewusstsein zu schaffen.
Ich mache mich hier verwundbar, nicht um Mitleid zu bekommen, sondern um Verständnis aufzubauen.
Ich rede darüber, weil ich will, dass Menschen nachdenken:
über ihre Worte,
über ihre Witze,
über ihre Annahmen,
über ihre Haltung.
Ich hoffe, dass wenigstens eine Person nach diesem Text sagt:
„Okay… Ich habe nie darüber nachgedacht. Aber jetzt tue ich es.“
Wenn das passiert, hat sich dieser ganze Text gelohnt.
Dann war es richtig, ehrlich zu sein.
Richtig, Grenzen zu setzen.
Richtig, meine Stimme zu benutzen.
Denn Humor darf vieles.
Aber er darf niemals verletzen.
Und Respekt ist kein „Extra“ – es ist das Minimum.
Ich bin ein Mensch.
Mit Gefühlen, Schmerzgrenzen, Humor, Stärke und Schwäche.
Mit einem Körper, der mehr kämpft, als andere sehen.
Mit einer Realität, die niemand beurteilen darf außer mir.
Und ich wünsche mir, dass die Welt das endlich versteht.
Danke, dass du bis hierhin gelesen oder mir im Podcast zugehört hast.
Eventuell hat es etwas in dir bewegt.
Eventuell hast du erkannt, wie viel Macht Worte wirklich haben. Auch deine! Du bist großartig und hast die Macht etwas auf dieser Welt zu bewirken. Glaub an dich. Ich tue es.
Und vielleicht machen wir die Welt gemeinsam ein Stück respektvoller.
Für dich & für mich.
Für alle mit Handicap.
Für alle Menschen.
Für uns alle.
Und wenn du mit mir Kontakt aufnehmen möchtest… schreib mir gerne auf hier in den Kommentaren, auf Spotify als Kommentar oder Instagram & Tiktok. Oder wenn du möchtest komm auf meinem Discord Server. Ich freue mich von dir zu hören. Und antworte bestimmt.
Bis dahin, danke für das ganze letzte Jahr. 2025 hat mich an Stellen berührt, für die ich keine Sprache hatte.
Es war ein Jahr, in dem ich oft nur funktioniert habe.
Nicht mutig, nicht stark – einfach da.
Manchmal war Schreiben das Einzige, was mich gehalten hat.
Danke an euch alle fürs Lesen, Zuhören, Teilen, Kommentieren, Abonnieren
und für die vielen Nachrichten, Rückmeldungen und stillen Zeichen, die mich erreicht haben.
Danke für die Kugelschreiber,
für das Mitdenken, Mitfühlen
und für einen Zusammenhalt, der oft leise war – aber spürbar.
2025 war emotional.
Schwer.
Traurig.
Und gleichzeitig schön.
Eben diese Gleichzeitigkeit,
die das Leben nicht erklärt,
sondern zeigt.
Ich bin dankbar für jede Begegnung auf diesem Weg und für alles, was hier Raum haben durfte – ungefiltert, ehrlich, menschlich.
2025 hat mich nicht geheilt.
Und genau so gehe ich in 2026. Gespannt was auf mich, auf uns zukommt. Aber wir bleiben offen und neugierig.
Ohne große Versprechen.
Ohne die Idee, dass alles leichter wird.
Aber mit der Hoffnung, dass Ehrlichkeit weiterhin tragen darf.
Dass Worte bleiben dürfen, auch wenn sie zittern.
Dass Verbindung nicht perfekt sein muss, um echt zu sein.
Danke, dass ihr mich durch dieses Jahr begleitet habt.
Ich gehe langsam weiter.
Und ich bin dankbar, dass ihr da seid.
Guten Rutsch ins neue Jahr.