Es gibt Dinge im Leben, auf die man sich verlassen kann: dass der Bus immer dann kommt, wenn man gerade keine Schuhe anhat. Dass das Internet immer dann abstürzt, wenn man etwas Wichtiges abschicken will.
Und – mein persönlicher Favorit – dass die Uniklinik immer genau dann organisatorisch komplett auseinanderfällt, wenn man selbst gerade dringend krank, erschöpft oder einfach nur… Mensch ist.
Ich durfte neulich mal wieder meine persönliche Meisterprüfung ablegen: das Überleben des Uniklinik-Organisationschaos.
Eine Disziplin, in der ich inzwischen unfreiwillig Profi bin.
Mein reguläres MRT stand an. Schön geplant, schön eingetragen, alles vorbereitet.
Und wie es das Schicksal so will, sagt die Gesundheit plötzlich: „Äh, nein. Heute nicht!“
Also absagen…. Scheiße!
Ein eigentlich einfaches Vorhaben, oder? Ein kurzer Anruf, ein zwei Sätze, fertig.
Ja… schön wäre es!
Telefonieren? In einer deutschen Uniklinik? Ach, wie niedlich. Nicht im Jahr 2025.
Ich rufe also an.
Die vertraute Stimme: eine Bandansage.
„Wenn Sie zur Neurologie möchten, drücken Sie die 1.
Wenn Sie zur Neuroradiologie möchten, drücken Sie die 2.“
Ich drücke die 1.
Und was sagt das Band?
„Lieber Anrufer, aufgrund von Personalmangel sind wir telefonisch nicht erreichbar. Bitte nutzen Sie unser Kontaktformular auf unserer Homepage.“
Natürlich.
Natürlich bin ich wieder mit einem glorifizierten Anrufbeantworter allein zu Hause.
Denn, warum sollten echte Menschen ans Telefon gehen?!
Wir leben schließlich in einem Land, in dem man laut schreien darf:
„Ausländer raus! Die nehmen uns die Jobs weg!“
Und gleichzeitig sitzt man da und denkt:
Na klar. Deshalb gibt’s hier auch nur Tonbandgeräte statt Personal. Total logisch.
Ironie Ende.
Weil sonst platzt mir der Kragen!
Also mache ich das, was ich inzwischen besser kann als das gesamte Patientenmanagement:
Ich schreibe E-Mails.
Viele E-Mails!
Zu viele E-Mails!
– Radiologie.
– Neurologie.
– Neurochirurgie.
– Patientenmanagement A.
– Patientenmanagement B.
– Patientenmanagement C…
Alle einzeln, versteht sich.
Einzeln.
Weil Abteilungen miteinander reden wäre ja… naja… Arbeit.
Und wofür?
Um zu sagen:
„Hallo! Komme heute nicht.“
Aber damit nicht genug.
Absagen reicht ja nie.
Oh nein, nein, NEIN!
Jetzt brauche ich – natürlich – einen Ersatztermin.
Die Multitasking-Höllenfahrt einer Langzeitpatientin!
Ich schreibe also weiter. Und weiter. Und weiter.
Nebenbei jongliere ich folgende To-Dos, die eigentlich sämtliche Abteilungen miteinander koordinieren müssten, aber klar, das mache ich:
Wenn man es liest, könnte man meinen, ich wäre eine Projektmanagerin mit Vollzeitstelle und drei Assistentinnen.
Aber nein – ich bin die Patientin.
Und zwar im Rollstuhl.
Mit chronischer Erkrankung.
Mit begrenzter Energie.
Mit echten gesundheitlichen Problemen.
Aber hey:
Ich kann Abläufe inzwischen besser erklären als neu eingearbeitetes Klinikpersonal.
Ich bin organisierter als die halbe Klinik.
Ich navigiere diese Bürokratie wie ein Survival-Profi durch einen Dschungel.
Und das alles, obwohl ich – haltet euch fest – Ausländerin bin.
Und meine Rechtschreibung nicht perfekt ist.
Schon verrückt, wozu wir „gefährlichen Ausländer“ fähig sind, nicht wahr?
Ich muss darüber lachen.
Oder weinen.
Ich weiß es nicht. Vielleicht beides gleichzeitig.
Und dabei ist es nicht so, dass die Uniklinik schlecht wäre.
Im Gegenteil:
Die Ärzt*innen dort sind absolute Spitzenklasse.
Ich vertraue ihnen mein Leben an.
Ich möchte nicht wechseln, nicht woanders hin, nicht woanders in Behandlung sein.
Aber stationär dort liegen?
Im Rollstuhl?
Mit Pflegebedarf?
Die reinste Hölle.
Barrierefreiheit ist dort ein Fremdwort.
Zwischenmenschliches?
Ein Konzept, das offenbar in irgendeiner Schreibtischschublade vergraben liegt, zusammen mit dem Budget für mehr Personal.
Warum ich trotzdem bleibe?
Weil meine Ärztin mich kennt.
Weil sie mich ernst nimmt.
Weil sie sich kümmert.
Weil Klinik nicht gleich Klinik ist – und weil die Menschen auf ärztlicher Ebene Gold wert sind.
Der Rest ist… naja… der Rest eben.
Ein System, das zusammenbricht und gleichzeitig den Anspruch hat, perfekt zu funktionieren.
Ein System, das Patienten zwingt, sich selbst zu managen, während gleichzeitig überall behauptet wird, alles sei unter Kontrolle.
Ein System, das chronisch Kranke zu Halb-Organisationsgenies macht, obwohl sie eigentlich nur eines wollen:
gesund werden. Oder wenigstens nicht noch kränker durch den ganzen Stress.
Fazit- Ich bin müde. Ich bin genervt. Ich bin wütend. Aber ich gebe nicht auf.
Weil ich keine Wahl habe.
Weil das System mich dazu zwingt, stärker zu sein, als ich eigentlich sein müsste.
Weil ich gelernt habe, dass man als Patient nicht nur Patient ist – man ist Projektmanager, Kommunikationsschnittstelle, Dokumentationsprofi und Krisenkoordinator.
Alles in einem.
Und doch, bei all dem Chaos, all dem sarkastischen Humor, all der Wut:
Ich bin stolz auf mich.
Stolz, dass ich diesen Wahnsinn überlebe.
Stolz, dass ich mich da durchkämpfe.
Stolz, dass ich mich nicht einschüchtern lasse – weder vom System noch von Vorurteilen.
Denn wenn ich eines gelernt habe, dann das:
Ich passe vielleicht nicht in deren Schubladen, aber ich passe dafür perfekt in meine eigene Stärke.
Und während ich all diesen Klinik-Wahnsinn überlebe, während ich mich durch Kontaktformulare, Terminwirrwarr, Telefonlabyrinthe und Bürokratie-Schluchten kämpfe, merke ich immer wieder:
Das Leben besteht nicht nur aus Überforderung.
Nicht nur aus Krankenhäusern.
Nicht nur aus Diagnosen.
Nicht nur aus dem Gefühl, gegen ein System zu kämpfen, das größer, lauter und schwerer ist als man selbst.
Es besteht auch aus den Momenten dazwischen.
Den leisen.
Den warmen.
Den echten.

Und so saß ich vor ein paar Tagen nervös im Rollstuhl… diesmal nicht im MRT, nicht im CT, nicht im Behandlungsraum, sondern im Piercing-Studio meines Vertrauens und ließ mich tattoovieren.
Das Summen der Maschine war fast beruhigend, ein vertrauter Klang, nur eben nicht aus einer Notaufnahme, sondern aus einem Ort voller Kunst, Kreativität und Herz.
Diesmal lag ich nicht da, weil ich musste.
Sondern weil ich wollte.
Ich ließ mir mein Däumelinchen-Logo stechen.
Ein Tattoo für meinen Blog.
Für meinen Podcast.
Für meine Community.
Ein kleines Symbol dafür, dass ihr – ja, genau ihr – immer bei mir seid.
Auf meiner Haut. In meinem Leben. In meinem Herzen.
Es tat zwischendurch richtig weh…. und gleichzeitig war es ein schöner Schmerz. Ein Schmerz, der nicht Angst machte, sondern Bedeutung hatte.
Mein Tätowierer und die Jungs vom Studio kennen mich schon so lange. Sie haben meine Narben gesehen, meine Veränderungen, meine Hochs, meine Tiefs … und jedes Mal begegnen sie mir mit so viel Liebe, Respekt und Wärme.
Und da war es wieder, dieses Gefühl, das in der Klinik fast unmöglich zu finden ist:
Gesehen werden.
Nicht als Fallnummer.
Nicht als Diagnose.
Sondern als Mensch.
Als ich dann nach Hause kam, passierte etwas, das mich wirklich überwältigt hat:
Nachrichten.
Viele Nachrichten.
Auf verschiedenen Wegen.
Auf TikTok, Instagram, über meinen Blog, meinen Podcast.
So unglaublich liebe Worte, dass ich sie zweimal lesen musste, um sie zu begreifen.
Menschen, die mir schrieben, dass sie sich verstanden fühlen.
Menschen, die sagten, ich gebe ihnen Kraft.
Menschen, die dankbar sind, dass ich offen spreche, ehrlich bin, nicht aufhöre zu kämpfen, auch wenn mir manchmal alles zu viel wird.
Ich?
Euch Kraft geben?
Manchmal denke ich, ich bin doch selbst nur ein kleines, müdes Däumelinchen, das versucht, nicht vom Wind weggeweht zu werden.
Und doch schreibt ihr mir, als wäre ich ein Fels.
Als wäre ich Licht.
Als könnte ich in eurer Dunkelheit eine Kerze anzünden.
Diese Nachrichten… sie haben mich nicht nur berührt.
Sie haben mich getragen.
Gerettet, vielleicht.
Auf jeden Fall gestützt.
Und da wurde mir klar:
All die Kämpfe, all die Tränen, all die Nächte, an denen ich vor lauter Angst nicht schlafen konnte… all das hat mich nicht gebrochen.
Es hat mich geformt.
Und es hat mich mit Menschen verbunden, die ich sonst nie getroffen hätte.
Menschen wie euch.
Manchmal vergesse ich, dass ich nicht nur Patientin bin.
Nicht nur Rollstuhlfahrerin.
Nicht nur chronisch krank.
Nicht nur „Fall XY“.
Ich bin auch:
Eine Frau, die trotz allem tanzt.
Eine Frau, die lacht, selbst wenn das Leben ihr manchmal ins Gesicht brüllt.
Eine Frau, die sich Tattoos stechen lässt, um sich selbst wieder ein Stück zurückzugewinnen.
Eine Frau, die schreibt, um nicht zu zerbrechen.
Eine Frau, die kämpft, auch wenn niemand zuschaut.
Eine Frau, die aufsteht – immer wieder – auch wenn sie eigentlich sitzt.
Ich habe vieles verloren.
Aber nicht mich.
Nicht meine Liebe.
Nicht meine Stärke.
Nicht meinen Humor.
Und ganz sicher nicht die Fähigkeit, über all dieses Chaos zu lachen.
Denn ohne Humor wäre ich vermutlich längst irre geworden.
Und während ich hier sitze, zwischen Müdigkeit und Mut, zwischen Wut und Hoffnung, zwischen Arztbriefen und kleinen Glücksmomenten, weiß ich eines ganz sicher:
Ich bin nicht allein.
Ihr seid da.
Mit euren Nachrichten, euren Herzen, euren Worten, euren Gedanken.
Und dieses neue Tattoo, mein kleines Däumelinchen auf meiner Haut, ist ab jetzt nicht nur ein Motiv.
Es ist ein Versprechen.
Ein Zeichen.
Ein Danke.
Ein „Ich trage euch mit“.
Ein „Wir schaffen das gemeinsam“.
Egal, wie chaotisch das System ist.
Egal, wie kompliziert mein Körper ist.
Egal, wie viele Hürden noch kommen.
Ich gehe weiter.
Mit euch.
Für euch.
Und vor allem: für mich.
Danke, dass ihr mich seht.
Danke, dass ihr bleibt.
Danke, dass ihr mir zeigt:
Selbst in einem kaputten System kann etwas Wunderschönes entstehen… nämlich Gemeinschaft.
Und dafür hab ich euch gern.
Von ganzem Herzen
Ich wünsche Euch wunderschöne Weihnachten.
Besinnliche Zeit mit Euren Lieben.
Aber verbiegt Euch nicht, es ist nur Weihnachten.

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8 Antworten zu “Willkommen im Uniklinik-Bermudadreieck”
Du bringst so viel Freude, Kraft und Zuversicht in die Welt – vielen Dank dafür und alles erdenklich gute für Dich.
Franci
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Dankeschön für deine Lieben Worte. Ebenfalls alles Gute für Dich und wunderschöne Weihnachten
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Dankeschön für deine lieben Worte
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Gerne. Man sieht gar nicht, dass der Kommentar von mir war. 😳🤔
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Ja, hab mich schon gewundert wer das war. Dachte da möchte jemand anonyme bleiben
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Ich war’s. Ich ganz allein.😇
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Du lieber ♡
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Ich wünsche dir auch schöne Weihnachten. Schönes Tatoo. Meine Lieblingsfigur aus Guardiens of the Galaxy, der ein Bild hält von einer wirklich GROSSEN Bloggerin hält.
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