Schweigen ist keine Option


Eigentlich hatte ich etwas ganz anderes vor.
Ein Text, den ich fertig schreiben wollte. Einer, der sanft ist, leise, nachdenklich.
Er heißt „Eine Mutter trägt die Welt in sich“ und er erzählt von Liebe, von Dankbarkeit, von Verlust.
Von der unermesslichen Kraft, die in Müttern steckt.
Von Herzen, die doppelt fühlen, und Händen, die Halt geben, selbst wenn sie selbst längst leer sind.

Es ist ein Text voller Bewunderung, aber auch voller Schmerz.
Denn zwischen all der Zärtlichkeit liegt eine tiefe, beständige Traurigkeit:
die Traurigkeit darüber, selbst nie Mutter werden zu können.
Nicht aus Neid, nicht aus Bitterkeit…. sondern aus diesem stillen Schmerz, der einfach da ist, wie ein Schatten, der bleibt, auch wenn die Sonne wieder scheint.

Ich wollte diesen Text teilen. Ich wollte Trost schenken.
Ich wollte zeigen, dass Liebe so viele Formen hat.
Dass man Leben tragen kann… in Gedanken, in Fürsorge, in den kleinen Gesten des Alltags.
Dass nicht nur, wer ein Kind gebiert, Leben in sich trägt, sondern auch jene, die lieben, trösten, hoffen.
Doch dann… kam etwas dazwischen.

Etwas, das lauter ist als meine leisen Worte.
Etwas, das mich zwingt, zu reden.
Etwas, das mich wütend, traurig und unruhig macht.

Und deshalb veröffentliche ich diesen Text nicht heute.
Weil es heute nicht nur um mich geht.
Heute geht es um uns.
Um Frauen.
Um Menschlichkeit.
Um Würde.
Um Angst.
Und um die verdammte Notwendigkeit, endlich wieder laut zu werden.

In Frankreich ist vor kurzem ein neues Gesetz in Kraft getreten.
Ein Gesetz, das eigentlich selbstverständlich sein sollte:
Sex ohne ein eindeutiges „Ja“ von allen Beteiligten gilt dort nun als Vergewaltigung.
Kein „Vielleicht“. Kein
„Aber sie hat doch nicht Nein gesagt“.
Kein verdrehtes Auslegen.
Einfach nur:
Wenn kein Ja da ist…. dann ist es Gewalt.
Punkt.

Und während ich das lese, fühle ich zwei Dinge gleichzeitig:
Erleichterung – weil endlich jemand verstanden hat, worum es geht.
Und Wut… weil ich in einem Land lebe, in dem der Bundeskanzler, der uns heute regiert, einst gegen das Vergewaltigungsverbot in der Ehe gestimmt hat.

Lies das ruhig nochmal.
Gegen.
Ein Vergewaltigungsverbot In der Ehe.
Er hatte damals die Chance, Geschichte zu verändern.
Er hätte sich auf die Seite der Töchter, Mütter, Schwestern stellen können.
Und er tat es nicht.

Heute steht er an der Spitze des Landes und versteckt sich hinter genau den Frauen, deren Schutz er einst abgelehnt hat.
Und ich? Ich weiß nicht, ob ich schreien, weinen oder einfach nur noch still sein soll.
Ich würde am liebsten kotzen. Vor Wut, vor Ekel, vor Ohnmacht.

Ich bin nur eine kleine Bloggerin, das weiß ich.
Ich sitze in meinem Rollstuhl, schreibe Texte, streame, rede mit meiner kleinen Community.
Und trotzdem bilde ich mir manchmal ein, ein winziges Stück dieser Welt verändern zu können.
Vielleicht durch Worte.
Vielleicht durch Ehrlichkeit.
Vielleicht, weil ich nicht anders kann, als zu fühlen und zu sprechen, auch wenn meine Stimme zittert.

Aber heute reicht es nicht, still zu sein.
Heute muss ich laut sein… auch wenn ich das eigentlich gar nicht will.
Ich bin schüchtern, ja. Ich rede nicht gern über Sex, nicht über Gewalt.
Aber ich kann nicht mehr den Mund halten.
Denn wie lange sollen wir noch warten, bis uns jemand zuhört?
Wie viele Frauen müssen noch schreien, bis jemand merkt, dass ihre Stimmen keine Einzelfälle sind?

Wir Frauen kämpfen seit Generationen.
Wir haben Mauern eingerissen, Rechte erstritten, Stimmen erhoben, selbst wenn es gefährlich war.
Und doch – so fühlt es sich an – gehen wir gerade wieder rückwärts.
Schleichend, still, kaum merklich.
Doch der Wind dreht sich.
Und er weht kalt.

Ich habe Angst.
Nicht die Angst vor dem Stadtbild, nicht vor der Dunkelheit draußen… sondern vor der Dunkelheit, die sich in der Gesellschaft breitmacht.
Vor der Politik, die wegsieht.
Vor dem Schweigen, das Zustimmung bedeutet.
Vor der Normalität, in der Frauenhass wieder salonfähig wird.

Ich habe Angst, weil ich weiß, was Schmerz bedeutet.
Weil ich gesehen habe, was Verlust anrichten kann.
Weil ich fühle, wie schnell sich Sicherheit in Unsicherheit verwandelt.
Und ich weiß, ich bin nicht allein damit.

Wir dürfen nicht leise werden.
Nicht jetzt, wo es wichtiger ist als je zuvor, laut zu bleiben.
Wir müssen aufstehen… für unsere Mütter, für unsere Schwestern, für unsere Freundinnen, für unsere Töchter. Für uns Selbst!
Für alle, die keine Stimme mehr haben oder nie eine bekommen haben.
Für alle, die sich nachts die Ohren zuhalten, weil sie die Welt nicht mehr hören können.

„Eine Mutter trägt die Welt in sich“… das bleibt ein Text über Liebe.
Aber vielleicht ist dieser hier ein Text über Mut.
Mut, das Herz offen zu legen, auch wenn es weh tut.
Mut, unbequem zu sein.
Mut, nicht aufzuhören zu hoffen, auch wenn alles in einem schreit.

Ich glaube, wir alle tragen die Welt in uns… auf unsere Weise.
Manche gebären Leben, andere halten es fest.
Manche trösten, andere kämpfen, andere schreiben.
Aber am Ende geht es immer um das Gleiche:
um Liebe.
Um Würde.
Um das Recht, gesehen und gehört zu werden… als Mensch.

Also bitte, Welt… hör uns endlich zu.
Wir sind nicht hysterisch. Wir sind nicht empfindlich.
Wir sind wach.
Und wir sind müde.
Müde davon, uns immer wieder rechtfertigen zu müssen für unsere Angst, unsere Wut, unsere Stimmen.

Vielleicht bin ich nur eine kleine Bloggerin.
Aber ich schreibe weiter.
Für mich. Für dich. Für alle, die nicht mehr können.
Denn Worte sind auch eine Form des Widerstands.

Und manchmal beginnt Veränderung genau dort:
in einem Satz, den jemand mit bebender Hand schreibt und sagt….
weil Schweigen einfach keine Option mehr ist.

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