Man sagt, es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck. Doch manchmal wünsche ich mir, das Leben würde uns genau diese zweite Chance schenken, nicht, um andere zu beeindrucken, sondern um uns selbst neu zu begegnen.
Ich wünschte, ich könnte meine Augen schließen und die Zeit zurückdrehen, zurück zu dieser kleinen Tür im Kinderzimmer, hinter der Mini Däumi sitzt. Dieses kleine Ich, mit leuchtenden Augen, voller Vertrauen, voller Sehnsucht nach einem Leben, das noch unschuldig, ungebrochen und grenzenlos scheint. Ich sehe sie dort, mit ihren Träumen, die wie bunte Seifenblasen in der Luft tanzen, mit ihrem Herzen, das noch glaubt, dass die Welt gut ist.
Wie gerne würde ich heute zu ihr gehen, mich zu ihr setzen, ihr die Hand hin halten und ihr erzählen, wer wir geworden sind. Dass wir Narben tragen, manche die man sieht und viele die niemand sieht, dass wir Kämpfe bestanden haben, die niemand gefeiert hat. Dass wir Siege errungen haben, nicht auf Bühnen, ohne Medaillen und nicht mit Applaus, sondern leise, mitten in der Dunkelheit. Ich würde sie fragen: Bist du stolz auf uns? Magst du die Frau, die wir geworden sind?
Oft sehne ich mich danach, dass sie mich zurückholt, an den Ort, wo Sicherheit selbstverständlich war, wo Gebete wie Umarmungen klangen, wo Vertrauen stärker war als jeder Zweifel. Doch seit 28 Jahren sitzt Mini Däumi hinter der Tür und hält sie fest verschlossen. Vielleicht hält sie sie zu aus Angst. Vielleicht, weil die Welt draußen zu laut, zu schwer, zu fordernd wurde.
Und doch weiß ich tief in mir: Der größte Schmerz ist nicht der Verlust, sondern die Sehnsucht. Die Sehnsucht nach Heimat. Nach Halt. Nach dem unschuldigen Teil von uns, den wir verloren glaubten. Doch niemand außer mir selbst kann Mini Däumi retten. Niemand außer mir kann die Tür öffnen.
Sie, ich, wir.
Wir sind eins.
Wir müssen uns selbst die Hand reichen.
Denn auch wenn die Tür noch zu ist, weiß ich: Dahinter sitzt jemand, der geliebt wird. Mini Däumi ist geliebt. Von mir. Heute. Hier. Jetzt. Und vielleicht ist das genug, um die Risse langsam heilen zu lassen, die Angst leiser zu machen, die Dunkelheit Stück für Stück zu durchbrechen.
Also schließe ich die Augen. Ich atme tief ein. Ich rieche den warmen, bittersüßen Duft von Minztee, von frisch gebackenem Fladenbrot, von dem Duft des Saharastaubs und dem Meer, der mich an Algerien erinnert… an Wurzeln, an Heimat, an Familie und an Geborgenheit. Ich stelle mir vor, wie ich mich selbst in die Arme nehme – sanft, geduldig, zärtlich. In diesem Augenblick bin ich nicht mehr allein. Ich bin wieder ganz. Nicht nur ich, sondern wir beide: das Kind hinter der Tür und die Frau, die heute hier steht.
Wir sind eins. Wir sind Liebe. Wir sind genug.
Und auch wenn unsere Stimme noch manchmal leise fast flüsternd und unsicher klingt, werden wir sie nicht mehr verlieren. Wir holen sie Stück für Stück zurück. Wir holen unsere Träume zurück. Wir holen uns selbst zurück.
Denn wir haben gekämpft. Wir sind geblieben. Wir haben nicht aufgegeben – auch nicht zwischen den Schatten unserer Erinnerungen. Und heute dürfen wir endlich sagen:
Wir sind stolz. Stolz auf die Frau, die wir geworden sind. Stolz auf das Kind, das nie aufgegeben hat. Stolz auf uns.
Man sagt, die Wunden der Kindheit tragen wir unser Leben lang mit uns. Doch ich glaube, sie sind nicht nur Wunden, sie sind auch Landkarten.
Landkarten, die uns zeigen, wo wir herkommen, welche Wege wir gegangen sind und welche Stärke wir daraus geschöpft haben.
Mini Däumi, auch wenn du dich manchmal noch hinter deiner Tür versteckst, weiß ich: Du hast uns nie wirklich verlassen. Du warst immer da – in jedem Lächeln, das wir trotz Tränen geschenkt haben, in jedem „weiter“, das wir gesagt haben, auch wenn wir kaum noch konnten, in jedem Stück Hoffnung, das wir uns nicht haben nehmen lassen.
Ich möchte uns heute sagen: Du, wir müssen keine Angst mehr haben. Du musst nicht mehr kämpfen, um gesehen zu werden, Mini Däumi. Ich sehe uns. Ich höre uns. Ich liebe uns. Mit all unseren Ecken, mit all unserer Schüchternheit, mit all unserer zerbrechlichen Träumen. Und weißt du was? Wir haben so vieles geschafft, was du dir damals nicht einmal zu hoffen getraut hättest.
Wir sind gewachsen, wir haben gelitten, wir haben verloren und doch haben wir immer wieder Licht gefunden. Vielleicht nicht das grelle, strahlende Licht, das alle sehen. Aber ein sanftes, stilles Licht in uns, das uns den Weg weist. Dieses Licht sind wir.
Und jetzt, heute, hier möchte ich uns etwas versprechen: Ich werde dich nie wieder alleine lassen. Ich werde dich halten, wenn die Welt zu laut ist. Ich werde deine Tränen trocknen, wenn die Nächte zu schwer werden. Und ich werde dich feiern, wenn du lachst, wenn du tanzt, wenn du lebst. Denn wir beide verdienen nicht weniger als Liebe.
Vielleicht ist unser Happy End kein Märchen, kein Knall, kein großes Feuerwerk. Vielleicht ist unser Happy End leise, warm, heilend. Vielleicht ist es die Umarmung zwischen dir und mir, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die uns endlich Frieden schenkt.
