Liebe in Zeiten von Krebs

Bei Gute Zeiten, schlechte Zeiten ist gerade Krebs ein Thema.
Die Figur Tobias kämpft mit einer Krebsdiagnose, durchläuft Chemotherapie, verliert Haare, ringt mit sich – und sagt lange niemandem etwas davon. Nicht, weil es ihm egal ist.
Sondern weil er kein Mitleid will.

Und plötzlich sitzt du da, auf deinem Sofa, schaust eigentlich eine Serie, die für Unterhaltung gedacht war – und alles in dir beginnt zu beben.
Weil du nicht mehr nur Zuschauerin bist.
Weil die Bilder auf dem Bildschirm wie ein Echo in dir klingen.

Mein Mann schaut mit.
Nicht, weil es seine Lieblingsserie ist. Ganz im Gegenteil.
Aber er schaut, weil ich schaue.
Und weil diese Storyline uns beide mehr trifft, als wir es zugeben wollen.

Die Gespräche mit den Ärzten, die Unsicherheit, das Aushalten von Blutwerten, das Warten, das Googeln zwischen den Terminen, die Kontrollverluste und die Angst.
Die Entscheidung für oder gegen Perücke, der Moment, wenn beim Bürsten auf einmal Haare in der Hand bleiben.
Der Versuch, dem Körper mit „guter“ Ernährung zu helfen, obwohl er sich sowieso anfühlt wie ein Schlachtfeld.
Es ist plötzlich alles wieder da.

Nach einer dieser Folgen saß mein Mann kurz still neben mir.
Dann sah er mich an und sagte leise:
„Es ist total schräg, das von außen zu sehen. Was sagt das über uns?“

Was sagt es wirklich über uns?
Dass wir gelernt haben, mit dieser Krankheit zu leben, als wäre sie ein Mitbewohner, der nie auszieht.
Dass wir manchmal lachen, während der Schmerz noch im Nebenraum sitzt.
Dass wir weitermachen.
Nicht, weil wir besonders stark sind.
Sondern, weil wir keine andere Wahl haben.

2019 – kurz vor meiner Operation.
Die Angst war greifbar, sogar der Tod stand kurz im Türrahmen.
Niemand wusste, ob ich überlebe.
Und plötzlich meldeten sich Menschen, mit denen ich längst abgeschlossen hatte.
Verstrittene Freunde.
Stille Kontakte.
Die Krankheit rief sie zurück.
Ein paar Tage. Ein paar Worte.
Aber nicht alle blieben.

Nur einer ist immer geblieben: mein Mann.
Und das, obwohl ich ihm gleich beim Kennenlernen vom Krebs erzählt habe.
Nicht, weil ich wollte, dass er flüchtet.
Aber weil ich dachte, dass er es sowieso tun würde.

Doch er ist geblieben.
Bis heute.

Und nicht irgendwie.
Er geht normal mit mir um.
Er behandelt mich nicht wie rohes Glas.
Er streitet mit mir, wenn ich anstrengend bin.
Er kritisiert mich, wenn ich Mist baue.
Und gleichzeitig sagt er:
„Ich hab jeden Tag Angst, dass du bald stirbst, aber kann trotzdem richtig sauer auf dich sein.“

Das klingt vielleicht seltsam.
Aber genau das ist unsere Liebe.
Echt. Direkt. Unverstellt.

Wir zerdenken nichts.
Wir zählen keine Tage.
Wir schreiben keine Bucket Lists.
Wir leben.
Und wir lieben.

Das ist keine kitschige Romanze.
Das ist ein Alltag, in dem manchmal Tränen neben dem Wäschekorb landen.
Ein Küchentisch, an dem Medikamente zwischen Kaffeetassen stehen.
Ein Kuss zwischen zwei Kontrollterminen.
Und ein „Ich liebe dich“, obwohl der Tag schwer war.

Meine Krankheit ist Teil unseres Lebens.
Aber sie ist nicht das Zentrum.
Wir haben uns entschieden, sie mitzunehmen, aber nicht regieren zu lassen.

Diese Geschichte bei GZSZ hat mir das noch einmal gezeigt.
Wie besonders das ist, was wir haben.
Wie stark mein Mann ist.
Und wie viel Stärke manchmal in einer simplen Umarmung liegt.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit wir haben.
Aber wer weiß das schon?
Ich weiß nur:
Solange wir sie haben,
leben wir sie.
Laut. Zärtlich. Unvollkommen.
Aber gemeinsam.

Und das,
ist für mich das größte Geschenk.

Es sind nicht nur die großen Momente, die bleiben.
Es ist nicht nur die Diagnose, die alles verändert hat.
Es sind die leisen Szenen, die sich eingebrannt haben.

Ich erinnere mich an einen Morgen im Krankenhaus.
Schlauch im Arm, Tropf neben mir, schwacher Kreislauf.
Und er sitzt da – mein
Mann – in diesem viel zu unbequemen Besucherstuhl.
Hat eine Cola in der einen Hand und meine kalte, zitternde Hand in der anderen.
Er sagt nichts Großes.
Er erzählt mir, was auf dem Weg zu mir passiert ist, welcher Nachbar Zuhause mal wieder genervt hat.
Und das tut gut.
Weil es normal ist.
Weil ich für einen Moment nicht die Patientin bin.
Sondern einfach nur ich.

Die größte Nähe entsteht oft zwischen zwei Atemzügen, wenn niemand etwas sagen muss.
Wenn man einfach nur da ist.
Aushält.
Sich gegenseitig aushält – auch das Hässliche, das Schmerzhafte, das Ungerechte.

Wir haben gelernt, uns anders zu berühren.
Nicht nur mit Händen.
Sondern mit Geduld. Mit Blicken. Mit Mitgefühl.

Manchmal ist Intimität keine Berührung,
sondern der Moment, wenn er mir nach dem Duschen die Narbe eincremt.
Wenn er ohne ein Wort erkennt, dass ich zu erschöpft bin.
Wenn er mir die Suppe kocht und mir den Löffel zum Mund führt, obwohl ich am Abend davor schroff war.
Wenn ich in seiner Umarmung das erste Mal am Tag ausatme.

Es ist schwer, das Außen zu erklären, was das Innen bedeutet.
Was es heißt, wenn du
liebst – und gleichzeitig weißt, dass du vielleicht früher Abschied nehmen musst als andere.
Was es heißt, wenn dein Körper dich im Stich lässt,
aber dein Herz noch so sehr leben will.
Und jemand neben dir steht und sagt:
„Ich bleib. Auch wenn’s schwer ist.“

Wir reden nicht jeden Tag über Angst.
Aber sie ist da.
Immer.
Manchmal zwischen zwei Witzen.
Manchmal nachts, wenn ich wach werde und sein Atem das Einzige ist, das mich beruhigt.
Manchmal bei den Arztbriefen, die so kühl formuliert sind, aber in unseren Köpfen Stürme auslösen.

Und trotzdem:
Wir lachen.
Viel sogar.
Über Unsinn. Über Alltag. Über uns und schlechte Serien.

Denn Krankheit hat uns nicht gestohlen, wer wir sind.
Sie hat uns nur erinnert, wie kostbar das Leben ist, wenn es nicht selbstverständlich ist.

Und weißt du, was das Schönste ist?
Dass wir nicht „trotz der Krankheit“ leben.
Sondern mit ihr – und trotzdem voller Liebe.
Vielleicht nicht so wie andere.
Aber vielleicht genau deshalb so echt.

Viele sagen, Kommunikation sei der Schlüssel.
Bei uns ist sie das Fundament.
Wir haben früh entschieden: Keine Geheimnisse. Keine Masken. Keine halben Wahrheiten.
Nicht, weil es immer leicht ist, ehrlich zu sein.
Sondern weil alles andere uns kaputt machen würde.

Wir sprechen.
Über die Angst. Über Wut. Über Wünsche.
Aber auch über Banalitäten, über Lieblingssongs, über Serienfolgen, die uns zum Lachen bringen.
Nichts bleibt unausgesprochen – auch wenn es unbequem ist.
Gerade dann.

Manchmal reden wir nachts, im Dunkeln.
Weil sich manche Dinge leichter sagen lassen, wenn die Welt still ist.
Wenn alles ruhiger wirkt, und nur noch unsere Stimmen da sind.
Wir diskutieren.
Manchmal heftig.
Aber wir gehen nie im Streit schlafen.
Niemals.
Nicht, weil wir perfekt sind.
Sondern weil wir wissen, wie kostbar Zeit ist.
Weil wir gelernt haben, wie zerbrechlich Nähe sein kann,
und dass ein falsches Schweigen manchmal mehr zerstört als tausend Worte.

Unsere Beziehung hat keine glänzenden Filter.
Aber sie hat Rituale, die uns tragen.
Unsere Nachtspaziergänge, zum Beispiel.
Wenn andere längst schlafen, gehen wir Hand in Hand durch die Dunkelheit.
Manchmal reden wir viel, manchmal schweigen wir.
Aber wir sind zusammen unterwegs – im wörtlichen und im übertragenen Sinn.

Wir hören Musik.
Singen mit. Laut, falsch, aber voller Gefühl.
Es gibt Lieder, die sind wie kleine Zeitkapseln.
Sie erinnern uns an erste Blicke, schwere Tage, große Träume.
Manchmal weinen wir beim Hören, manchmal lachen wir so sehr, dass wir fast keine Luft kriegen.

Und ja – wir lachen.
Trotz allem.
Über uns, über das Leben, über die Ironie, dass man sich selbst im Chaos noch verlieben
kann – immer wieder neu.
Wir kuscheln. Viel.
Denn Körperkontakt ist für uns kein Trostpflaster, sondern eine Sprache.
Eine Form zu sagen:
„Ich bin da. Immer noch. Immer wieder.“

Wir haben einen Deal:
Keiner verlässt die Wohnung im Streit.
Kein Türknallen, kein Rückzug.
Wenn wir auseinandergehen, auch nur für ein paar Stunden, dann mit einem Kuss, einem Satz, einem Blick, der klar macht:
„Du bist mir wichtig. Auch wenn’s gerade kracht.“

Diese Offenheit schützt uns.
Nicht vor dem Schmerz.
Aber davor, uns im Schmerz zu verlieren.

Es gibt keine Garantie, dass alles gut wird.
Aber es gibt die Gewissheit, dass wir einander haben – ganz, ehrlich, unverstellt.
Und vielleicht ist das in einer Welt voller Unsicherheiten das Mutigste, was zwei Menschen sich geben können:
Die Wahrheit. Und ein Zuhause im Herzen des anderen.

Wir Träumen, trotz allem…

Wir wissen, dass viele unserer Träume unrealistisch sind.
Wir wissen, dass unser Leben nicht einfach ist –
nicht mit meiner Krankheit,
nicht mit seinem Rheuma,
nicht mit all den Arztbriefen, Medikamentenplänen und Einschränkungen.
Unser Alltag ist oft mehr Therapie als Freizeit,
mehr Planung als Spontanität,
mehr Aushalten als Aufbrechen.

Und doch:
Wir träumen.
Vielleicht nicht wie andere.
Aber dafür mit dem Herzen.

Manchmal, nachts, liegen wir nebeneinander und spinnen Zukunft aus Sternenstaub.
Ein Hotel mit Pool.
All-Inclusive.
Ein Ort, an dem wir nicht ständig erklären müssen, warum wir so sind, wie wir sind.
Wo der Alltag Pause macht und nur wir zählen.

Wir waren noch nie im Urlaub.
Nicht einen einzigen.
Aber wenn wir träumen – dann groß.
Norwegen, mit seinen stillen Fjorden.
Kanada, mit endlosen Wäldern, in denen man sich selbst wiederfinden könnte.
Afrika, wild und voller Leben.
Und die USA, mit all ihrer Widersprüchlichkeit, aber auch all ihrer Weite.

Und manchmal – ganz heimlich – sprechen wir sogar von einer Kreuzfahrt.
So kitschig, so riesig, so weit weg von allem.
Ein schwimmendes Zuhause auf Zeit.
Mit Sonnenuntergängen auf Deck
und Gesprächen unter fremdem Himmel.

Es gibt Tage, da fühlen sich diese Träume weit entfernt an.
Fast unerreichbar.
Aber sie geben uns etwas, das kein Medikament der Welt kann:
Hoffnung. Richtung. Verbindung.

Denn wenn wir träumen, dann träumen wir zusammen.
Nicht nur vom Ort, sondern von dem Gefühl, das wir dort hätten:
Leichtigkeit.
Normalität.
Liebe, ohne Termine im Nacken.
Leben, ohne ständig gegen den Körper zu kämpfen.

Und weißt du was?
Irgendwann machen wir das.
Unseren ersten Urlaub.
Trotz allem.
Vielleicht dauert es.
Vielleicht wird er nicht perfekt.
Vielleicht müssen wir Kompromisse machen.
Aber wir werden fahren.
Oder fliegen. Oder rollen.
Ganz egal – wir werden losgehen.

Denn wenn die Welt uns schon so viel nimmt,
dann dürfen wir wenigstens eines behalten:
Unsere Träume.
Und den festen Glauben daran,
dass auch wir sie leben dürfen

3 Antworten zu “Liebe in Zeiten von Krebs”

  1. Ein sehr schöner Beitrag.
    Ich habe in einem deiner letzten Beiträge gelesen, dass du dich entschlossen hattest, wo anders hin zu gehen. Ich könnte diese Entscheidung vollkommen verstehen, denn ich kann mir vorstellen, dass es anstrengend ist, wenn man einen Menschen pflegen will. Du bist die Person die die Pflege braucht und wie gesagt, ich könnte deine Entscheidung verstehen, wenn du sagst, dass du in Zukunft paliativ versorgt werden möchtest. Zu dem oben beschriebenen Text steht diese Entscheidung im Gegensatz? Ja, Nein, ich weiß nicht.
    Ich habe keine Ahnung, in wie weit du darüber entscheiden möchtest, wann die Grenze in Sachen Pflege für deinen Mann gekommen ist. Ansonsten müsstest du mir bitte noch einmal erklären, warum du sonst diesen Weg wählen möchtest.
    Er hat ja zu dir gesagt, obwohl er wusste, welche Krankheit du hast. Er ist da, wenn du ihn brauchst. Er kennt deine Macken. Er bringt dich zum Lachen. Er kennt deine Träume.
    Was wäre, wenn du deine Entscheidung durchziehen würdest? Gäbe es all die Sachen, die du genannt hast noch immer? Du bist ein besonderer Mensch und dein Mann ebenfalls.

    Gefällt 1 Person

    • Du lieber! Danke für deine Worte.
      Zur Palliativ zu gehen ist keine Entscheidung, die ich alleine treffe, sondern meine Ärzte. Es geht nicht darum, Palliativ stationär zu sein und zu sterben, sondern nicht mehr mit den Ärzten eine „Heilung“ zu suchen und zu akzeptieren, irgendwann zu sterben. Mein Tumor wächst langsam, und ich habe beschlossen, ich werde 42 Jahre alt. Das sind noch 5 Jahre, aber es könnten auch mehr werden. Das weiß niemand. Aber Palliativ betreut zu werden, bringt neue, andere Medikamente, weniger Schmerzen, bessere Pflegeunterstützung, bessere Psychologen etc. Und auch meine Familie kann Hilfe darüber bekommen, wenn sie möchte. Mit jemandem reden ist wichtig. Aber vorerst bleibe ich zu Hause und erlebe noch kleine Abenteuer mit meinem Mann.

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