Wenn Welten auseinandergehen

Es ist ein leiser Bruch, kaum hörbar für die meisten – und doch tief, einschneidend und unumkehrbar. Wenn man mit einer langjährigen chronischen Erkrankung lebt, in meinem Fall Krebs, verändert sich das Leben – grundlegend, im ersten Moment radikal, still. Es geschieht über Nacht, aber das erkennen, was sich verändert hat geschieht wie eine langsame Verschiebung der Erdplatten: Man wacht irgendwann auf und merkt, dass man sich in einer anderen Welt befindet als die meisten Menschen um einen herum.

Während andere um mich herum Familien gründen, Urlaube planen, Häuser bauen oder über berufliche Ziele philosophieren, kämpfe ich oft schlicht darum, durch den Tag zu kommen. Ich messe nicht in Erfolgen, sondern in Kraftreserven. In Momenten, in denen ich mich stabil fühle. In Stunden, in denen der Schmerz nicht dominiert oder die Übelkeit mich nicht lähmt. Es sind keine riesigen Siege. Es sind kleine Triumphe. Aufstehen, duschen, etwas essen. Es klingt banal – für viele unvorstellbar, für mich ein Balanceakt auf dünnem Seil.

Was viele vergessen: Es ist nicht nur die Krankheit selbst, die belastet. Es ist alles, was sie mit sich bringt. Die Nebenwirkungen, die Behandlungen, die Medikamente – und die Nebenwirkungen dieser Medikamente. Ein ewiger Kreislauf. Du nimmst etwas gegen das eine, und dein Körper muss gleichzeitig das andere wieder kompensieren. Es ist nie still im eigenen System. Nie einfach. Nie vorbei.

Doch manchmal ist es nicht der Schmerz im Körper, der am meisten schmerzt, sondern die Leere im Außen. Das soziale Umfeld verändert sich. Nicht immer mit böser Absicht – aber schleichend. Freunde, die sich entfernen. Menschen, die nicht wissen, wie sie mit der Krankheit umgehen sollen oder es einfach nicht mehr ertragen. Es ist das Nicht-Verstanden-Werden, das besonders schwer wiegt. Das Gefühl, sich immer wieder erklären zu müssen. Rechtfertigen, warum man nicht kann. Warum man nicht antwortet. Warum man sich zurückzieht. Und warum man manchmal selbst nicht weiß, was los ist, weil der eigene Körper längst zum Feind geworden ist.

Ich höre dann Dinge wie:
„Du meldest dich nicht mehr.“
„Wir haben uns so lange nicht gesehen.“
„Komm doch einfach mal mit.“

Aber das „einfach mal“ ist für Menschen wie mich eben nicht einfach. Ein Arzttermin in der Woche kann körperlich und seelisch so fordernd sein, dass ich den Rest der Woche brauche, um mich davon zu erholen. Planen ist anstrengend. Flexibilität ein Privileg, das mein Zustand oft nicht zulässt. Es fühlt sich manchmal an, als müsste ich ständig zwischen meinem Schmerz und der Erwartungshaltung anderer vermitteln. Als hätte ich einen Übersetzer nötig, um der Welt zu erklären, warum ich nicht so funktioniere wie andere. Warum ich anders bin.

Und dann kommt das Schweigen. Von jenen, die nicht wissen, was sie sagen sollen. Die sich überfordert fühlen. Oder denken, sie würden eh nichts richtig machen können. Aber genau da liegt das Missverständnis: Ich erwarte keine großen Worte. Keine heilenden Sätze oder klugen Ratschläge. Ich brauche keine durchgetakteten Besuche oder Mitleid, das in Hilflosigkeit verpackt ist. Was ich mir wünsche, ist Mitmenschlichkeit. Ehrlichkeit. Kleine Gesten.

Sag einfach:
„Ich weiß nicht, was ich sagen soll – aber ich bin da.“
Melde dich, auch wenn ich nicht sofort zurückschreibe.
Frage nicht immer nur nach dem Gesundheitsstand – frage auch nach dem Tag, dem Herzen, der Seele.

Oft fehlt nicht die Zeit, sondern der Mut zur echten Nähe. Doch die Welt, in der ich lebe, ist nicht weniger wert. Sie ist nur stiller. Verletzlicher. Und manchmal verdammt einsam.

Was niemand sieht: Die stillen Kämpfe. Die Tränen nachts. Die Angst vor Rückfällen. Die Unsicherheit bei jedem neuen Zwicken im Körper. Die Gespräche mit Ärzten, die Blicke auf Blutwerte, die Hoffnungen, die man leise in sich trägt, um sie nicht wieder zerbrechen zu sehen.

Es ist eine andere Realität – ja. Eine, in der man täglich verliert und doch weitergeht. In der man keine Kraft hat, aber trotzdem aufsteht. In der man wenig erwarten darf, aber dennoch hofft.

Wenn Welten auseinandergehen, braucht es Brücken. Keine perfekten. Nur ehrliche. Menschliche. Brücken aus Zuhören, Dasein, Mittragen.

Denn auch wenn wir in verschiedenen Welten leben – Herz ist Herz. Und Nähe bleibt Nähe.

Eine Antwort zu “Wenn Welten auseinandergehen”

  1. Ha, heute bin ich über das Wasser gefahren, an dem du kürzlich nachts gestanden hast. Könnte sein, dass es die ganze Zeit unterwegs war. Von dir, zu mir. Nun gut, nicht alles. Vielleicht ein Tropfen, vielleicht auch nur ein Atom. Immerhin. 😉

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