Wieder einmal möchte ich etwas sagen, was viele nicht aussprechen.
Wieder einmal möchte ich ein Tabuthema aufbrechen, weil Schweigen keine Erleichterung bringt.
Wieder einmal geht es nicht darum, Mitleid zu erregen oder jemandem Vorwürfe zu machen.
Es geht darum, gesehen zu werden – wirklich gesehen. So wie es ist. Nicht wie es sein sollte.
Ich lebe mit einer Querschnittslähmung. Das klingt für viele nach einem klaren Bild: Rollstuhl, vielleicht ein paar Hilfsmittel, aber „sie kommt ja klar“.
Was kaum jemand versteht: Die Querschnittslähmung betrifft nicht nur das Laufen. Sie betrifft auch meinen Darm. Meine Blase. Meine Selbstbestimmung. Meine Würde.
Ich kann nicht einfach zur Toilette gehen, wenn ich muss. Ich muss es planen. Ja, planen – die Entleerung.
Ich brauche Zeit, Hilfsmittel, manchmal Hilfe von anderen. Es ist intim, unangenehm, und es ist so unfassbar entwürdigend, wenn es schiefgeht. Und es geht oft schief.
Die Spastik, die mein Körper regelmäßig durchlebt, kennt keine Rücksicht. Sie drückt. Sie verkrampft. Sie versagt die Kontrolle. Und dann ist die Hose nass. Wieder mal.
Nicht, weil ich faul bin. Nicht, weil ich zu langsam war. Sondern weil mein Körper sich nicht mehr an Vereinbarungen hält.
Ich dusche, ich ziehe mich um, ich lächle – aber es tut weh. Nicht nur körperlich.
Es tut weh, was es mit meinem Selbstbild macht.
Die Wahrheit, die niemand sehen will
Manchmal frage ich mich: Wie viele dieser Geschichten schlummern in den Wohnzimmern, still hinter geschlossenen Vorhängen, weil man sich schämt? Weil man das Gefühl hat, sich rechtfertigen zu müssen?
Ich bin nicht die Einzige. Wir sind viele. Menschen mit Behinderung. Menschen mit chronischen Krankheiten. Menschen, die an einem System zerbrechen, das nicht für uns gemacht wurde.
Und was das Schlimmste ist: Wir kämpfen nicht nur mit unseren Körpern.
Wir kämpfen auch mit den Erwartungen der anderen.
Da sind die Fragen, die wie Nadelstiche kommen – harmlos gemeint, aber schwer zu ertragen:
„Gehst du eigentlich noch zum Chor?“
Ich wollte antworten. Ich wollte erklären. Ich wollte nicht unhöflich sein. Aber ich war wie erstarrt.
Zwei Minuten vorher hatte ich noch erzählt, wie schwer es mir fällt, überhaupt einen einzigen Termin pro Woche zu schaffen.
Wie ich nach dem Duschen oft zwei Stunden schlafen muss. Wie ich mitten im Gespräch im Rollstuhl einschlafe – nicht, weil ich unhöflich bin, sondern weil mein Körper einfach nicht mehr kann.
Das ist kein Mangel an Motivation. Das ist kein „innerer Schweinehund“.
Das ist keine depressive Verstimmung, die man mit guten Worten oder einem Spaziergang lösen kann.
Das ist das Leben mit einem Körper, der nach 25 Jahren Hirntumor einfach müde ist.
Und ja, ich bin neidisch.
Neidisch auf Menschen, die ihre Zeit frei einteilen können, deren Körper funktioniert, deren Alltag nicht von Schmerz, Spastik, Erschöpfung und Scham diktiert wird.
Ich schäme mich für diesen Neid – aber er ist da. Und er ist ehrlich.
Palliativ heißt nicht: „Bald ist alles vorbei“.
Palliativ heißt: „Der Körper muss nicht mehr funktionieren.“
Viele Menschen hören „palliativ“ und denken automatisch an Sterben. An Abschied.
Aber palliativ bedeutet vor allem: Mein Körper darf aufhören zu kämpfen. Ich darf Hilfe annehmen. Ich darf schwach sein.
Und genau das fällt mir so schwer. Ich will funktionieren. Ich will planen. Ich will leben wie andere in meinem Alter. Ich bin noch jung. Ich habe Träume. Ich habe Ziele. Ich habe Wünsche…aber ich weiß das vieles davon auf der Strecke bleiben wird.
Mein Körper hat andere Pläne.
Er zwingt mich zur Ruhe, zur Pause, zum Verzicht. Immer wieder.
Und jedes Mal stirbt ein kleiner Teil von dem Bild, das ich von mir hatte.
Von der starken Frau. Von der, die immer kämpft. Von der, die lächelt, obwohl alles wehtut.
Dieser Text soll niemanden anklagen.
Aber vielleicht öffnet er ein Fenster.
Ein Fenster in eine Welt, die viele nicht kennen – und sich nicht vorstellen können.
Ich wünsche mir kein Mitleid. Ich wünsche mir Verständnis. Echtes, offenes Verständnis.
Dafür, dass ein Lächeln nicht heißt, dass es mir gut geht.
Dafür, dass ein abgesagter Termin nicht Gleichgültigkeit bedeutet.
Dafür, dass manche Tage so viel Kraft kosten, dass selbst das Reden zu viel ist.
Ich bin dankbar für jeden guten Moment. Für jeden Tag, an dem ich es schaffe aufzustehen, mich anzuziehen, zu essen, zu schreiben.
Aber ich will, dass man auch die anderen Tage sieht.
Die, an denen ich weine. Die, an denen ich mich verliere. Die, an denen ich aufhöre zu glauben, dass das Leben fair ist.
Ich schreibe das nicht nur für mich.
Ich schreibe für all die anderen, die nicht die Kraft haben, es auszusprechen.
Ich schreibe, um sichtbar zu machen, was sonst im Schatten bleibt.
Und vielleicht ändert das ein bisschen was.
In einem Herzen. In einem Blick. In einem Moment der echten Begegnung.



3 Antworten zu “Leben im Schatten der Erwartungen”
Hallo liebe Mila
Sehr gerne und auch danke dir 🙂
Das stimmt, deine Worte sind so wahr.
Wir alleine gehen unseren Weg, also sollen die Menschen aufhören, zu bestimmen oder zu urteilen, denn sie gehen ihn ja nicht.
Liebe Grüße, Anja
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Hallo
Leider weiß ich deinen Namen nicht, daher schreib ich einfach mal – Hallo, du 🙂Der Text ist sehr ehrlich und auch bei löste er was aus. Ich habe auch chronische Einschränkungen, die mich und meinen Leben teilweise sehr belasten. Ich meckere gerne mal rum und sehe dann die Menschen, denen es besser geht als mir. Und dann, lese ich sowas wie hier und denke mir, es wird immer Menschen geben, denen es entweder besser oder schlechter geht als dir. Und dann, dann konzentriere ich mich wieder auf mich selbst.
Leider wird es immer Schicksale geben, aber wir müssen das Beste aus allem machen. Das Leben kann ganz schön hart sein, aber es hat auch so viel schönes zu bieten.
Bzgl den Satz: Wir kämpfen auch mit den Erwartungen der anderen.Damit hast du es auf dem Punkt gebracht. Ich denke, würden die anderen Menschen uns mehr akzeptieren und tolerieren, wäre die Welt ein klein wenig heiler.
Lass dich, sofern du es möchtest, eine virtuelle Umarmung geben 🙂
Liebe Grüße, Anja
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Hallo Anja,
Danke für deinen liebevoll Kommentar.
Es tut mir leid zu lesen, dass du ebenfalls so unter Schmerzen leidest. Aber wir kämpfen nie alleine. Und ja, du hast recht. Würde die Welt uns mehr akzeptieren wäre vieles leichter, aber die Erwartungen können wir im Prinzip ignorieren weil niemand etwas von uns erwarten darf. Denn nur wir kennen unseren weg.
Eine liebe Umarmung zurück und liebe Grüße
Mila
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