Sommer, Sonne, Schattenwesen

Der Sommer ist da. Die Menschen jubeln, die Freibäder füllen sich, Eisverkäufer rotieren wie verrückt – und ich?
Ich… verwelke still und leise irgendwo im Schatten.

Denn was die einen mit „endlich Sonne!“ feiern, ist für mich die Zeit des Jahres, in der mein Körper auf stur stellt. Ich kann nicht schwitzen. Ich meine das nicht metaphorisch oder als Übertreibung – mein Körper kann schlicht nicht schwitzen. Das bedeutet: ich überhitze, auch wenn ich nur still sitze oder atme oder versuche, einfach „da zu sein“. Und das ist… sagen wir… mäßig praktisch, wenn draußen 32 Grad sind und die Luft flirrt wie in einer Sahara-Fata Morgana muss ich aufpassen nicht umzukipen.

Dazu kommt meine Autoimmunkrankheit. Die Sonne? Mein Feind. Mein System reagiert auf UV-Strahlen, als wäre ich ein Vampir mit Sonnenallergie. Ich meide das Licht nicht aus Stilgründen – ich muss es. Also bin ich ein klassisches Schattengewächs. Ein Nachtwesen. Ein Eidechsengeist, der sich bei Dunkelheit aus seinem kühlen Versteck wagt.

Ich lebe in der Nacht auf – und die Nacht war lange Zeit auch mein sicherer Ort.
Nicht allein wegen der Temperaturen. Sondern wegen Lea.

Lea war meine Hündin. Nicht einfach nur eine Begleiterin auf vier Pfoten – sie war mein Ruhepol, meine Wächterin, meine Freundin. Mit ihr konnte ich nachts raus. In die stille, dunkle Welt. In der keine Hitzewelle lauert und keine Menschen komisch schauen. Ich wusste: Sie passt auf mich auf. Sie hat es nicht nur einmal getan.
Sie hat mich beschützt. Mich gespürt, wenn ich nicht mehr konnte.
Sie war da, wenn alles andere zu viel war.
Sie war… einfach mein Zuhause.

Aber Lea ist nicht mehr da.
Und sie kommt auch nicht wieder.

Das zu begreifen ist schwer. Gerade nachts, wenn es ruhig ist – und leer.
Da fehlt nicht nur ein Hund.
Da fehlt sie.

Manchmal bitte ich meinen Mann, mit mir rauszugehen. Nachts, wenn die Welt etwas freundlicher für meinen Körper ist. Wenn der Asphalt noch warm ist, aber die Luft nicht mehr beißt. Wenn alles ein bisschen weicher wird.

Aber mein Mann ist selbst chronisch krank, selbst behindert. Und wenn es ihm nicht gut geht – dann geht’s eben nicht. Dann bin ich allein mit der Nacht.
Aber manchmal – an manchen Nächten – klappt es.
Dann stehen wir gemeinsam unter dem Himmel, hören das Zirpen, das leise Rascheln der Welt im Dunkeln, und ich hole meine Kamera raus.
Langzeitbelichtung ist mein Hobby. Es entschleunigt. Es braucht Geduld, Ruhe, ein Gespür für das, was man nicht sofort sieht.
Wie ich. Wie mein Leben.

Manchmal male ich mit Licht in der Dunkelheit. Halte Sterne fest, die ich mit bloßem Auge kaum sehe.
Und manchmal, ganz selten, denke ich, dass Lea irgendwo noch mit auf dem Bild ist.
Ein Schatten vielleicht.
Ein Lichtpunkt.
Etwas zwischen den Sekunden.
Etwas, das nicht mehr da
ist – und doch noch da.

Ich bin ein Schattenwesen, das nachts lebt, leuchtet und manchmal weint.
Aber ich bin auch ein Mensch, der sich freut, wenn es leise ist.
Der Schönheit sieht, wo andere nur Dunkelheit wahrnehmen.
Und der hofft, dass auch andere Schattengewächse wissen:
Wir sind nicht allein.

Hinterlasse einen Kommentar