Morgen – am 08.06. – ist Welthirntumortag.


Ein Tag, der für viele Menschen einfach nur ein Datum im Kalender ist – für mich aber eine Erinnerung. Eine Erinnerung daran, dass mein Leben vor 25 Jahren eine Richtung nahm, die ich mir nicht ausgesucht habe. Ich war jung. Viel zu jung, um Worte wie „Tumor“, „Operation“, „Chemotherapie“, „Bestrahlung“ oder „Austherapiert“ überhaupt zu verstehen. Und doch haben sie sich tief in mein Leben eingebrannt.

In Deutschland erkranken jährlich etwa 8.000 Menschen neu an einem Hirntumor. Ich bin eine davon. Oder besser gesagt: Ich bin immer noch eine davon. Mein Tumor ist geblieben. Er ist gewachsen, hat sich verändert, manchmal zurückgezogen, manchmal wieder Raum gefordert. Ich bin austherapiert, sagen die Ärzte. Ein Wort, das sich nüchtern anhört, fast sachlich. Für mich heißt es: Man hat medizinisch alles versucht. Jetzt bleibt nur noch das Leben selbst – und wie man es trägt.

Hirntumor – was heißt das eigentlich?

Viele Menschen fragen sich, warum man „Hirntumor“ sagt und nicht einfach „Gehirnkrebs“. Und die Antwort ist so einfach wie kompliziert. „Hirntumor“ ist der medizinische Oberbegriff. Er umfasst sowohl gutartige als auch bösartige Tumore. „Gehirnkrebs“ hingegen beschreibt nur die bösartigen Formen – wird aber oft fälschlich für alles verwendet, was das Gehirn betrifft.

Aber ganz ehrlich? Wenn du selbst betroffen bist, ist das Wort nebensächlich. Denn jede Veränderung im Gehirn, ob gut- oder bösartig, kann zerstörerisch sein. Denn das Gehirn – das ist nicht einfach nur ein Organ. Es ist das Zentrum von allem: Gedanke. Erinnerung. Bewegung. Sprache. Persönlichkeit.

Ein Tumor dort kann alles verändern.

Was ein Tumor mit einem macht, den man nicht sieht.

Viele sehen mich und sagen: „Du siehst aber gar nicht krank aus.“

Oder: „So schlimm kann es ja nicht sein, du lachst ja.“

Aber was sie nicht sehen: Die Schmerzen. Die Müdigkeit. Die Angst. Die Selbstzweifel, weil wieder etwas nicht alleine geht. Die unendlichen Arztbesuche, die Therapien, die Kontrollen. Die leeren Blicke nach schlechten MRT-Ergebnissen. Die schlaflosen Nächte, wenn der Kopf nicht abschalten kann – weil in ihm etwas lebt, das dort nicht hingehört.

Ein Hirntumor verändert nicht nur den Körper – er verändert dein ganzes Wesen. Die Art, wie du denkst. Wie du fühlst. Wie du Menschen begegnest. Wie du deinen Alltag gestaltest. Nichts ist mehr selbstverständlich. Nicht das Sprechen. Nicht das Laufen. Nicht das Schlucken oder Erinnern.

Und trotzdem wird oft so wenig darüber gesprochen.

Ich bin immer noch da. Und ich kämpfe.

Meine Erstdiagnose liegt 25 Jahre zurück. Viele dachten damals, ich würde nicht so lange leben. Ich habe überlebt. Nicht, weil ich stärker bin als andere – sondern, weil ich gelernt habe, mit der Angst zu leben. Ich habe gelernt, mein Leben nicht aufzuschieben. Denn ich weiß nicht, wie lange ich es noch in dieser Form leben darf.

Ich bin nicht nur Patientin. Ich bin Freundin. Tochter. Ehefrau. Vielleicht auch Schwester, Kollegin, Nachbarin. Ich bin ein Mensch mit Gefühlen, Träumen und – ja – auch Narben. Sichtbaren und unsichtbaren.

Manchmal fühle ich mich einsam. Weil es schwer ist, Menschen zu erklären, wie es sich anfühlt, wenn ein Tumor in deinem Kopf lebt. Weil sie nicht wissen, was sie sagen sollen. Weil sie nicht wissen, wie sie mit dieser Realität umgehen können. Und ich kann es ihnen nicht verübeln.

Aber genau deshalb braucht es diesen Tag.

Der Welthirntumortag soll erinnern. An Menschen wie mich. An Kinder, die nie erwachsen werden durften. An Erwachsene, die plötzlich lernen müssen, alles neu zu begreifen. An Angehörige, die hilflos zusehen. An Ärztinnen und Ärzte, die täglich Entscheidungen treffen müssen. An Forscher, die jeden Tag nach besseren Wegen suchen.

Er soll aufklären. Sensibilisieren. Verstehen schaffen. Und Mut machen. Denn auch mit einem Tumor im Kopf kann man lachen. Lieben. Leben. Schreiben. Fühlen. Auch wenn es schwer ist.

Mein Wunsch für morgen:

Denke an uns. An alle, die diesen stillen Kampf führen. Die keine Aufmerksamkeit wollen – nur Verständnis. Nur ein bisschen Mitgefühl. Ein bisschen weniger Druck. Und vielleicht etwas mehr Geduld.

Denn jeder Mensch mit einem Hirntumor trägt ein ganzes Universum in sich – voller Gedanken, Schmerzen, Erinnerungen, Mut, Ängste, Hoffnung. Und ganz viel Menschlichkeit.

Ich bin eine von 8.000. Und ich bin noch da.

Mit Tumor. Mit Geschichte. Mit Herz.

Für alle Betroffenen. Für alle Kämpferinnen und Kämpfer. Für alle Mamas, Papas, Kinder, Freundinnen und Freunde. Für alle, die uns nicht vergessen. Für alle, die noch da sind. Und für alle, die es nicht mehr sind.

Morgen ist Welthirntumortag.

Und ich bin stolz, noch hier zu sein.

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