Wer mein Buch hier auf dem Blog gelesen hat, weiß, wie sehr mich meine Kindheit geprägt hat. Die ersten neun Jahre meines Lebens waren ein Paradies – ein Paradies, das ich nur noch in meinen Erinnerungen bewahren kann. In diesen Jahren lebte ich in einer Seifenblase, aber nicht irgendeiner Seifenblase. Nein, sie war gefüllt mit buntem Leben, Lachen, Geborgenheit und unerschütterlicher Liebe. Zwei Welten verschmolzen in diesem kleinen Paradies – eine Welt in Deutschland und eine in Algerien. In Deutschland gab es fließendes Wasser, die Schule, Spielplätze, den Zauber des Schnees im Winter und die gemütlichen Abende vor dem Fernseher, während Sandmännchen uns in den Schlaf wiegte. In Algerien hingegen gab es das endlose Meer, den weichen Sand der Sahara, den Geschmack frischer Feigen, die wir direkt vom Baum pflückten, das rhythmische Surren der Zikaden, die uns im heißen Mittagsschlaf begleiteten, das fröhliche Lachen meiner Cousinen und den betörenden Duft von Minztee, der in der Luft lag.
Es war ein Leben voller bunter Erinnerungen, die tief in meinem Herzen verwurzelt sind, Erinnerungen, die mich bis heute begleiten. Sie sind der Schatz meines Lebens – diese Erinnerungen, die mich formen und die mir auch jetzt noch Trost spenden, wenn der Schmerz des Verlusts und der Veränderung in mir aufsteigt.
Doch vor nicht allzu langer Zeit hatte ich mit meiner jüngeren Schwester ein Gespräch und wir begannen, über unsere Kindheit zu sprechen. Es war ein Gespräch, das in mir etwas ins Wanken brachte, etwas, das ich lange nicht wahrhaben wollte. Denn obwohl nur vier Jahre Altersunterschied zwischen uns liegen, spürte ich plötzlich, dass meine Kindheit nicht ihre war. Diese vier Jahre – die so wenig erscheinen mögen – sind in unserer Geschichte Welten. Die Jahre, die sie prägten, waren nicht die gleichen Jahre, die mich formten. Als sie eingeschult wurde, lag ich schon im Krankenhaus. Als sie ihre ersten Schulfreunde fand, kämpfte ich darum, wieder auf meinen eigenen Füßen zu stehen – körperlich und seelisch. Und während sie sich über den ersten Pickel aufregte, war ich in einer Reha und lernte, wieder zu essen, zu sitzen, mich selbst zu pflegen.
Wir sind zusammen aufgewachsen, und doch lebten wir nicht zusammen, zumindest nicht in den Jahren, die sie prägten. Und diese Erkenntnis tut weh. Ich kenne sie, meine Schwester, doch weiß ich wirklich, wer sie war, als sie die junge Frau wurde, die sie heute ist? Habe ich sie wirklich erlebt? Oder sehe ich in ihr immer noch das kleine Mädchen, das plötzlich so groß geworden ist – ohne dass ich es richtig mitbekommen habe?
Der Moment, in dem der Tumor kam, war der Moment, in dem die Welt für mich stillstand. Die Welt der anderen – meiner Familie – drehte sich jedoch weiter. Der Alltag hielt nicht an, nur weil meiner zusammenbrach. Während ich in meiner eigenen Welt gefangen war, kämpften meine Geschwister mit ihren eigenen Herausforderungen. Sie gingen zur Schule, hatten Hausaufgaben, erlebten Streit mit Lehrern, durchlebten den Liebeskummer, die Selbstzweifel der Pubertät und all die kleinen und großen Dramen des Erwachsenwerdens. Und ich? Ich war nicht da. Ich war nicht bei ihnen. Ich war in meiner eigenen Katastrophe verloren. Körperlich und seelisch war ich nicht wirklich da. Und hin und wieder, wenn ich nachts wach liege und die Gedanken wie ein Lärm in meinem Kopf toben, frage ich mich: War das alles richtig? Hätte ich es anders machen können? War ich zu viel? Zu fordernd? Zu bedürftig? Habe ich zu viel Aufmerksamkeit von ihnen verlangt? Zu viel Rücksicht? Zu viel Verständnis?
Die Wahrheit ist: Ich kann die Vergangenheit nicht ändern. Die Dinge sind passiert, wie sie passiert sind, und ich kann sie nicht ungeschehen machen. Ich bin nicht verantwortlich für den Tod meines Vaters, auch wenn mein schlechtes Gewissen manchmal noch immer leise flüstert, dass ich vielleicht schuld bin. Ich erinnere mich noch gut an die Tage, an denen ich als Kind Blödsinn spielte und dabei das Hochzeitsbild meiner Eltern in der Hand hielt. Diese Erinnerung bleibt, und sie schmerzt. Aber ich weiß heute besser. Das Wissen kann die Wunden nicht heilen, aber es hilft, sie zu akzeptieren.
Was ich inzwischen wirklich verstanden habe, ist, dass meine Geschwister nicht nur meine Geschwister sind. Sie sind eigenständige Menschen mit eigenen Geschichten, eigenen Erinnerungen und eigenen Narben. Und das ist in Ordnung. Ich muss nicht alles mit ihnen teilen. Ich muss nicht jedes Detail ihrer Vergangenheit kennen, und sie müssen nicht alles über mich wissen. Aber es ist ein Geschenk, dass ich manches mit ihnen teilen darf. Und eines der größten Geschenke, die mir das Leben gemacht hat, ist es, die Kinder meiner Geschwister aufwachsen zu sehen, die neuen Familien zu erleben, die aus unserer Familie gewachsen sind. Ich sehe, wie sich der Kreis schließt, und das ist ein Trost, den ich nie für möglich gehalten hätte.
Und dann ist da noch meine Mutter – eine Löwin. Eine Frau, die den Schmerz, die Trauer, die Verluste und die Kämpfe, die sie in ihrem Leben durchgemacht hat, in sich trägt, aber nie aufgibt. Eine Frau, die uns allen die Stärke gibt, die wir brauchten, um weiterzumachen, als alles zerbrach. Wie sie das alles überlebt hat, wie sie uns gehalten hat, während wir alle in unsere eigenen Kämpfe verstrickt waren – ich werde es nie ganz begreifen. Aber ich bewundere sie. Ich liebe sie, mehr als Worte jemals sagen können.
Die Zeit vergeht, und mit ihr verändert sich alles. Ich liebe meine Familie. Ich liebe meine Schwester, meinen Bruder, die Erinnerungen, die wir teilen, auch wenn sie oft sehr unterschiedlich sind. Ich liebe die Kindheit, die ich hatte, auch wenn sie viel zu früh endete. Und ich liebe die neuen Lebensabschnitte, die aus meiner Familie entstanden sind. Ich lebe, trotz allem. Und vielleicht ist genau das der größte Triumph.
Denn, wenn ich eines in all den Jahren gelernt habe, dann ist es das: Erinnerungen sind das, was uns verbindet, was uns zu dem macht, was wir sind. Ein Herz voller Erinnerungen ist ein Herz voller Leben. Und vielleicht ist es genau das, was uns am Ende trägt – die Liebe, die in diesen Erinnerungen wohnt.
2 Antworten zu “Ein Herz voller Erinnerungen”
Erinnerungen sind ein Zeichen für das Leben. Nicht nur die guten Dinge bleiben in Erinnerung, sondern auch weniger Gute. Was zählt ist die Liebe, die hinter den Erinnerungen steckt. Genau so, wie du es beschrieben hast.
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Danke – ja, so ist es. Aber Erinnerungen Formen uns
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