Manchmal lässt sich ein einzelner Tag nicht einfach in Worte fassen. Er ist mehr als nur eine Aneinanderreihung von Stunden – er ist ein Kraftakt. Ein Tanz auf Messers Schneide zwischen Überforderung, tiefer Traurigkeit, kleinen Lichtblicken und dem Wunsch, einfach nur zu entkommen. Der MRT Tag war so ein Tag. Oder besser gesagt: Der Tag davor begann es so. Und er war explosiv.
Der Tag vor dem MRT war ein einziger emotionaler Vulkanausbruch. Und leider – ja leider – war mein geliebter Mann das Ziel dieser Explosion. Ich war ungerecht, laut, wütend. Ich war hässlich. So sehr es mir auch leid tut – und das tut es aus tiefstem Herzen – ich weiß, dass ein einfaches „Es tut mir leid“ nicht ausreicht, um die Wunden zu heilen, die meine Worte hinterlassen haben. Worte können scharf sein. Sie können treffen wie Dolche. Und selbst wenn man sie zurücknehmen möchte – sie sind gesagt. Sie stehen da. Und mein Mann, mein liebevoller Fels in dieser Brandung, hat wieder einmal alles abbekommen.
Wir – ich – wir sind so gut darin, uns gegenseitig zu zerfleischen in solchen Momenten. Zu streiten, zu zerstören. Und doch… er bleibt. Er liebt mich. Ich liebe ihn. Das ist nicht selbstverständlich. Und dafür bin ich dankbar. So unendlich dankbar.
Nach diesem Streit musste ich raus. Weg. Fliehen, wie ein Tier, das keinen Ausweg mehr sieht. Ich fuhr los – ohne Jacke, barfuß, einfach nur geradeaus. Es waren vielleicht 15 Grad draußen, aber das war mir egal. Ich brauchte Luft. Abstand. Und irgendwie landete ich dort, wo ich das letzte Mal mit Lea spazieren war, als es ihr noch halbwegs gut ging. Unsere Spaziergänge… sie fehlen mir so sehr. Der Verlust sitzt tief. Plötzlich saß ich da – mitten auf einem Feld, barfuß, umgeben von Weite und Stille. Und dann kamen die Flashbacks. Bilder, Erinnerungen, Schmerzen. Und ich brach zusammen.

Ich weinte. Laut, hemmungslos, mit dem ganzen Körper. Es war einer dieser seltenen Momente, in denen man sich selbst nicht mehr zusammenhalten kann – und vielleicht auch nicht soll. Und dann… kam er. Ein Pferd. Ein wunderschöner Schimmel von der Koppel nebenan. Zuerst graste er einfach nur, beobachtete mich, kam dann näher. Und noch näher. Schließlich stand er direkt am Zaun, sah mich an, schnaufte – und irgendwie war das wie ein Zeichen. Ein Moment von Trost, von stillem Verständnis. Ich habe später erfahren, dass dieses Pferd „Nero“ heißt. Danke, Nero. Wirklich. Danke.
Ich rief meinen Mann an – schluchzend, hilflos. Und er kam. Ohne Zögern. Er holte mich, einfach so. Weil er weiß, dass ich manchmal nicht allein zurückfinde.
Und dann kam das MRT. Überraschenderweise – und das meine ich wortwörtlich – verlief alles problemlos. Warum das erwähnenswert ist? Weil ich seit 25 Jahren nie erlebe, dass beim Zugang fürs Kontrastmittel nur einmal gestochen werden muss. Da nun schon? Zack. Beim ersten Mal geschafft. Trotz eines Geräteausfalls kam ich pünktlich dran. Das ist fast schon magisch gewesen.
Diesmal war ich in einem anderen MRT als sonst. Keine Musik. Kein bekanntes Setting. Die Liege wurde im Vorraum vorbereitet, nicht im MRT-Raum selbst. Eigentlich nichts Großes – und doch fühlte sich alles anders an. Vor allem: einfacher. Sonst muss ich mit meinem Rollstuhl bis zur schweren Tür und mit Hilfe rüber laufen. Heute war die Liege zwar hoch, aber zum Glück kann mein Rollstuhl sich heben. Ich rutschte rüber – problemlos. Eine Kleinigkeit, aber für mich: ein Highlight.

33 Minuten lag ich dann im MRT. Das Ergebnis gibt’s nächste Woche. Und auch wenn ich schon so viele dieser Termine hatte – jeder einzelne bleibt irgendwie ein Nervenspiel.
Nach dem MRT ging’s direkt zur Neuroambulanz. Shuntkontrolle. Für die, die es nicht wissen: Ich habe so ein kleines Hightech-Wundergerät hinterm Ohr – ein verstellbares Ventil. Magnetisch. Ziemlich genial, außer eben, wenn man ins MRT muss. Da besteht immer das Risiko, dass sich das Ding verstellt, dass irgendwas schiefgeht. Aber Spoiler: Alles war gut. Kein fliegender Stuhl, keine Explosion. Ich bin noch komplett – zumindest physisch.
Und dann – das war wirklich besonders – traf ich im Wartezimmer eine Freundin. Auch sie kämpft mit einem Hirntumor. Auch sie gehört zu diesem speziellen Club, in den keiner freiwillig möchte, und doch sind wir jetzt beide Mitglieder – vom „Hirntumor-Club“. Wir sahen uns, lachten – nicht weil’s witzig ist, sondern weil’s absurd ist. Wir kriegen es nie hin, uns „normal“ zu treffen. Aber im Krankenhaus – da klappt’s zufällig. Wie ein Sketch: „Zwei Hirnis treffen sich in der Neuroambulanz.“ Vielleicht sollten wir unsere Treffen wirklich ins Wartezimmer verlegen. Oder… vielleicht auch lieber nicht.
Der Tag war noch nicht vorbei. Pflasterwechsel. Gespräche. Und dann war es 03:47 Uhr. Ich war wach seit 06:40 Uhr. Eigentlich Totmüde. Aber mein Kopf lies mich nicht schlafen. Ich bin wieder an dem Punkt, an dem ich nach außen funktioniere, lache, rede – aber innerlich weglaufe. Wenn ich merke, meine Maske rutscht, flüchte ich. Ich will niemanden überfordern. Ich selbst fühle mich ja schon genervt von mir. Von der Krankheit, vom Nicht-Abschalten-Können, vom ständigen inneren Druck.
Und trotzdem gab’s an dem Tag auch einige schönen Moment. Meine älteste Freundin war zu Besuch. Wir bastelten mit Gießpulver, quatschten, lachten, waren einfach da. Das machen wir viel zu selten. Es tat gut. Sehr gut. Danke, dass du immer da bist – seit so vielen Jahren.
Ich weiß nicht, was die nächsten Tage bringen. Ich weiß nicht, was das MRT zeigen wird. Aber ich weiß: Ich habe Menschen, die bleiben. Auch wenn ich hässlich bin, traurig, wütend, verletzt. Ich habe Tiere, die trösten. Freunde, die mich verstehen, weil sie Ähnliches durchmachen oder weil sie mir zuhören. Und ich habe Hoffnung – auch wenn sie manchmal unter Tränen begraben ist.
Heute war MRT. Aber eigentlich war heute so viel mehr.