So. Wir sind im April. Schon?
Ich frage mich ernsthaft, wie das passiert ist. Ich meine – war nicht gerade erst Silvester? Habe ich nicht gerade noch im Kopf geplant, wie dieses Jahr vielleicht doch besser wird? Aber ehrlich gesagt… seit Monaten fühlt sich Zeit nicht mehr an wie Zeit. Sie rauscht vorbei, lautlos, wie Nebel. Und ich stehe mittendrin, wie eingefroren. Als wäre ich aus der Welt gefallen, während sie sich weiterdreht.
Ich weiß, warum das so ist. Ich spreche es selten laut aus, weil es jedes Mal ein bisschen mehr von mir wegnimmt. Aber ich spreche es aus, weil ich es irgendwie muss.
Lea ist tot.
Und mit ihr ist ein Teil von mir gegangen, den ich nicht wieder finde.
Seitdem ist alles anders. Die Welt ist kälter geworden, leerer, sinnloser. Ich bin nicht mehr ich. Oder vielleicht bin ich eine Version von mir, die ich nicht erkennen möchte. Ich funktioniere, irgendwie. Ich lache manchmal, ja. Ich antworte auf Nachrichten. Ich mache Pläne, von denen ich genau weiß, dass ich sie nicht einhalte. Ich atme, jeden Tag – aber Leben fühlt sich anders an. Leben fühlt sich wie etwas an, das ich mal gekannt habe. Jetzt… jetzt ist da dieses große, dumpfe Nichts.
Und nun steht das nächste MRT an.
Wisst ihr, früher war da immer ein Funke Hoffnung. Klar, auch Angst – riesige Angst. „Was, wenn der Tumor gewachsen ist?“ „Kommt wieder Chemo?“
Aber eben auch: Hoffnung. Hoffnung, dass vielleicht irgendwo ein kleiner medizinischer Lichtstrahl wartet. Eine neue Studie. Ein Versuch. Ein „Wir probieren noch etwas“.
Doch diesmal? Diesmal ist da nichts. Keine Therapie mehr. Keine Rettung.
Kein Plan B. Austherapiert. Palliativ.
Das sind die Worte, die man hört, aber nie auf sich beziehen will. Man denkt immer, das ist was für andere. Für später. Für irgendwann.
Aber plötzlich sitzt man da, mit diesen Wörtern im Nacken, und weiß:
Das ist jetzt. Das bin ich.
Und die Frage ist: Wovor habe ich eigentlich noch Angst?
Ich weiß, der Tumor wird wachsen.
Ich weiß, mein Körper wird irgendwann nicht mehr mitmachen.
Ich weiß, niemand kann etwas dagegen tun.
Ich sage mir oft, dass ich das akzeptiert habe. Dass ich den Frieden gefunden habe mit meinem Schicksal. Ich sage das – und manchmal glaube ich es für ein paar Stunden.
Aber fragt man meinen Mann, bekommt man eine ganz andere Antwort. Er sagt, ich sei reizbar, unruhig, emotional so sprunghaft wie ein Eichhörnchen auf Speed. Und ja – vielleicht ist das wahr. Vielleicht bin ich das. Vielleicht ist das auch okay. Ich weiß doch selbst nicht, wie ich mich fühlen soll. Vielleicht bin ich alles gleichzeitig: wütend, traurig, resigniert, und irgendwo dazwischen klammere ich mich noch an einen winzigen Rest von „vielleicht passiert doch noch ein Wunder“.
Ich schaffe es mittlerweile, mich stundenweise aus meiner Höhle zu schleppen.
Diese Höhle, in die ich nach Leas Tod gekrochen bin – aus Schmerz, aus Selbstschutz, aus purer Überforderung.
Ich kann ein paar Stunden draußen sein, ein paar Gespräche führen, ein paar Nachrichten beantworten.
Aber danach bin ich wieder leer.
Menschen strengen mich an. Lachen tut weh. Smalltalk ist kaum auszuhalten. Und meine vertrauten Menschen… sie merken es.
Sie sehen es in meinen Augen, in meinen Bewegungen, in dem Schweigen, das immer länger wird.
Ich bin noch nicht wieder bei mir. Vielleicht werde ich es nie wieder sein.
Das Schlimmste ist: Mir ist zu viel egal.
Und das bin nicht ich.
Ich war nie jemand, dem alles gleichgültig war. Ich habe geliebt, gelacht, gestritten, diskutiert. Ich war leidenschaftlich – manchmal zu viel, zu laut, zu emotional. Aber ich war da. Jetzt… ich weiß oft gar nicht, wo ich bin.
Ich sehe mich auf Bildern und erkenne mich nicht. Ich lese meine alten Texte und frage mich, wer die Person war, die sie geschrieben hat.
Ich sehe mein Spiegelbild und sehe nur noch: Krankheit. Verlust. Müdigkeit.
Und trotzdem… trotzdem bin ich da.
Trotz allem. Trotz Krebs. Trotz Trauer. Trotz allem, was mich jeden Tag zu Boden zieht – ich stehe irgendwie wieder auf.
Weil ich es Lea versprochen habe.
Weil ich es mir selbst schuldig bin.
Weil es irgendwo da draußen Menschen gibt, die meine Geschichte lesen und sich weniger allein fühlen.
Also warte ich. Auf das MRT. Auf das Ergebnis. Auf das, was als nächstes kommt.
Ich weiß nicht, ob ich dafür bereit bin. Aber ich weiß, dass ich da sein werde.
Und dass ich – wie immer – ehrlich darüber sprechen werde.
Mit allen Schmerz, allen Wunden, allen Tränen.
Denn das ist meine Realität.
Und vielleicht ist sie schwer, vielleicht ist sie traurig,
vielleicht ist sie ungerecht – aber sie gehört mir.
Das bin ich und ich mache weiter