Ich lag eine Woche krank im Bett. Ein Abszess, der sich nicht öffnen möchte und zusätzlich ein Infekt setzen mir immer noch zu. Mein Körper ist müde, mein Geist erschöpft. Die Tage verschwimmen, ein endloser Kreislauf aus Schmerzen, Medikamenten und Warten. Aber gestern Abend war etwas anders. Gestern Abend gewann nicht meine Traurigkeit, die seit Leas Tod und dem letzten MRT schwer über mir liegt, und nicht die aufkommende Depression. Gestern Abend habe ich beschlossen, dass „Anton“ – mein Tumor – 25 Jahre gebraucht hat, um austherapiert zu sein. Er wächst langsam. Also habe ich weitere 25 Jahre.
Gestern Abend machte ich Musik an.
Egal, wie schlecht es mir ging. Egal, wie oft ich dachte, es geht nicht weiter. Egal, wie nah der Tod an meinem Bett saß und mir ins Gesicht sah – Musik hat mich immer zurückgeholt.
Ich brauche Musik. Sie ist meine Konstante, mein Zufluchtsort, mein Zuhause. Sie war da, als ich die Diagnose bekam. Sie war da, als ich mein Gefühl für meinen Körper verlor. Sie war da, als die Lähmung kam und ich als kleines Mädchen weit weg von meiner Familie in Reha musste, als mein Leben sich von Grund auf veränderte. Und sie ist immer noch da – auch jetzt, während ich diese Worte schreibe.
Ich kann nicht gut singen, das weiß ich. Aber darum geht es nicht. Mein Herz schlägt für Musik. Sie ist nicht nur Melodie und Rhythmus – sie ist Leben. Sie ist Liebe. Sie ist das, was Worte oft nicht ausdrücken können.
Wenn Worte nicht reichen, spricht Musik
Manchmal sitze ich da, spüre den Druck in meinem Kopf, die Erschöpfung in meinem Körper. Die Welt um mich herum fühlt sich an wie Watte, meine Gedanken taumeln im Nebel. Und dann, ganz plötzlich, spielt ein Lied – vielleicht ein altes, das mich an früher erinnert, oder ein neues, das mich in seinen Bann zieht.
Und auf einmal fühle ich.
Musik hält Erinnerungen fest, als wären sie in Noten konserviert. Der erste Herzschlag für jemanden, der nicht mehr da ist. Die Lieder, die wir gemeinsam gehört haben. Der Song, den eine zerbrochene Freundschaft hinterlassen hat. Ein einziges Lied – und alles ist wieder da.
Musik ist Verbindung
Es gibt Melodien, die einen Menschen direkt ins Herz treffen, auch wenn man gar nicht weiß, warum. Musik überbrückt Distanzen, verbindet uns mit Menschen, die wir vielleicht längst verloren haben – oder mit denen wir nie gesprochen haben.
Ich habe Menschen in meinem Umfeld, die mich nicht als „die Kranke“ oder „die im Rollstuhl“ kennengelernt haben, sondern einfach mich – ohne Rollstuhl, ohne Hirntumor – als jemand, der Musik liebt und viel lacht. Und in genau diesen Momenten fühle ich mich wieder zurück in diese Momente.
Es gibt Lieder, da bin ich zurück im Krankentransport und fahre in die Reha. Oder die vielen Fahrten in die Schule…
Atmen. Spüren. Erinnern. Leben.
Manchmal singe ich mit. Auch wenn es sich schief anhört, auch wenn meine Stimme bricht. Auch wenn meine Lunge viel zu schwach ist. Aber wenn ich singe, dann spüre ich, dass ich noch hier bin. Dass ich lebe.
Ich spüre die Luft in meinen Lungen, auch wenn das Atmen schwerfällt. Ich spüre meinen Herzschlag, auch wenn mein Körper mich manchmal im Stich lässt. Ich spüre, dass ich mehr bin als eine Diagnose, mehr als eine Statistik, mehr als eine Prognose.
Ich lebe.
Und solange ich Musik hören kann, solange ich den Mut habe zu singen – bin ich, ich und noch da. Also solltest du je eine Sprachnachricht oder ein Video von mir bekommen wo ich singe, dann freu dich, dass bedeutet ich vertraue dir…