Ich komme noch nicht wieder klar, deswegen pausiert der Podcast nun aber ich schreibe weiter. Die Trauer hält mich fest, wie in einem Schraubgriff, der nicht lockerlassen will. Es gibt Momente, in denen ich funktioniere – Stunden, vielleicht sogar Tage, in denen ich erfolgreich verdränge, mich ablenke, mich in die Normalität flüchte. Doch früher oder später trifft es mich wieder. Und dann überrollt mich die Trauer mit doppelter Wucht, als würde sie sich rächen für jeden Augenblick, in dem ich es gewagt habe, sie zu vergessen.
Und als wäre das nicht genug, zerfällt mein Körper langsam weiter. Ich spüre es jeden Tag, mit jeder Bewegung, die schwerer fällt, mit jeder Erschöpfung, die mich ohne Vorwarnung überkommt. Das nächste MRT rückt näher, und mit jedem Tag wächst die Angst. Was, wenn es schlimmer geworden ist? Was, wenn die Zeit noch knapper wird, als sie ohnehin schon ist? Ich will stark sein. Ich will für meine Familie, meine Freunde, meine Community da sein. Ich will präsent sein, mit all meiner Kraft. Aber ich schaffe es noch nicht wieder.
Und dann ist da noch die Welt, die sich anfühlt, als würde sie zerbrechen. Die Politik, die Gesellschaft – das Leben selbst hält uns alle in einer Art Schockstarre gefangen. Ich sehe mich um und erkenne nicht mehr die Welt, die ich mir als Kind so anders vorgestellt habe.
Mensch ist Mensch – und doch haben wir es vergessen
Ich erinnere mich an den Geschichtsunterricht in der Schule. An die Erzählungen über die Fehler der Vergangenheit, über Hass, Verfolgung, Gewalt. Ich erinnere mich daran, wie erschrocken ich war – als Kind, das die Welt noch nicht kannte. Ich dachte damals: Zum Glück lebe ich heute. In einer Zeit, in der wir gelernt haben, in der jeder sein darf, wie er möchte, in der Menschlichkeit zählt.
Aber dann schaue ich mich um – und sehe, dass die Geschichte sich wiederholt. Ich sehe blinden Hass, der sich ausbreitet wie eine Krankheit. Ich sehe Menschen, die sich benachteiligt fühlen, obwohl es ihnen gut geht. Menschen, die voller Wut auf diejenigen blicken, die aus ihrer Heimat fliehen mussten, die alles verloren haben. Ich sehe, wie der Neid uns auffrisst, wie wir einander misstrauen, anstatt uns die Hand zu reichen.
Wieso?
Ich verstehe es nicht. Ich verstehe nicht, wann aus „Ich helfe dir“ ein „was bekomme ich dafür?“ geworden ist. Ich verstehe nicht, warum jede Geste einen Nutzen haben muss. Warum wir nur noch geben, wenn wir etwas zurückbekommen. Was ist mit Menschlichkeit passiert? Was mit Nächstenliebe?
Wann ist die kindliche Neugier in den Menschen gestorben? Die Neugier, Neues zu entdecken, Fremdes kennenzulernen, anstatt es zu hassen und zu verteufeln? Haben wir nicht genau deswegen Fortschritt erlebt – weil wir fremde Wege gegangen sind? Weil wir offen für Veränderung waren?
Aber jetzt haben viele nur noch Angst vor dem Unbekannten. Angst vor anderen Kulturen, anderen Religionen, anderen Lebensweisen. Und ich? Ich habe mittlerweile Angst, zu meiner eigenen Religion zu stehen. Angst, meinen vollständigen Namen zu nennen, weil er nicht deutsch klingt. Angst, meine Meinung zu sagen, weil sie nicht jedem passt. Angst, nicht gut genug zu sein, weil ich im Rollstuhl sitze. Angst, als Frau weniger wert zu sein – weil ich nie wieder das Gefühl haben möchte, nichts zu sein.
Ist es wirklich naiv, an das Gute zu glauben?
Und dabei ist es doch so einfach. Ein ehrliches Lächeln kostet nichts, und doch ist es so wertvoll. Gemeinsam Zeit zu verbringen ist das größte Glück – doch wir verlernen es immer mehr.
Bin ich wirklich so anders, weil ich immer noch an das Gute im Menschen glauben will? Weil ich daran festhalte, dass es möglich ist, einander mit Respekt und Liebe zu begegnen? Ist das wirklich naiv?
Ich teile, was ich habe. Nicht, weil ich viel besitze, sondern weil das Glück eines anderen für mich bedeutet, dass ich lebe. Weil ein Lächeln mehr wert ist als jede materielle Sicherheit. Weil das für mich Menschlichkeit bedeutet.
Und solange ich atme, werde ich daran festhalten – auch wenn die Welt um mich herum es längst vergessen zu haben scheint.