Ich wollte mal wieder erzählen, wie es mir geht. Aber wo fange ich an? Es gibt so viel, das in mir wirbelt, so viele Gedanken, die sich überschlagen. Manchmal fühlt es sich an, als wäre ich gefangen zwischen dem Wunsch, einfach weiterzumachen, und dem Bedürfnis, alles loszulassen. Ich habe mich zurückgezogen, um wieder zu mir selbst zu finden. Doch je mehr ich mich in die Stille begebe, desto weniger erkenne ich mich.
Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich ein Gesicht, das mir fremd geworden ist. Die Müdigkeit steht mir ins Gesicht geschrieben, meine Augen wirken leer, mein Lächeln – wenn es denn mal kommt – fühlt sich nicht mehr so an wie früher. Mein Körper hat sich verändert, nicht nur äußerlich. Ich habe an Gewicht verloren, aber nicht aus einer bewussten Entscheidung heraus. Ich esse kaum noch. Nicht, weil ich es verweigere, sondern weil es mir egal ist. Das Bedürfnis, mein eigenes Wohlbefinden zu erhalten, ist leiser geworden.
Mein Leben ist im Funktionsmodus gelandet.
Ich funktioniere. Jeden Tag aufs Neue. Ich stehe auf, atme, erledige, was getan werden muss. Ich versuche, für mein Umfeld stark zu sein. Für die Menschen, die ich & die mich lieben und sich Sorgen machen. Also setze ich meine Maske auf. Ich kann für ein paar Stunden so tun, als wäre alles okay, als wäre ich noch ich. Aber sobald ich allein bin, fällt sie wieder. Und dann bleibt nur die Stille.
Um meinem eigenen Kopf zu entkommen, flüchte ich mich in Geschichten. Bücher, Hörbücher, Serien – alles, was mich für ein paar Stunden von meiner eigenen Realität entfernt. Fiktion ist sicherer. Fiktion hat klare Enden. Meine eigene Geschichte scheint sich endlos im Kreis zu drehen.
Und dann sind da noch die Pflasternächte.
Die Nächte, die mich zerreißen. Die mein Rhythmus zerstören und alles noch schwerer machen.
Alle drei Tage klebt mein Mann mir ein neues Fentanyl-Pflaster auf die Haut. Ein kleines Stück Medizin, das über mein Leben bestimmt. Es nimmt den schlimmsten Schmerz, doch es bringt seine eigenen Qualen mit sich. Jede erste Nacht nach dem Wechsel wird zu einem Kampf. Mein Körper rebelliert. Ich bin todmüde, aber Schlaf ist keine Option. Mein Inneres bebt. Meine Muskeln zucken. Ab der Hüfte abwärts fühle ich mich, als würde ich auf einer vibrierenden Plattform liegen. Nichts hilft. Kein Wechsel der Schlafposition, keine Musik, keine Gedankenflucht.
Ich bin eingesperrt in meinem eigenen Körper.
Es kostet Kraft, trotzdem weiterzumachen. Trotzdem aufzustehen, trotzdem durch den Tag zu gehen, trotzdem zu funktionieren. Aber ich tue es.
Ich tue es, weil das Leben weitergeht. Weil es Menschen gibt, die mich lieben. Weil ich immer noch hier bin.
Kürzlich wurde mir die Frage gestellt: „Was bedeutet Heilung für dich?
Ich dachte kurz nach und schrieb:
„Heilung bedeutet für mich nicht, dass der Schmerz verschwindet oder dass alles wieder so wird wie früher. Heilung bedeutet, zu akzeptieren, was ist. Einen Weg zu finden, mit seinem Schicksal umzugehen, ohne daran zu zerbrechen. Sich selbst nicht zu verlieren – trotz allem.“
Doch je länger ich darüber nachdenke, desto mehr begreife ich: Heilung ist so viel mehr. Sie ist kein Zustand, den man irgendwann erreicht. Kein Ziel, auf das man einfach geradewegs zulaufen kann. Heilung ist eine Reise – eine, die oft lang ist, oft steinig, oft mit Rückschlägen behaftet.
Aber was bedeutet Heilung, wenn es kein Zurück gibt?
Wenn es keine Chance gibt, dass „gesund“ jemals wieder auf mich zutrifft? Wenn die Diagnose endgültig ist? Wenn der Körper oder die Seele Narben tragen, die nie mehr verblassen?
Dann bedeutet Heilung etwas anderes.
Heilung ist Akzeptanz
Es bedeutet nicht, einfach alles hinzunehmen oder aufzugeben. Aber es bedeutet, sich der Realität zu stellen. Den eigenen Körper nicht mehr als Feind zu sehen, sondern als einen Teil von sich, der Geduld, Verständnis und Fürsorge braucht.
Es bedeutet, sich nicht dafür zu hassen, dass man nicht „normal“ ist – was auch immer „normal“ eigentlich heißen soll.
Akzeptanz kommt nicht über Nacht. Sie ist ein leiser, langsamer Prozess, der an manchen Tagen funktioniert und an anderen völlig zerbricht. Aber mit der Zeit wächst sie – wenn wir es zulassen.
Heilung ist Anpassung
Es gibt Dinge, die nicht mehr gehen. Wege, die verschlossen bleiben. Und das tut weh. Es tut unendlich weh.
Doch Heilung bedeutet, neue Wege zu finden. Andere Möglichkeiten zu entdecken. Vielleicht langsamer, vielleicht mit Pausen, vielleicht auf eine völlig andere Art – aber immer noch ein Weg.
Heilung ist Trauer – und trotzdem Weitermachen
Oft wird Heilung als etwas Positives dargestellt, als Fortschritt, als Licht am Ende des Tunnels. Aber manchmal ist Heilung auch einfach nur: die Erlaubnis zu trauern.
– Um das, was war.
– Um das, was hätte sein können.
– Um das Leben, das man sich anders vorgestellt hat.
Und dann? Dann geht es weiter. Nicht, weil man muss. Sondern weil es trotz allem schöne Momente gibt. Weil es Menschen gibt, die bleiben. Weil es Dinge gibt, die gelingen.
Und Heilung ist nicht allein sein
Heilung bedeutet auch zu erkennen, dass man nicht allein ist. Dass es Menschen gibt, die verstehen. Die nicht urteilen. Die da sind – an den guten und an den schlechten Tagen.
Und manchmal bedeutet Heilung auch, Hilfe anzunehmen. Zu sagen: „Ich schaffe das nicht allein.“
Das ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Zeichen von Mut.
Heilung bedeutet für mich…
…nicht, dass alles wieder gut wird.
Nicht, dass ich eines Morgens aufwache und plötzlich voller Energie bin, bereit, meine alten Träume zu verwirklichen.
Heilung bedeutet Ich akzeptiere mein Leben.
Meinen Rollstuhl.
Meine Grenzen.
Meine Fehler & meine Schwächen.
Ich akzeptiere, dass meine einst so klar gesteckten Ziele nun unerreichbar bleiben. Dass die Wege, die ich gehen wollte, versperrt sind. Ich akzeptiere, dass mein Körper nicht mehr das kann, was ich mir wünsche.
Und ich schließe Frieden damit, Palliativpatient zu sein.
Das ist meine Heilung. Das ist meine Art, weiterzugehen.
Und doch… es gibt Hoffnung
Ich weiß, dass manche Menschen denken, das sei Aufgeben. Doch das ist es nicht. Realismus ist kein Aufgeben.
Realismus bedeutet, die Dinge zu sehen, wie sie sind – und trotzdem nicht daran zu zerbrechen.
Ich kämpfe nicht gegen das Unvermeidliche. Ich kämpfe dafür, mein Leben so zu nehmen, wie es ist.
Und auch wenn es dunkle Tage gibt, auch wenn der Schmerz manchmal übermächtig erscheint – es gibt Licht.
Es gibt Momente des Lachens.
Es gibt Menschen, die bleiben.
Es gibt Geschichten, die geschrieben werden.
Und solange ich noch hier bin, solange mein Herz noch schlägt – werde ich weitergehen. Auf meine Weise.
Denn wenn Heilung bedeutet, Frieden zu schließen mit dem, was ist – dann heile ich doch jeden Tag. Jeden Tag ein kleines bisschen mehr. Und ich wünsche mir für dich, dass du auch heilung findest in dir selbst. Sieh die kleinen Wunder. Sie sind da, du musst sie nur sehen wollen.