„Warum sitzt so eine Hübsche im Rollstuhl?“
Ach, weißt du, weil ich dachte, es wäre mal an der Zeit, der Schwerkraft eine persönliche Audienz zu geben. Andere machen Yoga, ich mache Ironie.
„Warum musst du so leiden? Das Leben ist ungerecht.“
Oh, absolut, das Leben ist ungerecht – frag mal die Menschen, die solchen Fragen ertragen müssen.
„Du tust mir so leid.“
Spannend. Ich tu dir leid, aber wer tröstet jetzt mich für deinen mitleidigen Blick?
„Du bist so stark.“
Klar, ich hebe täglich eine unsichtbare Tonne Gesellschaftserwartungen. Brauchst du noch einen Trainingsplan? Kann ich dir gerne erstellen.
„Du bist meine Heldin.“
Wenn ich eine Heldin bin, dann bitte mit Cape – aber wehe, es ist Polyester. Ich mag Seide.
„Dass du immer noch lachen kannst.“
Oh, das ist mein Geheimnis: Sarkasmus – schwer zu kriegen, aber absolut empfehlenswert.
Und dann gibt es diese anderen Kommentare. Die, bei denen Sarkasmus kurz schluckt und der Zynismus ans Steuer greift:
„Du bist zu teuer für diese Welt.“
Ach, was soll ich sagen? Premium-Features haben ihren Preis. Aber hey, kein Grund zur Sorge – ich liefere keine Rückerstattungen.
Manchmal sitze ich da, mit meinem „Blick auf die Welt“, und sehe die Teller dieser Menschen. So perfekt abgerundet, so voller Pastellfarben, so weit entfernt von den scharfen Kanten meiner Realität. Es gibt Momente, da bin ich tatsächlich neidisch. Neidisch darauf, wie leicht es sein muss, in einer Welt zu leben, in der der größte Konflikt die Frage ist, ob man das Dressing extra bestellt oder gleich weglässt.
Aber dann schaue ich auf meinen Teller, auf all die Scherben, die Geschichten, die Narben – und ich spüre Stolz. Stolz darauf, dass ich nicht einfach wegsehe. Stolz auf meine Empathie, die wie ein unbequemer Spiegel ist: Sie zeigt nicht nur die schönen Seiten, sondern auch die Risse in der Fassade.
Vielleicht ist mein Rollstuhl nicht nur ein Sitz, sondern eine Perspektive. Eine, die Tiefe statt Oberfläche sieht, die den Schmerz kennt und das Lachen trotzdem liebt. Und weißt du was? Das ist okay. Du kannst deinen Blick behalten, wenn du das möchtest – und ich behalte meinen. Aber Vorsicht: Mein Blick beißt manchmal auch zurück.
Manchmal denke ich, Sarkasmus ist meine Rettungsleine – die einzige Waffe, die ich habe, um mich gegen das Gewicht meiner Realität zu wehren. Andere sagen oft, ich wäre doch gar nicht sarkastisch, ich wäre zu ehrlich, zu direkt, zu nah am Kern. Und vielleicht stimmt das auch. Sarkasmus ist für mich kein Spiel, kein lockerer Witz, sondern mein Schutzschild. Ein zerbrechlicher, zynischer Schild, der mir hilft, in einer Welt zu bestehen, die mir oft mehr nimmt, als sie gibt.
Wenn andere sarkastisch sind, fühle ich mich oft verloren. Unsicher. Es ist, als stünde ich am Rand eines tiefen Abgrunds, nicht sicher, ob sie mich mit einem Scherz auffangen oder einfach fallen lassen. Ich brauche Vertrautheit, um zu verstehen, wo die Grenzen liegen – ob sie lachen oder ob sie nur maskieren, genau wie ich.
Aber wenn es um mich selbst geht? Da bin ich gnadenlos. Ich nehme mein Leben, meine Situation, meine Schmerzen, und ich spucke ihnen ins Gesicht – mit einem Lächeln, das nur halb echt ist, aber mich am Leben hält. Ich mache Witze über das, was andere in Schweigen hüllen würden. Ich übertreibe, ziehe mich selbst durch den Kakao, weil es leichter ist, als zu weinen. Es ist nicht schön, aber es funktioniert.
Vielleicht ist das mein Weg, mit der Ungerechtigkeit des Lebens fertigzuwerden. Ich habe gelernt, dass Zynismus manchmal der einzige Weg ist, um über das zu lachen, was eigentlich zum Verzweifeln ist. Es ist kein Zeichen von Stärke, sondern ein Überlebensmechanismus. Und ehrlich? Manchmal wünschte ich, ich bräuchte ihn nicht so oft.