Respekt oder gar nichts

Es ist eine dieser Nächte – eine „Pflasternacht“. Drei Tage Schmerzmanagement, und dann, wenn das neue Fentanyl-Pflaster klebt, bringt es alles durcheinander. Schlafen? Unmöglich. Ein gesunder Rhythmus? Den habe ich schon längst verloren. 

Der letzte Infekt? Überstanden, irgendwie. Aber der Preis dafür war hoch: Antibiotika, die meinen ohnehin angeschlagenen Magen zerfetzt haben. Mehrmals habe ich Chemotherapien geschluckt, die sich durch meinen Körper gegraben haben – jede Tablette ein weiterer Schlag für meinen Magen, meine Speiseröhre, mein Inneres. Und als ob das nicht reicht, gibt es die Spastik, die nicht nur meine Arme und Beine betrifft, sondern auch die Muskeln, die ich brauche, um überhaupt zu leben. 

Ich kämpfe. Selbst jetzt, wo mein Bett mein Alltag ist und ich oft nicht einmal die Kraft finde, den Tag wirklich zu beginnen. Es fühlt sich an, als wäre alles zu viel, und doch irgendwie zu wenig. Vielleicht wäre das Palliativnetzwerk eine Hilfe, aber allein der Gedanke, dort anzurufen, erstickt mich. Es klingt alles nach Ausreden, oder? Aber es ist meine Realität. 

Ich schlafe fast nur noch, und wenn ich nicht schlafe, versinke ich in Hörbüchern. Kontakt zu halten – etwas, das früher selbstverständlich war – ist heute eine Qual. Nicht, weil ich nicht will, sondern weil es so weh tut, zu sehen, wie die Menschen, die ich liebe, an meiner Realität zerbrechen. Ihre Blicke, ihr Schmerz, wenn sie begreifen, wie es mir wirklich geht… das ertrage ich kaum. 

Mein Handy, das Internet, Discord, Twitch – das ist meine Welt geworden. Hier kann ich sein, wer ich früher war. Ich kann lachen, spielen, imaginäre Bälle werfen, und niemand muss sehen, wie krank ich wirklich bin, wenn ich es nicht will. Es ist ein Stück Freiheit, ein Stück Leben, in einer Welt, die sich immer enger um mich schließt und ich nicht entkommen kann.

Wenn man im Internet unterwegs ist, begegnet man allen möglichen Menschen. Einige davon werden zu echten Freunden, andere bleiben flüchtige Bekannte, und dann gibt es jene, die man am liebsten nie getroffen hätte. Besonders als Frau fühlt sich das Netz oft wie ein Minenfeld an, voller unausgesprochener Gefahren und leiser Bedrohungen. 

Ein sicheres Netzwerk ist essenziell, aber der Ekel lauert überall. Ich genieße es eigentlich, mich in Talks zu unterhalten, mit Menschen zu lachen, neue Perspektiven zu hören. Doch dann kommt er. Der Mann, der nur meine Stimme hört und mich mit einem flapsigen „Süße“ anspricht. Sofort stockt mir der Atem. Meine Stimme verstummt, und mein Herz schlägt schneller – nicht vor Freude, sondern vor Unbehagen. 

„Nimm doch einfach mal ein Kompliment an“, sagen sie. „Süße ist doch nur ein Wort, nichts Böses.“ Aber nein. Für mich ist es nicht nur ein Wort. Es ist ein unangenehmes Vordringen in meine Welt, ein Vorbote von etwas Dunklerem. „Süße“ ist kein Kompliment, es ist eine Einladung – eine Einladung, die ich nie ausgesprochen habe. 

Ich spüre das Kribbeln auf meiner Haut, aber es ist kein gutes Gefühl. Es ist Gänsehaut aus Ekel. Denn was folgt nach „Süße“? „Tolle Kurven“? „Sexy Stimme“? Das Abgleiten in eine Richtung, die ich kenne und verabscheue. Es ist der gleiche Weg, der im realen Leben mit einer Hand auf meinem Arm beginnt, mit einem unerwünschten Streicheln durchs Haar, bis hin zu dem Moment, in dem ich merke, dass ich nicht mehr wegkann. 

Nein, ich werde das nicht akzeptieren. Nicht im Netz und nicht im echten Leben. Ich liebe Komplimente – ehrlich gemeinte, niveauvolle Worte, die mich als Mensch sehen, nicht als Objekt. Aber solche Bemerkungen? Sie lassen meine Alarmglocken schrillen. Denn ich weiß, was dahintersteckt. Ich habe es schon erlebt. Und ich schwöre mir: Nie wieder. 

Nie wieder lasse ich zu, dass ich klein gemacht werde, zum Spielzeug von jemandem, der mich nur auf meinen Körper, meine Stimme oder meinen Auftritt reduziert. Nie wieder lasse ich mich zwingen, stillzustehen, während ich in meinem Innersten schreie. 

Das Netz mag ein Ort der Begegnungen sein, aber es ist auch ein Ort, an dem man lernen muss, Grenzen zu ziehen. Und meine Grenze ist klar: Respekt oder gar nichts.

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