In einer Zeit, in der die Welt oft so polarisiert scheint, beobachte ich immer häufiger, wie Menschen sich voneinander abgrenzen. Es wird nach Unterschieden gesucht, wo doch so viele Möglichkeiten für Begegnungen liegen. Wir ziehen uns zurück in kleine, vertraute Welten, in denen Anderssein wenig Platz hat. Doch ich frage mich:
Warum können wir nicht mehr Brücken bauen, statt Mauern zu errichten?
Seit ich meinen Mann kenne, einen Lehrer mit einer ganz anderen schulischen Prägung als meiner eigenen, erkenne ich, wie entscheidend Bildung für unser Denken und Fühlen ist. Mein eigener Weg war voller Herausforderungen. Als ich aufgrund meiner Querschnittslähmung die Schule wechseln musste, fühlte ich mich verloren, voller Angst und Unsicherheit. Doch heute blicke ich anders darauf zurück. Diese Erfahrung hat mir die Augen geöffnet und mir gezeigt, wie wichtig es ist, die Welt aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten.
Diese Sichtweise hat mich gelehrt, die Vielfalt der Menschen um mich herum zu schätzen. Ich habe Freunde aus den unterschiedlichsten Kulturen, mit verschiedenen Hintergründen, Glaubensrichtungen und Lebensgeschichten. Diese Unterschiede bereichern mein Leben jeden Tag. Wenn ich mit Freunden zusammensitze, frage ich mich oft, was uns verbindet und warum unsere Freundschaften so stark sind.
Es wird deutlich: Es geht nicht nur um den akademischen Hintergrund oder die berufliche Ausbildung. Es geht um das, was uns als Menschen ausmacht. Zuhören – wirklich zuhören – ist das größte Geschenk, das wir uns gegenseitig machen können. Es öffnet Türen, baut Verständnis auf und lässt uns den anderen in seiner Gesamtheit sehen. In einer Welt, die oft kompliziert und unbarmherzig ist, ist Empathie der Schlüssel, um gemeinsam zu wachsen und uns gegenseitig zu stützen.
Wie oft habe ich den Satz gehört:
„Ach, wenn wir doch nur gewusst hätten, wie wenig Zeit uns bleibt.“
Zeit – das kostbarste Gut, das uns nicht zurückgegeben werden kann. In Altenheimen wird uns die Bedeutung von Zeit und Zuhören besonders deutlich. Dort sehen wir, wie viele Menschen von ihren Familien vergessen werden, oft nur einmal im Jahr besucht. Doch jeder Mensch, egal wie alt, egal wie krank, benötigt Gemeinschaft und Gesellschaft. Alt werden wir von alleine, hoffentlich – aber wie viel schöner wäre es, wenn wir in dieser Zeit auch füreinander da wären?
Ja, wir sind alle unterschiedlich. Doch genau das macht das Leben so reich. Anstatt Mauern zu bauen, könnten wir so viel mehr erreichen, wenn wir uns darauf konzentrieren, Brücken zu schlagen – Brücken des Zuhörens, des Verstehens und der Annäherung. Ich bin unglaublich dankbar für die Freundschaften, die ich pflege. Sie lehren mich, dass ein „Wir“ entsteht, wenn wir den ersten Schritt machen und die Andersartigkeit des anderen annehmen.
Die Welt ist groß genug für all unsere Unterschiede. Möge sie auch groß genug sein für unsere Bereitschaft, aufeinander zuzugehen. Wir könnten so viel voneinander lernen, wenn wir den Mut aufbringen, uns zu begegnen. Lasst uns also Brücken bauen – für eine Welt, in der Miteinander mehr zählt als Gegeneinander