Meine Bucketlist – Zwischen Lebenslust und Abschied

Ich wurde in letzter Zeit oft gefragt, ob ich eine Bucketlist habe. Diese Frage trifft mich jedes Mal mit voller Wucht. Freunde, Bekannte, sogar meine Ärztin nach dem letzten MRT haben sie gestellt. Sie sprach nicht nur von einer Patientenverfügung, sondern auch von meinen Wünschen – meinen letzten Wünschen. Ich verstehe den Gedanken dahinter, wirklich. Die Idee, alles zu tun, bevor es „zu spät“ ist. Aber ehrlich gesagt? Ich renne weg. Ich lenke mich ab. Ich habe eine Bucketlist, zumindest theoretisch, aber sie fühlt sich nicht echt an.

Musik war immer mein Ventil. In den schwersten Momenten, wenn mein Körper mich im Stich ließ und die Welt zu laut oder zu leer wurde, war die Musik immer da. Doch seit dem letzten MRT hat sich etwas verändert. Jetzt flüstert eine leise Stimme in mir, jedes Mal, wenn ich ein Lied höre: „Vielleicht ist das ein gutes Beerdigungslied?“ Dieser Gedanke schleicht sich so ungebeten in mein Bewusstsein, dass es schwer ist, ihn zu ignorieren. Nicht, dass ich morgen sterben würde. Nicht heute, vielleicht auch nicht übermorgen. Aber die Wahrheit ist, dass ich auf einer sinkenden Titanic sitze. Und während ich versuche, an den Horizont zu blicken, sagen mir die Menschen um mich herum – Ärzte, Therapeuten, sogar mein eigenes Umfeld –, ich müsse planen, was ich am Ende möchte.

Aber das Ende… das will ich einfach nicht. Ich will nicht planen, was kommen wird. Doch je mehr ich mich davor verschließe, desto präsenter wird es. Wie kann man sich mit dem Tod auseinandersetzen, wenn man doch eigentlich das Leben will? Ich sitze oft mit meinen Freunden zusammen, und sie wollen davon nichts hören. Sie sagen, ich sei depressiv, weil ich über meine Beerdigung nachdenke. Sie meinen es nicht böse. Sie versuchen nur, mir Mut zu machen, mich im Hier und Jetzt zu halten. Doch jedes Gespräch mit einem Arzt erinnert mich daran: Es geht genau darum. Es geht immer nur ums Ende. Dieser Spagat – zwischen Leben und Sterben, zwischen Zukunft und dem, was unvermeidlich ist – zerreißt mich.

Und so kehre ich zurück zur Musik. Sie gibt mir Trost, aber gleichzeitig lassen mich die Gedanken nicht los. „Vielleicht dieser Song?“, flüstert die Stimme wieder. Ich weiß nicht, wie ich mit dieser Balance umgehen soll. Vielleicht werde ich es nie wissen.

Eine Bucketlist, das klingt nach Abenteuer. Nach Lebenslust. Nach Dingen, die man noch unbedingt erleben will. Und ja, ich habe Träume, die ich gerne erfüllen würde. Aber ist es wirklich falsch, auch über das Ende nachzudenken? Ist es nicht normal, angesichts der Realität, in der ich lebe, darüber nachzudenken, was ich mir wünsche, wenn ich nicht mehr da bin?

Die Wahrheit ist: Ich will das Leben. Ich will die kleinen Momente, das Lachen mit Freunden, die Schönheit eines Sonnenuntergangs und die Wärme einer Umarmung. Aber ich kann nicht so tun, als ob das Ende nicht irgendwo wartet. Es tut mir weh, darüber zu sprechen, aber es tut auch weh, zu schweigen.

Ich wünsche mir, dass die Menschen verstehen, dass diese Gedanken nicht nur düster sind, sondern auch Teil eines Prozesses. Ein Prozess, der mir erlaubt, beides zu wollen: das Leben und einen friedlichen Abschied, wenn es irgendwann soweit ist. Vielleicht ist das meine wahre Bucketlist. Der Versuch, Frieden zu finden – mit dem Leben, das ich noch habe, und mit dem Unbekannten, das kommt.

Und vielleicht, ganz vielleicht, finde ich irgendwann einen Song, der nicht nur für das Ende passt, sondern auch für den Anfang.

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