Aura & trozdem

Mir wird oft gesagt, dass ich eine besondere Ausstrahlung habe, dass ich Menschen anziehe. Aber ehrlich gesagt, ich verstehe das nicht wirklich. Ich sitze hier, in einem Körper, der nicht mehr das tut, was er einst konnte. Meine Bewegungen sind auf ein Minimum reduziert, meine Gestik kaum vorhanden. Was kann an mir schon so besonders sein? Ich tue ja nichts, ich bin einfach nur… ich. Doch irgendwie scheint das genug zu sein.

Es ist eine seltsame Sache, diese „Aura“, von der die Leute sprechen. Gibt es sie wirklich? Haben wir alle etwas, das über das hinausgeht, was wir tun, was wir sagen, oder wie wir aussehen? Theoretisch ja, denke ich. Auch ich spüre es manchmal, wenn ich in einen Raum komme – egal, ob er virtuell ist oder real. Ich nehme die Stimmung wahr, die Atmosphäre, als würde sie durch die Luft vibrieren. Es ist schwer zu beschreiben, aber sie ist da. Ein Lächeln, eine Spannung, eine unausgesprochene Energie. Menschen hinterlassen Spuren, ohne dass sie es merken.

Vielleicht ist es genau das, was andere bei mir spüren. Nicht meine Bewegungen oder Worte, sondern etwas Tieferes. Ein Teil von mir, der trotz allem noch leuchtet, noch strahlt. Es fühlt sich seltsam an, das zu sagen, weil ich mich oft gar nicht so stark fühle. Doch irgendwas muss da sein, wenn es immer wieder Menschen berührt. Ich frage mich, ob es meine Akzeptanz ist, dass ich meinen Zustand annehmen musste, dass ich gelernt habe, das Leben in dieser Form zu lieben, obwohl es anders ist als das, was ich mir je vorgestellt habe.

Der menschliche Geist ist wirklich faszinierend. Was wir alles wahrnehmen können, ohne es wirklich bewusst zu verstehen. Wir fühlen Dinge, die Worte nicht immer erklären können. Vielleicht ist es diese innere Stärke, die mich trägt, diese Hoffnung, die trotz allem nicht verblasst. Selbst an den Tagen, an denen die Realität schwer auf mir lastet, gibt es einen Teil von mir, der sich an die Schönheit des Lebens klammert.

Aber ich bin auch nur ein Mensch. Einer, der sich nicht als besonders wahrnimmt, sondern einfach nur versucht, seinen Weg zu gehen. Vielleicht ist das die wahre Ausstrahlung, die Menschen spüren: die Authentizität, das pure Dasein in einem Zustand, in dem so vieles verloren schien, und doch so vieles geblieben ist.

Was auch immer es ist – ich bin dankbar. Dankbar, dass ich trotz aller Einschränkungen noch etwas geben kann, dass ich noch immer eine Verbindung zu den Menschen um mich herum spüre. Am Ende ist es doch das, was uns alle verbindet, oder? Diese unsichtbaren Fäden, die uns zusammenhalten, die uns durch die dunkelsten Zeiten tragen. Menschen sind faszinierend, ja. Und ich bin dankbar, dass ich das jeden Tag aufs Neue erfahren darf.

Und doch gibt es Dinge, die ich Anklage!

Ich schreibe diesen Text in der Hoffnung, dass diejenigen erreicht werden, die ich meine – ich, diese Stimme, die oft leiser ist, aber nicht weniger stark möchte gehört werden. Dieser Text ist eine Anklage, eine Aufforderung, hinzuhören.

Nein bedeutet Nein! Es ist kein vages Versprechen, kein Platz für Zweifel. Es ist ein ganzer Satz! Ich brauche keinen Grund, um mein Nein zu rechtfertigen – es reicht aus, dass ich es sage. Mein Nein macht mich nicht besser oder schlechter, und ich bin nicht verklemmt, weil ich Dinge ablehne, die ich nicht will. Mein Leben, meine Regeln. Ich bin nicht prüde oder zickig, wenn ich bestimmte Witze nicht verstehe oder Wert auf meine Grenzen lege.

Schüchternheit ist keine Einladung. Wenn ich rot werde, dann nicht, um dir zu gefallen oder deine Belustigung zu befriedigen. Es ist ein Zeichen der Unbehaglichkeit, der Unsicherheit. Ich vertraue nicht schnell, besonders nicht Männern. Ich weiß, dass mein Nein oft ignoriert wird, und mit meinem Handicap bin ich ein perfektes Ziel für Übergriffe.

Ich mag dich nicht weniger, weil ich keine Umarmung möchte. Ich ertrage sie einfach nicht. Ich will selbst bestimmen, wer mich wann berührt – ohne Diskussionen. Kein „Da musst du jetzt durch, weil ich dich liebhabe.“ Das überschreitet meine Grenzen und untergräbt meinen Willen. Ja, ich stehe zu anderen Menschen anders. Gewisse Freunde haben Privilegien, aber nur, weil sie mich anders behandeln, weil Vertrauen zwischen uns gewachsen ist. Das war für sie kein leichter Weg und es gibt immer noch Unsicherheiten. Ich bin ein zutiefst instabiler Mensch, schreckhaft, voller Trigger und Gespenster. Mein Vertrauen muss täglich neu geprüft werden. Freundschaft mit mir kann sich anfühlen wie ein Kampf.

Aber ich möchte nicht übergangen werden. Wenn ich mit Freunden unterwegs bin und das Personal meine Begleitung fragt, was ich möchte oder wieso ich im Rollstuhl sitze, dann will ich nicht, dass sie anstelle von mir sprechen. Ich bin direkt vor dir! Sprich mich an! Es ist entmündigend und übergriffig, mich auf meine Begleitung zu reduzieren. 

Reduziere mich nicht auf mein äußeres Erscheinungsbild. Ich bin mehr als „schöne Lippen“ oder ein „tolles Dekolleté“. Solche Komplimente machen mich unbehaglich. Wenn du fragst: „Wieso sitzt so eine Hübsche wie du im Rollstuhl?“, was soll ich darauf antworten? Bin ich weniger wert, weil ich im Rollstuhl sitze? Ist Inklusion ein Fremdwort für dich? 

Fass mir nicht ungefragt ins Haar, nur weil da ein Blatt hängt. Halte dich im Bus oder in der Bahn nicht ungefragt an meinem Rollstuhl fest. Sprich mich an, frag vorher. Ich bin ein Mensch wie du und habe das Recht auf meine Grenzen.

In der heutigen Zeit bewegen wir uns viel im Internet. Das macht vieles leichter, aber auch hier zählt mein Nein. Ich habe das Recht, deine Nachrichten oder Bilder abzulehnen, und bin deswegen nicht zickig. Wenn du das nicht verstehst, sagt das mehr über dich aus und bestätigt mein Unbehagen. Das größte Problem ist: Deine Reaktion verfolgt mich in meinen Träumen. Sie lässt die Stille und Dunkelheit wieder unheimlich werden. Alpträume, die durch dich gefüttert werden, und der Kampf, da herauszukommen, beginnt von Neuem. Nur meine Vertrauten und Freunde wissen nicht, was ich durchmache, weil sie dir nicht begegnet sind. Und dann stehe ich wieder vor der Wahl: Erzähle ich von meinen Erfahrungen, erlebe deine Reaktion vielleicht zum dritten Mal und hoffe, dass ich verstanden werde? Oder ziehe ich mich zurück, allein, um wieder abgestempelt zu werden? 

Darum klage ich all jene an, die im Internet, sowie in der Öffentlichkeit ihren Körper und ihr Geschlecht als Machtinstrument einsetzen. Du bist so viel mehr und machst den Kampf um Gleichberechtigung zunichte. 

Akzeptiere mein Nein, und vielleicht lasse ich meine Schutzmauern sinken, und es wird ein „Wir“ daraus. Wir sind in der Technologie weit gekommen, aber verlernen immer mehr die Menschlichkeit. Fühlst du dich angesprochen? Wenn ja, frage dich selbst, warum das so ist. Mein Geschlecht ist nicht schwächer, nur oft übertönt von den lauteren Stimmen der Gesellschaft. Wir stehen auf, kämpfen um gehört zu werden, denn jeder Mensch hat das Recht auf seinen Körper und seine Meinung. Auch wenn sie anderen nicht gefällt.

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